Das verdrängte Persien: Warum die Islamische Republik Iran ihre eigene Geschichte fürchtet
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Der größte Irrtum über den Iran besteht darin, ihn für islamischer zu halten, als er tatsächlich ist. Die Islamische Republik gibt vor, die wahre iranische Identität zu verkörpern. Tatsächlich aber ist sie eine späte historische Entwicklung und steht im offenen Bruch mit einer Zivilisation, die viel älter ist als der Islam selbst. Wer die aktuellen Proteste im Iran verstehen will, muss zu den Anfängen unserer Zeit zurück.
Als der Islam im frühen 7. Jahrhundert entstand, gab es Perser bereits seit über tausend Jahren. Auch ein Vergleich mit Deutschland ist aufschlussreich: Als Persien ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. eine voll ausgeprägte Hochkultur mit Schrift, Verwaltung, Postsystem und Währung ausbildete, lebten im Gebiet des heutigen Deutschlands – vor allem im Süden und Westen – überwiegend keltisch geprägte Stammesgesellschaften, die über keine eigene Schrifttradition und keine ausgeprägten staatlichen oder zentral-administrativen Strukturen verfügten.
Das persische Volk existiert so lange, dass es bereits im Alten Testament erscheint. In der hebräischen Bibel wird das Perserreich – insbesondere unter Kyros II. – außergewöhnlich positiv dargestellt, da es die Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil ermöglichte.
Zoroastrismus: die persische Religion
Kyros wird dort als von Gott berufener Herrscher bezeichnet – ja sogar als „Gesalbter“, ein messianischer Begriff. Aus biblischer Perspektive verkörperte Persien keine willkürliche, sondern legitime Herrschaft. Das dürfte nicht zuletzt mit der persischen Religion zusammenhängen: dem Zoroastrismus. Dieser entwickelte früh Konzepte, die später auch im Judentum, Christentum und Islam auftauchen – das individuelle Totengericht (Chinvat-Brücke), die Auferstehung der Toten und ein göttliches Endgericht.

Yazd (Iran): Feuertempel des Zoroastrismus
Zivilisationsgeschichtlich von herausragender Bedeutung ist dabei Folgendes: Die persische Religion wandte sich früh gegen kultische Blutopfer – auch wenn sie vereinzelt noch vorkamen –, und dies zu einer Zeit, als bei Griechen und Römern Tieropfer als selbstverständlicher Bestandteil religiöser Ordnung galten. Auch im antiken Judentum existierten Tieropfer; bei den Kelten waren seinerzeit sogar Menschenopfer kultisch institutionalisiert. Während andere Kulturen fragten: „Was müssen wir opfern, um die Götter zu besänftigen?“, stellte der Zoroastrismus die Gegenfrage: „Wie müssen wir handeln, um die Welt zu verbessern?“ Der Zoroastrismus zählt zu den frühesten monotheistischen Religionen der Menschheitsgeschichte.

Ruinen von Ritualgebäuden in der Nähe des zoroastrischen Turms des Schweigens von Dakhmeh, Yazd.
Zwar kannte auch das Perserreich harte Strafen bis hin zur Todesstrafe, insbesondere bei Hochverrat und Rebellion. Diese Gewalt war jedoch politisch-administrativ begründet und nicht religiös aufgeladen. Steinigungen gehörten nicht zur persischen Strafpraxis, und systematische Terrorherrschaft gegen die eigene Bevölkerung war kein Wesensmerkmal persischer Herrschaft. Ordnung wurde primär durch Recht, lokale Autonomie und Verwaltung gesichert.
Vor 2500 Jahren war das Perserreich damit menschenfreundlicher organisiert als die heutige Islamische Republik Iran, die ihre eigene Bevölkerung brutal unterdrückt, Demonstranten in großer Zahl tötet, offen die Vernichtung Israels propagiert, Terrororganisationen finanziert und junge Frauen tödlich misshandelt, wenn sie sich gegen bigotte Kleidungsvorschriften zur Wehr setzen.
Sind Perser Muslime?
Erst zwischen 633 und 651 n. Chr. wurde Persien von arabisch-muslimischen Truppen erobert, womit das sassanidische Großreich endete. In den folgenden Jahrhunderten wurde der Iran von wechselnden Herrscherhäusern regiert – zunächst von arabischen Kalifaten, daneben auch von iranischen Dynastien sowie später von turk- und mongolstämmigen Reichen.
Bedeutsam ist dabei: Der Islam wurde nach der Eroberung nicht sofort zur Religion der Mehrheitsbevölkerung. Über mehrere Jahrhunderte blieb die persische Bevölkerung überwiegend zoroastrisch, teils auch christlich oder jüdisch, oder nur locker islamisiert. Der Islam war zunächst vor allem die Religion der arabischen Herrscher und der politischen Elite, nicht der persischen Mehrheitsgesellschaft.
Erst im Jahr 1501 erklärte die safawidische Dynastie – eine Herrscherfamilie türkisch-aserbaidschanischer Herkunft – den schiitischen Islam zur Staatsreligion des Iran. Zu diesem Zeitpunkt war Persien bereits eine über zwei Jahrtausende alte Zivilisation.
Die anti-persischen Ajatollahs
Erst mit der Pahlavi-Dynastie kehrte 1925 wieder eine explizit persisch-nationale Herrschaft an die Spitze des Staates zurück. Ihr politisches Projekt zielte bewusst auf eine Wiederanknüpfung an die vorislamische persische Staatlichkeit. Genau deshalb bekämpft das heutige Regime zentrale Elemente dieser Tradition: Nowruz als vorislamisches Neujahr, das Gedenken an Kyros, nationale Symbolik und eine säkulare Identität. Genau deshalb rufen Demonstranten „Tod dem Diktator“ und „Wir wollen Iran zurück“. Und genau deshalb rufen sie nach dem Schah.

Mohammad Reza Pahlavi mit seiner Frau Farah Pahlavi
1968: Linksextremismus und Islamismus gegen die Monarchie
Die heutige Herrschaftselite des Iran ist ethnisch überwiegend iranisch, nicht arabisch. Ihre Ideologie jedoch ist zutiefst unpersisch. Der schiitische Klerus versteht sich nicht als Erbe der persischen Zivilisation, sondern als Vollstrecker eines arabisch entstandenen, universalistischen Islamismus. Die Ajatollahs sind keine Araber – sie regieren den Iran jedoch so, als hätte Persien nie existiert. In diesem Widerspruch liegt der innere Kern der Islamischen Republik.
Ein nicht ganz unwichtiges Detail: Unter den führenden Ajatollahs findet sich ein auffällig hoher Anteil iranischer Aserbaidschaner. Auch der Oberste Führer Ali Chamenei ist aserbaidschanischer Herkunft. Ethnisch handelt es sich dabei nicht um Fremdherrschaft, sondern um eine seit Jahrhunderten im Iran verwurzelte Bevölkerungsgruppe. Es sind jedoch eben auch keine Perser.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich, warum die Islamische Republik von großen Teilen der Gesellschaft nicht getragen wird – und warum sich die Massenproteste immer wieder an der Sehnsucht nach einer Rückkehr des Schahs entzünden.
Auf Social Media kursieren massenhaft geteilte und gelikte Beiträge, in denen Exiliraner dem Islam jede Legitimität im Iran absprechen. Etwa hier:
In Deutschland stößt diese Haltung oft auf Unverständnis. Das hat historische Gründe. Prägend war hierzulande der geistige Kontext der Achtundsechziger, die den vom Schah verkörperten Monarchismus grundsätzlich ablehnten und gemeinsam mit linken Gruppen – und faktisch auch mit islamistischen Akteuren – eine Opposition gegen ihn bildeten, wie hier aufgearbeitet wurde. Ausgerechnet bei seinem Deutschlandbesuch wurde der Schah beinahe Ziel eines Anschlags. Auch aus dieser Konstellation heraus konnte sich die islamische Revolution schließlich durchsetzen.
Der Weg in die Moderne bahnte sich an
In dieser Wahrnehmung firmiert der Schah bis heute als vom Westen implementierte Marionette – als eine Form von Fremdherrschaft, gegen die sich dann eine vermeintlich authentische, „hausgemachte“ antiwestliche islamische Revolution erhoben habe. Vor dem Hintergrund der iranischen Geschichte zeigt sich jedoch, dass eher das Gegenteil zutrifft.
Der Schah repräsentierte eine genuin iranische, persische Zivilisationslinie, die bis zu den Wurzeln dessen zurückreicht, was auch unsere westliche Zivilisation geprägt hat. Der Islam hingegen kam als Herrschaftsideologie von außen nach Persien – und wirkt bis heute als solche, indem er das eigene Staatsvolk unterdrückt.
Trotz seiner multiethnischen Struktur ist der Iran bis heute mehrheitlich persisch geprägt: Ethnische Perser stellen rund 55 bis 65 Prozent der Bevölkerung, gefolgt von Aserbaidschanern (turksprachig) mit 15 bis 20 Prozent. Eine unabhängige Umfrage der Forschungsgruppe GAMAAN aus dem Jahr 2020 ergab zudem, dass sich nur noch rund ein Drittel der Befragten als schiitisch identifizierte (32 Prozent). Die Islamische Republik herrscht damit über ein mehrheitlich persisches Land, ohne dessen kulturelle Leittradition zu vertreten.
Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass viele Iraner offen pro-israelisch und pro-amerikanisch auftreten. Die persische Tradition hätte zivilisationsgeschichtlich durchaus in die westliche Moderne führen können.

Iranischer Protest in London: Demonstranten fordern das Ende der Islamischen Republik und die Rückkehr der Monarchie.
Zwar war die Herrschaft des Schahs autoritär geprägt, zugleich setzte er mit der Weißen Revolution zahlreiche Reformansätze und reale Modernisierungsschübe in Gang. Es gab zwar durchaus politische Gefangene und Folter. Zugleich handelte es sich aber nicht um ein totalitäres Terrorregime. Der Schah regierte autoritär, aber letztlich reformorientiert. Die Islamische Republik hingegen herrscht brutal und ideologisch, und zwar gegen die Gesellschaft selbst.
Die Monarchie hätte sich, wie von vielen damaligen wie heutigen Oppositionellen gefordert, in eine konstitutionelle, parlamentarische Monarchie transformieren und sich so mit einer bürgerlichen Republik versöhnen können. Dass diese Entwicklung 1979 abbrach, war nicht Ausdruck einer persischen Selbstbehauptung, sondern ihr Gegenteil: der Beginn einer Terrorherrschaft über eine – in kultureller Hinsicht zunehmend entfremdete – Bevölkerung.
Der westliche Irrtum besteht darin, den Islam im Iran für authentischer zu halten als dessen eigene Geschichte. Vier Fünftel der persischen Geschichte sind älter als der schiitische Staat – und dennoch soll er den „eigentlichen“ Iran verkörpern.
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