Mercedes-Aufsichtsratsvorsitzender Brudermüller: „Die Situation in Deutschland ist viel ernster, als die meisten denken“
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Mercedes wird in diesem Jahr 140 Jahre alt. In einem Interview mit dem Handelsblatt spricht Aufsichtsratsvorsitzender Martin Brudermüller über eine Regulierungsphilosophie, von der die Industrienation Deutschland massiv betroffen ist – und er sagt, warum er für die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ist.
NIUS dokumentiert wichtige Aussagen.
„Es ist kein Naturgesetz, dass Deutschland immer ganz oben steht“
„Die Situation in Deutschland ist viel ernster, als die meisten denken. Wir erleben seit Jahren eine sich beschleunigende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit unseres Heimatlandes. Unsere industrielle Basis verliert international an Gewicht, auf breiter Front Marktanteile und leider auch häufig die technologische Führung. Ein wichtiger Grund dafür ist eine von der industriellen Realität zunehmend entrückte Regulierungsphilosophie in Europa, von der die Industrienation Deutschland massiv betroffen ist. Deutschland hat über lange Zeit eine einmalige Friedens-, Innovations- und Wachstumsdividende eingefahren – und die bequem nach vorne extrapoliert. Man hat den Bürgern nie den Spiegel vorgehalten und gesagt: Es ist kein Naturgesetz, dass Deutschland immer ganz oben steht. Bei der Infrastruktur oder der Digitalisierung etwa haben wir über Dekaden nicht viel gemacht.“
Wird die Wirtschaft wachsen?
„In den vergangenen Jahren gab es nur noch einen dominierenden Wachstumstreiber: Staatsausgaben. Die Staatsquote liegt inzwischen bei fast 50 Prozent, während private Investitionen rückläufig sind. Zugespitzt gesagt: Deutschland ist auf dem Weg in eine Planwirtschaft – und das wird nicht klappen. Ich bin fest überzeugt, dass die große Ernüchterung kommen wird, wenn die Weltwirtschaft anzieht und wir feststellen, dass das Wachstum weitgehend an Deutschland vorbeigeht. Ich habe Zweifel, dass die besten Zeiten noch vor uns liegen, wenn wir so weitermachen.“
Was wir ändern müssen
„Bei der Infrastruktur müssen wir einen großen Plan entwickeln. Es bringt uns nicht vorwärts, jedes Straßenloch zu reparieren. Stattdessen sollten wir vorrangig einige wirklich wichtige Themen wie Energienetze angehen. Die Netzgebühren sind mittlerweile höher als die Kosten der Stromproduktion. Das belastet die Wettbewerbsfähigkeit massiv. Wir müssen darüber reden, wie wir zu wettbewerbsfähigeren Arbeitskosten kommen. Arbeit ist bei uns im internationalen Vergleich zu teuer geworden. Einen Produktionsvorteil gegenüber wichtigen Wettbewerbern haben wir nicht mehr. Entweder Sie kürzen Gehälter oder es wird länger gearbeitet für das gleiche Gehalt. Das erste ist in der Praxis nicht zumutbar. Wie wollen Sie einkommensschwachen Familien mit Kindern erklären, dass sie 20 Prozent weniger bekommen? Es ist aber in unserer schwierigen Situation absolut zumutbar, wieder länger zu arbeiten. Wir sollten ernsthaft die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche angehen.“
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