Donald Trump mutiert zum Messias der Republikanischen Partei
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Am Montagabend raunt man sich auf den Gängen des Fiserv Forum zu, dass Donald Trump gleich die Halle betreten wird, um den Reden auf der Republican National Convention, dem Parteitag der Republikaner, der in Milwaukee an den Ufern des Lake Michigan stattfindet, zu lauschen. Die Basketballhalle, deren obere Tribünen gerade noch spärlich besetzt waren, füllt sich schlagartig. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die frohe Kunde, die Teilnehmer strömen zu hunderten in die Halle.

Gespannte Erwartung im Fiserv Forum in Milwaukee. Die Delegierten der Republican National Convention erwarten die Ankunft von Donald Trump.
Jeder versucht noch einen guten Platz zu ergattern, um einen Blick auf ihr Idol zu werfen. Den ersten öffentlichen Aufritt Trumps nach dem gescheiterten Attentat will niemand verpassen. Um kurz vor 21.00 Uhr Ortszeit erscheint Donald Trump auf der Großleinwand über der Bühne. Ein ohrenbetäubender Lärm setzt ein. Jubel, wie ich ihn noch nie zuvor vernommen habe, bricht aus. Es reißt alle von den Sitzen der Arena.

Erster Auftritt nach dem Attentat: Donald Trump mit Siegerpose.
Donald Trump, der raubeinige Macho der US-Politik, wirkt angefasst, beinahe verletzlich, wie er dort in den Katakomben der Arena steht, die Kameras auf ihn gerichtet. Langsam geht er den Gang entlang. Er ballt die Faust wie so oft, doch es ist diesmal keine Triumphgeste, eher ein Ausdruck der Dankbarkeit. Er ist froh am Leben zu sein, dankbar für die Anteilnahme, die er dieser Tage erhalten hat. Dazu trägt er die ikonische rote Krawatte und eine Bandage am Ohr, dort wo ihn der Streifschuss erwischt hat.
Auf den Rängen gibt es kein Halten mehr
Zu den Klängen von Lee Greenwoods berühmten Countrysong „God Bless the USA“ betritt Trump schließlich die Halle, um auf der Ehrentribüne Platz zu nehmen. Es gibt auf den Rängen jetzt kein Halten mehr. Viele haben Tränen in den Augen, es wird gebetet und gejubelt. Im Wechsel ruft die Menge: „USA“ oder „Trump“. In diesem Moment verstehe ich zum ersten Mal in meinem Leben den MAGA-Kult. Die Emotionen, die ich an diesem Montagabend erlebe, sind unglaublich. Selbst der linksliberale Nachrichtensender „CNN“ beschreibt die Stimmung des Parteitages später als überwältigend.

Als Donald Trump auf der Ehrentribüne ankommt, hält es niemanden mehr auf den Sitzen. Begeisterung und Euphorie ergreifen die Teilnehmer des RNC.
Doch zurück zum Anfang: Ich befinde mich in Milwaukee im Swing State Wisconsin. Es ist extrem heiß. Die Sonne brennt, als wir uns erstmals in der Sicherheitsschlange anstellen, um das Gelände der RNC zu betreten. Nach dem Attentatsversuch auf Präsident Donald Trump ist man nun besonders vorsichtig. Aus dem ganzen Gebiet der Vereinigten Staaten wurden Polizisten und Secret-Service-Agenten zusammengezogen.

Polizisten schützen den Nominierungsparteitag der Republikaner in Milwaukee.
Eine Vielzahl bunter Polizeiuniformen säumt die Straßen von Milwaukee. Die Mehrzweckhalle, in der der Parteitag stattfindet, ist dieser Tage wohl der sicherste Ort der Welt. Vergleichbare Sicherheitsvorkehrungen habe ich nicht einmal bei dem G7-Gipfel in Elmau oder diversen Münchner Sicherheitskonferenzen erlebt.
In Deutschland sind solche Bilder undenkbar
Generell ist hier vieles anders als bei uns in „good old Germany“. Mit deutschen Parteitagen kann man dieses Spektakel nicht vergleichen. Es ist eher eine große Bühnenshow mit Showacts, die unterschiedliche Rollen spielen, um verschiedene Zielgruppen anzusprechen und die Geschichte des amerikanischen Traums oder Albtraums mit verschiedenen Bildern zu erzählen. Es gibt nur Gut gegen Böse, „Make America Great Again“ oder das Land ist dem Untergang geweiht. So einfach ist die Botschaft, die von Milwaukee ausgeht und die die republikanische Basis und die Funktionäre in der Halle, stundenlang gebannt auf die Bühne blickend, elektrisiert.

Starker Auftritt: Wrestler und Schauspieler Hulk Hogan zerreist sein Shirt. Darunter kommt ein Trump-Vance Shirt zum Vorschein.
Es ist kein Parteitag, sondern eine Krönungsmesse vergleichbar mit einem Rockkonzert, und der Star heißt Donald J. Trump. Immer wieder ruft die Menge wie aus einem Mund den Namen des Mannes, den sie für den Retter Amerikas halten. Gottesdienst der Republikanischen Partei mit dem Messias mit den blonden Haaren. Es gibt keinen Zweifel mehr bei vielen, er ist der Auserwählte, der allein Amerika retten kann. Nach dem gescheiterten Attentat ist für viele auf dem Areal klar: Die Vorsehung hat Trump auserwählt, um Amerika zu erretten. Aus deutscher Sicht wirkt der Personenkult irritierend und doch auch ansteckend.

Während Trumps Rede sieht man das ikonische Foto vom Attentat auf der Leinwand.
Ich habe selten politische Ereignisse verfolgt, die dermaßen emotionalisiert haben. Selbst wenn man kein Amerikaner, Republikaner oder gar Trump-Fan ist, ist es schwer, sich den Emotionen zu entziehen, die von Montag bis Donnerstagnacht durch Milwaukee schwirrten. Die Republikanische Partei hat alles getan, um ihr Narrativ so überzeugend wie möglich unter das Volk zu bringen. Die Umfragen zeigen: Sie hat damit Erfolg.
Emotionen statt Fakten
Generell setzt man viel auf Emotionen, weniger auf Fakten, mit denen man es in den Reden ohnehin nicht so genau nimmt. Die Angehörigen gefallener Marines stehen irgendwann auf der Bühne und erzählen davon, wie Joe Bidens überhasteter Abzug aus Kabul für den Tod der eigenen Kinder verantwortlich ist. Tränenreich klagen die Familien der Gefallenen an.
Die Eltern eines von der Hamas entführten jungen Mannes stehen auf der Bühne und erzählen unter Tränen von ihrem Sohn, der sich in der Hand der Terroristen befinden. Gefangen in den Tunneln unter Gaza. Die Halle ist zu diesem Zeitpunkt gut gefüllt. Aus tausenden Kehlen schallt es: „Bring them Home.“ Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter und ich muss stellenweise ein wenig mit den Tränen kämpfen.

Die Eltern des von der Hamas entführten Omer Neutra auf der Bühne im Fiserv Forum.
Den emotionalen Höhepunkt erreicht die RNC schließlich Donnerstagnacht, als Trump selbst spricht. Die Rede an sich wird zum Ende hin fahrig, er weicht ständig vom Skript ab. Doch er eröffnet stark. Im Ton versöhnlich, teilweise verletzlich. Zum ersten Mal erlebt man den Menschen Donald Trump, ein Novum.
Die Republikaner haben sich an sich selbst berauscht
Als Donald Trump auf die Uniform des getöteten Feuerwehrmannes und Trump-Fans zugeht, der bei seiner Wahlkampfveranstaltung in Pennsylvania durch die Schüsse getötet wurde, wird es ganz still in der Halle. Man kann eine Stecknadel fallen hören. Er deutet auf den Helm und die Uniformjacke, die hinter ihm an der Seite der gigantischen Bühne steht, dann geht er darauf zu, lehnt er sich hinüber und gibt dem Helm einen Kuss. Die Frau neben mir, die extra aus Florida angereist ist, fängt an zu schluchzen und sucht hektisch ein paar Taschentücher in ihrer Tragetasche. Da ist er also, der andere Trump, der vermeintlich neue, der emotionale Mann, der Gefühle zeigt, nachdenklich und einfühlsam. Ein anderer Trump?

Donald Trump mit der Uniform von Corey Compertore. Der Feuerwehrmann verlor beim Attentat auf Trump sein Leben, weil er seine Töchter beschützt hat.
Ich habe das Phänomen Trump lange nicht verstanden, fand ihn als Politiker stets etwas befremdlich, teilweise ziemlich unanständig. An dieser Einschätzung hat sich wenig geändert und doch verstehe ich den Trump-Kosmos jetzt besser. Meine Woche in Milwaukee hat in mir Emotionen geweckt, von denen ich nicht wusste, dass ich sie in mir habe.
Die Republikaner haben sich an sich selbst berauscht – mit Trump auf göttlicher Mission. Die RNC hat die Reihen der Republikaner endgültig geschlossen und Kampfesmut geweckt. Eines wird mir dieser Tage sehr klar: Trump ist die Republikanische Partei und die Republikanische Partei ist Trump. In Berlin sollte man sich darauf einstellen.
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Armin Petschner-Multari
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