PR-Show „Made for Germany“: Merz’ Milliarden-Initiative liegt 80 Prozent hinter dem Plan
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Fast genau auf den Tag vor einem Jahr deckte NIUS auf: Die von Kanzler Friedrich Merz gefeierte „Made for Germany“-Initiative war von Anfang an mehr PR-Show als wirkliche Investitions-Offensive. Ein Jahr später liefert eine neue Analyse den Beweis.
Die Initiative „Made for Germany“ wurde im Juli 2025 von Vertretern der Wirtschaft und Finanzbranche gegründet, um mit milliardenschweren Investitionszusagen die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu stärken. Die Vorstellung erfolgte zusammen mit dem Bundeskanzler im Kanzleramt in Berlin. Im Gegenzug soll die Bundesregierung mit Reformen für bessere Rahmenbedingungen sorgen. Aus den ursprünglich 61 Unternehmen, die am 21. Juli 2025 im Kanzleramt zusammenkamen, sind inzwischen 139 Mitglieder geworden. Die zugesagte Investitionssumme wuchs parallel von 631 auf mehr als 800 Milliarden Euro – in nur drei Jahren.
Investitionen bleiben weit hinter den Ankündigungen zurück
Eine Auswertung des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt nun: 2025 investierten die beteiligten Unternehmen rund 52 Milliarden Euro in Deutschland, ein Plus von gerade einmal 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die tatsächlich getätigten Investitionen bleiben damit weit hinter den großspurig verkündeten Milliardensummen zurück.
Merz’ Milliarden-Offensive liegt damit mehr als 80 Prozent hinter dem Plan zurück – um die groß angekündigten Investitionssummen auch zu erreichen, müssten jährlich mehr als 270 Milliarden Euro in neue Projekte, Produktionslinien, Innovation und Forschung fließen. 52 Milliarden Euro sind nicht einmal ein Fünftel davon.
ZEW-Ökonom Christian Rammer bringt es gegenüber der Wirtschaftswoche auf den Punkt: „Wenn sich diese Dynamik so fortsetzen würde, wäre es unrealistisch, die 631 Milliarden Euro – geschweige denn die 800 Milliarden Euro – bis 2028 zu erreichen.“
„Diese Intransparenz schwächt die Glaubwürdigkeit der Initiative“
Genau das hatte NIUS schon vor einem Jahr kritisiert: Ein streng vertrauliches Papier der Initiative belegte damals, dass selbst die Organisatoren nie offengelegt haben, wie sich die Milliardensumme zusammensetzt und wie viel davon überhaupt echte Neuinvestitionen sind, statt längst geplanter Projekte.
Ein Jahr später hat sich daran nichts geändert. Auch Rammer kritisiert das offen: „Diese Intransparenz ist bedauerlich und schwächt die Glaubwürdigkeit der Initiative.“ Selbst Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing und Siemens-Chef Roland Busch konnten zum Jahrestag der Initiative am Dienstag nicht erläutern, wie die Investitionssumme zustande kommt. Das Kanzleramt schickte dieses Mal erst gar keinen Vertreter hin.
Bereits im vergangenen Jahr hatte sich die Bundesregierung auf NIUS-Anfrage von der Initiative distanziert, obwohl der Kanzler höchstselbst sie gemeinsam mit den beteiligten CEOs zelebriert hatte.

Ein Jahr später: Sewing (links) und Busch (rechts) können immer noch nicht erklären, wie sich die Milliardensumme zusammensetzt (hier am 21. Juli 2025 mit Kanzler Merz)
Stellenabbau taucht in der Bilanz nicht auf
Ohnehin führt die Initiative weiterhin „Leuchtturmprojekte“ als Investitionen an, die teils seit Jahren geplant oder längst im Bau sind, wie etwa der Siemens Technology Campus in Erlangen, der inzwischen fertiggestellt ist. Dass Mitgliedsunternehmen zeitgleich Stellen abbauen, taucht in der Bilanz der Initiative nicht auf. So könnten bei Volkswagen bis zu 100.000 Stellen wegfallen, auch Zalando baut inzwischen Stellen in Deutschland ab.

Der Siemens Campus in Erlangen: längst fertig, trotzdem als Erfolg der Initiative verkauft.
Noch deutlicher wird der Unterschied zwischen Ankündigung und Realität bei Boehringer Ingelheim. Der Pharmakonzern strich im Frühsommer 2026 geplante Investitionen von 900 Millionen Euro in Deutschland. Als Grund nannte das Unternehmen unter anderem die Sparpläne der Bundesregierung im Gesundheitswesen, die Pharmakonzernen höhere Rabatte an Krankenkassen abverlangen. Ob und wie dies in der Erfolgsbilanz von „Made for Germany“ auftaucht, bleibt auch hier vollkommen unklar.
Nächste Initiative ist bereits in Planung
Trotz der ernüchternden ZEW-Zahlen plant die Bundesregierung bereits die Fortsetzung der Show: Im Oktober soll in Berlin ein internationaler Investorengipfel stattfinden. Das Vorbild ist offenbar Emmanuel Macrons „Choose France“- Initiative, die jedes Jahr im Schloss Versailles stattfindet. Merz’ persönlicher Investitionsbeauftragter, Ex-Commerzbank-Chef Martin Blessing, arbeitet seit rund einem Jahr mit dem Finanzministerium an einer „Equity Story“ für den Standort Deutschland. Als Location soll die Berliner Privat-Hochschule European School of Management and Technology (ESMT) mit Blick auf das Stadtschloss dienen.

Vorbild Frankreich: Merz will mit dem nächsten Investoren-Gipfel Macron nachahmen,
Star-Ökonom Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft warnt in der Wirtschaftswoche bereits jetzt vor demselben Muster wie beim ersten Gipfel: „All diese Initiativen, die die Bundesregierung irgendwie in einem besseren Licht erscheinen lassen sollten, verpuffen doch nur, wenn daraus keine echte Politik folgt.“
Nach allem, was NIUS bereits vor einem Jahr aufgedeckt hat und was die aktuellen Zahlen nun bestätigen, drängt sich durchaus die Frage auf: Warum sollte der nächste Gipfel anders laufen als der erste?
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