Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Rudi Carrell als Zielscheibe: ZDF wirbt für Doku, die Shows der 90er Jahre als sexistisch darstellt
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Dunja Hayali preist eine Doku an, in der fünf mehr oder weniger prominente Frauen aus der Unterhaltungsbranche über Sexualisierung im TV vor 30 Jahren reden. Die Szene sei männerdominiert gewesen, Frauen als hübsche Assistentinnen der Entertainer nur schmückendes Beiwerk. Auch Thomas Gottschalks altbekannte Neigung zur Körpernähe bei weiblichen Stars wird noch einmal angeprangert. Das ZDF ist sogar Koproduzent des Films.
Im heute-journal am 13. Juli steht Dunja Hayali im Studio, eingeblendet sind fünf Frauen, die nicht jedermann ein Begriff sind: Esther Schweins, Hella von Sinnen, Gaby Köster, Maren Kroymann und Bettina Böttinger, alle, bis auf letztere, sogenannte Comediennes. Die Moderatorin fragt: „Was haben diese fünf Personen allesamt gemein? Sie sind Frauen und sie sind alle in den 90er Jahren auf dem Bildschirm zu sehen gewesen. In einer Zeit also, wo es nicht um Sichtbarkeit von Frauen, sondern vor allem um Sexualisierung ging. Sie waren Angrapsch-Objekte, Ziel von Pointen und neben den dominierenden Männern eher Begleitmusik, auch im ZDF.“
Die Formate seien zwar erfolgreich gewesen, so Hayali, aber Frauen hätten „die Zeche gezahlt“: „Jetzt, Jahrzehnte und viele Kämpfe später, zeigt die vom ZDF koproduzierte Dokumentation ‚Was haben wir gelacht‘ ihre Perspektive.“ Der folgende Filmbeitrag beginnt mit einer Aneinanderreihung von Szenen, in denen ZDF-Flaggschiff-Moderator Thomas Gottschalk („Wetten, dass …?“) weibliche Gäste am Arm berührt oder ihnen das Knie tätschelt. Dazu heißt es: „‚Wetten, dass …?‘ hatte eine klare Rollenverteilung: Die Frau ist hübsch, der Mann sagt an, fummelt rum und überschreitet Grenzen.“

Kino-Plakat zum Doku-Film.
Erinnerungen an die MeToo-Bewegung
Eine der beiden Regisseurinnen, Isabel Schneider, sagt: Es habe ein Muster gegeben, damals in den 90er-Jahren, wie Frauen behandelt wurden: „Thomas Gottschalk hat Frauen angefasst, er war nur Hecht im Karpfenteich.“ Wir alle seien so sozialisiert worden, das sei uns als „normal“ vorgegeben worden. Ist es, will sie uns sagen, natürlich nicht.
Nun hat sich damals nicht ein einziger weiblicher Gast über Gottschalks Neigung, neben ihm sitzende Frauen zu berühren oder anzügliche Bemerkungen zu machen, beschwert – weder Madonna noch Cher, Claudia Schiffer oder Iris Berben. Für Anhänger der #MeToo-Bewegung hingegen und Frauen, die nach eigenem Bekunden kein Interesse an Männern haben (drei der fünf Protagonistinnen des Films und die ZDF-Moderatorin), allerdings kein Grund, nicht Jahrzehnte später über die vermeintlichen Übeltäter zu richten.
Hier drängen sich Parallelen zur #MeToo-Bewegung auf und zu Fällen, in denen Hollywood-Schauspielerinnen mit jahrzehntelanger Verspätung über die „Besetzungscouch“ klagten. Kritiker werfen ihnen vor, zunächst Karriere gemacht und nicht gegen die übergriffigen Produzenten geklagt zu haben.

Für Feministinnen heute keine lässliche Sünde, sondern Beweis für patriarchale Dominanz: „Touchy“ Gottschalk in seiner Show.
Weiße tote Männer, posthum verurteilt
Hinzu kommt, dass die in Filmschnipseln gezeigten Männer sich größtenteils nicht mehr wehren können, weil sie – wie Hans-Joachim Kulenkampff, Wim Thoelke, Rudi Carrell oder Harald Juhnke – längst tot sind. Besonders niederträchtig erscheint hier, dass Thomas Gottschalk, das Zugpferd des Zweiten schlechthin, zur Zielscheibe des vom ZDF mitbezahlten Films wird: Er kämpft seit Jahren gegen ein seltenes und aggressives epithelioides Angiosarkom, einen bösartigen Tumor der Blut- und Lymphgefäße. Will das ZDF hier nachtreten?
Gottschalk hatte in seiner finalen Moderation im November 2023 gesagt: „Inzwischen rede ich zu Hause anders als im Fernsehen und das ist auch keine dolle Entwicklung.“
Bevor einer käme und ihm vorwerfe, einen Shitstorm ausgelöst zu haben, „dann sag’ ich lieber gar nix mehr“. Öffentlich wurden Gottschalks Körpernähe und das Zotenreißen eher mit Humor, jedenfalls nachsichtig, aufgenommen, sein Verhalten galt als harmlos. Der Entertainer selbst sagte, er habe Frauen nie unsittlich angefasst.

Eingeblendet: Thomas Gottschalks Hand auf dem Knie von Iris Berben.
„Humor als Machtfaktor“
Nun waren die fünf Frauen, die auf die großen Unterhaltungsshows der 1990er- und frühen 2000er-Jahre zurückblicken, niemals selbst betroffen. Sie sollen sich im Film – jeweils einzeln, übrigens – über Humor als Machtfaktor äußern. Frauen seien damals, so die Grundaussage der „Doku“, entweder schmückendes Beiwerk oder Zielscheibe misogyner Herrenwitze gewesen, die sich widerstandslos betatschen lassen mussten.
Weiblicher Humor sei in der Branche teilweise sogar als Risiko für die Einschaltquote betrachtet worden – wobei böse Zungen behaupten, dass insbesondere Gaby Kösters und Hella von Sinnens Brachial-Witze für diese Annahme reichlich Anlass gegeben haben. Der Film stellt Fragen, die vor allem Feministinnen interessieren dürften: Wer durfte im Fernsehen witzig sein? Über wen wurde gelacht? Und welchen Einfluss hatten Macht und Geschlecht auf die Karrieren vor und hinter der Kamera?
Frauen hätten das alles hingenommen (auch die Protagonistinnen räumen ein, damals nichts gesagt zu haben) und gute Miene zum bösen Spiel gemacht, sich aber später teilweise gegen männlich dominierte Strukturen durchgesetzt und Humor als „Machtfaktor“ erkannt. Heute geben sie vor, sich zu wundern, wie sie das damals ausgehalten haben, statt sich zu fragen, wie Frauen mit überschaubarem Comedy-Talent trotzdem groß rauskommen konnten.
Wieder aufgewärmt: Schmidt, Böttinger und die Klobrille
Als Beleg für patriarchale Dominanz dienen im Film nicht nur das Herumfingern an den Knien weiblicher Showgäste, sondern auch Witze auf Kosten von Frauen, die sich die Regisseurinnen in zweijähriger Archivarbeit mühsam zusammenklauben mussten, dazu geschmacklose Anzüglichkeiten und Kalauer von Karl Dall, der allerdings auch Witze über Geschlechtsgenossen und sich selbst machte (Autobiographie: „Auge zu und durch“).
Die Absicht ist klar erkennbar: Hier erheben sich Spätgeborene über Zeitgenossen, die eine etwas andere Sicht auf die Welt und ein anderes Humorverständnis hatten und von #Me-too-Debatten keine Vorstellung hatten. Und ein Vorfall mit Harald Schmidt löste schon damals Debatten aus: Der hatte im Rahmen eines Bilderrätsels vier Fotos in die Kamera gehalten. Die Aufnahmen zeigten eine Ausgabe der feministischen Zeitschrift Emma, eine Klobrille, eine Flasche Eierlikör sowie die WDR-Moderatorin Bettina Böttinger. Schmidt fragte, was die Motive gemeinsam hätten, und gab zur Antwort: „Die würde kein Mann freiwillig anfassen.“ Gemein, gewiss, aber damals musste Schmidt noch nicht mit einer Anzeige rechnen.
Man wollte „nicht Witze-Polizei sein“, beteuert Regisseurin Eva Müller in dem ZDF-Einspieler. Der Eindruck drängt sich aber auf. Müller, Jahrgang 1979, hat die Zeit als Jugendliche erlebt, Isabel Schneider, erst 1995 geboren, bestenfalls als Kleinkind. Beide legen die Maßstäbe von heute an eine Zeit, die sie nicht wirklich bewusst erlebten. Und überhaupt pflegen nicht alle Menschen dasselbe Humorverständnis.

Sie drehten den Film: Eva Müller und Isabel Schneider.
„Gar nicht mehr sooo lustig“
Vielsagend ist vor allem der journalistische Hintergrund der beiden Frauen, die auch das Drehbuch schrieben. Eva Müller arbeitet unter anderem für das ARD-Politmagazin „Monitor“, Isabel Schneider vor allem für das ARD-Politikmagazin „Panorama“ (Schwerpunktthemen: Gleichstellung, Machtmissbrauch und Soziale Gerechtigkeit). Sie gehörte auch zu den Autoren der Recherche „Panorama: Rammstein – Die Reihe Null“, in der Till Lindemann, dem Frontsänger der Band Rammstein, Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe und ein systematisches Rekrutierungssystem von jungen Frauen für sexuelle Handlungen vorgeworfen wurde. Juristisch wurden die Ermittlungen gegen Till Lindemann allerdings von der Staatsanwaltschaft Berlin im August 2023 eingestellt, weil keine hinreichenden Beweise für strafrechtlich relevantes Verhalten vorlagen.
So wie sich die Rammstein-Groupies freiwillig mit den Musikern einließen und die weiblichen Gäste bei „Wetten, dass …?“ auch nicht gezwungen wurden, sich neben Gottschalk auf die Couch zu setzen, ist der Eifer, mit dem mit jahrzehntelangem Abstand über die 90er-Jahre geurteilt wird, verstörend. Worüber Millionen lachten (oder mit den Augen rollten), löst heute in bestimmten Kreisen Empörung aus. Besonders angesichts der aktuellen Lage, in der Frauen immer häufiger Opfer von sexuellen Übergriffen und sogar Gruppenvergewaltigungen werden, erscheint das Bashing von mehr oder weniger harmlosen Witzen oder anzüglichem Gerede vor 30 Jahren rechtschaffen deplatziert.
Im ZDF-Beitrag sieht man das ganz anders: „Ein beeindruckendes Zeitdokument, in dem vieles heute anders erscheint als damals. Eine Rückschau, die unterhält und sprachlos macht.“ Weil die Aufforderung eines Entertainers an seine Assistentin, mal ein paar Schritte hin- und herzugehen, um sich an ihren Beinen zu erfreuen, handfesten Sexismus unserer Tage bedeutungslos machen soll? „Ja, ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten, gar nicht mehr sooo lustig“, sagt Dunja Hayali noch, bevor sie ankündigt, dass „Was haben wir gelacht“ ab Donnerstag im Kino läuft.
Betrachtung durch die ideologische Brille
Um in den Unterhaltungsshows vergangener Zeiten vor allem patriarchalische Arroganz, Sexismus, Respektlosigkeit und männliche Machtstrukturen zu sehen, muss man neben einem von der Norm abweichenden Humorverständnis wohl vor allem eine ideologische Sichtweise einbringen. Das gilt nicht nur für die Regisseurinnen. So sagt Maren Kroymann, dass Unterhaltung eben nie bloß Unterhaltung ist, sondern „gesellschaftliche Erwartungen und Machtverhältnisse fortschreibt“. Und die Talkshow-Moderatorin Bettina Böttinger („Unsere Gesellschaft ist glücklicherweise divers“) meint: „Es geht um das Phänomen von Sichtbarkeit.“
Schon das Wording ist verräterisch. Und egal, wie man die Qualität der Unterhaltungsshows vergangener Tage einschätzen mag: Die Comedy-Aktivitäten der vier Kommentatorinnen im Film lagen gewiss nicht über dem Durchschnitt. „Frauen sind nicht komisch“, habe sie früher ständig gehört, erinnert sich Kroymann im Film. Als Pauschalurteil sicher nicht korrekt, aber doch auf so manche Comedienne (wie auch auf so manchen männlichen Kasper in der Branche) zutreffend.
Ein Plädoyer für „Sichtbarkeit“ bei gleichzeitiger Verteufelung des „Patriarchats“ und Abfeiern „starker Frauen“ – das ist genau das Gemisch, das man beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen liebt. Und für das man gern das Geld des Beitragszahlers springen lässt. Natürlich hat auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer 30.000 Euro beigetragen, die Film- und Medienstiftung NRW sogar 140.000 Euro Produktionsförderung plus 25.000 Euro Verleihförderung.
Früher oder später dürfte „Was haben wir gelacht“ wohl auch im Zweiten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden. Ein Film für alle, die sich über Rainer Brüderles Dirndl- und Tanzkarten-Sprüche mehr aufregen können als über migrantische „Grooming Gangs“ in Nürnberg, und die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Partner Christian Ulmen zum Anlass nehmen, alle Männer zu Schweinen zu erklären.
Damit ist die Zielgruppe aber auch schon hinreichend beschrieben. Für alle anderen ist er nichts. Vor allem Thomas Gottschalk sollte „Was haben wir gelacht“ aus gesundheitlichen Gründen lieber nicht sehen.
Mehr zum Thema: ZDF fragt: „Sind alle Männer scheiße?“ – Dafür zahlen wir Gebühren!
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