In Derby wartet eine muslimische Bürgerwehr auf einen Feind, der nie kommen wird
Um kurz vor 20 Uhr steht ein größerer Pulk von Personen im Norden der Normanton Road in Derby und wartet sehnsüchtig darauf, dass etwas passiert. „Are they coming, mate?“, fragt ein Mann mit dunklen Haaren und drahtiger Brille seine Begleitung. Um ihn herum: Hunderte junge muslimische Männer, einige in Sturmhauben und Trainingsanzügen, andere in islamischen Gewändern mit Rauschebärten.

Maskierte Männer und muslimische Geistliche.
Die südöstlich von Manchester gelegene Stadt Derby, 250.000 Einwohner, bereitet sich am Mittwochabend auf den Clash mit der „European Defence League“ (EDL) vor, einer patriotischen Gruppierung, die offiziell aufgelöst ist, aber hier und heute demonstrieren soll. Tatsächlich werden den ganzen Abend über keine rechten Demonstranten gesichtet. Zuvor verbreiteten sich Kettenbriefe in den sozialen Medien. Für Mittwochabend sollen, so berichtet es zwischenzeitlich Sky, 100 Proteste in ganz England angekündigt sein, an Flüchtlingsunterkünften und -hotels, Migrationsbehörden und Erstaufnahmeeinrichtungen. In Derby soll die EDL um 20:00 Uhr vor den „Immigration Advisory Service“ ziehen.
Auch vor dem polnischen Supermarkt formiert sich der Protest
Schon am frühen Abend formiert sich deshalb das Viertel auf der Straße. Am Ende werden es etwa 1.000 Personen in der Spitze - ohne, dass je eine Gegendemonstration angemeldet wurde, wie die Polizei gegenüber NIUS mitteilte. Fast die Hälfte der Bewohner des Bezirks rund um die Normanton Road stammen aus Pakistan, Bangladesch, Indien und Afghanistan; rund um die Straße findet man ein halbes Dutzend Moscheen wie die Masjid Ahl-e-Hadith, die Masjid-e-Khulafa-e-Rashedeen, die Derby Jamia-Moschee oder die Masjid Al-Farooq. Hähnchen-Grillläden und Halal-Metzgereien prägen das Straßenbild.

Ein Hähnchengrillladen wirbt um Spenden für die islamische Organisation Dawat-e-Islami aus Pakistan.
Mit einer Ausnahme: Die polnische Einkaufskette Biedronka hat hier eine Art Auslandsfiliale. Der Supermarkt dockt an ein Geschäft von Islamic Relief an, einer Nothilfsorganisation für die muslimische Welt, die Verbindungen zur Muslimbruderschaft hat und deren Mitglieder mehrfach wegen Terrorverherrlichung auffielen. In Derby wird der polnische Supermarkt allerdings von zwei Irakern betrieben.

Zwei Iraker verkaufen im örtlichen Supermarkt Biedronka, der aus Polen nach Derby expandiert ist.

Islamic Relief neben der polnischen Biedronka-Filiale.
Sie alle, die Biedronka-Mitarbeiter, Halal-Metzger und Imbissmitarbeiter, sind am heutigen Abend auf die Straße geströmt, um ihre Stadt zu verteidigen. Auch in Derby, einer einstigen Garnisonsstadt, deren Rolls-Royce-Werk im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Luftwaffe bombardiert worden war, zeigt sich: Die heutige migrantische Gegengesellschaft braucht keinen tatsächlichen Grund, sondern nur einen Anlass, um sich milizartig auf den Straßen zu formieren – und kampfbereit zu sein, wenn es hart auf hart kommt. Ein Vermummungsverbot existiert zu keinem Zeitpunkt der Gegendemonstration, die sich gegen eine nicht vorhandene Demonstration richtet.
Im Lebensstil getrennt, in der Sache vereint
Bleibt trotzdem alles friedlich? Dem Protest der muslimischen Bürger schließen sich einige Dutzende weiße Antifaschisten und Gewerkschafter an, sie sind eher in der zweiten Reihe und nicht stilprägend für die Demonstration. An diesem Abend jedoch sind sie in der Sache mit den vermummten Jugendlichen und islamistischen Predigern vereint: den imaginierten Aufmarsch der Rechten verhindern. Die bürgerlichen Mitstreiter der Muslime halten Schilder in die Luft, auf denen steht: „Der Feind kommt in der Limousine und nicht in kleinen Booten.“
Gegenüber des polnischen Biedronka-Ladens sitzen vier Geistliche, ein Atheist und ein junger Mann mit gefärbten Haaren an einem Tisch vor dem Lokal „Chaiwala“. Unter ihnen sind zwei muslimische Prediger mit Gebetskappen, ein Vertreter der anglikanischen Kirche und ein Franziskaner. Heiterkeit liegt in der Luft, die Männer werden von einem Lokalreporter der BBC interviewt, der später schreiben wird: „Wenn irgendetwas die Stimmung auf den Punkt bringt, dann dieses Bild religiöser Figuren.“ Einer der muslimischen Prediger mit blauer Gebetskappe sagt: „Am Ende müssen wir der EDL danken, dass sie unsere Nachbarschaft zum Teetrinken zusammengebracht hat. Gott wirkt auf mysteriöse Art und Weise.“

Geistliche verschiedene Religion: im Lebensstil getrennt, in der Sache vereint.
Muslimische Frauen sind an dem ganzen Abend nicht Teil des göttlichen Wirkens, von ihnen fehlt jede Spur bei der Kundgebung.
In sehnsüchtiger Erwartung auf TikTok
Das göttliche Wirken wird hingegen südlich des Ausgangsortes, an einem Kreisverkehr der Normanton Road, besonders sichtbar – und gleich mehrfach beschworen. „Takbir? Allahu Akbar!“, hallt es durch die Straße. Schaulustige haben sich hier versammelt, die angebliche EDL-Ankunft wird zum live übertragenen Happening, und man ahnt in Anlehnung an das berühmte Lied von Gil Scott-Heron schnell: „The revolution will not be televised“ („Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen werden“), aber das Straßengefecht künftig auf TikTok gestreamt.

Vermummte Jugendliche, eine Flagge in Palästina-Flaggen mit Glaubensbekenntnis.

Ein Vermummungsverbot? De facto nicht existent.
Inmitten des Pulks stehen auch fünf Polizisten in gelben Warnwesten. Es ist ein groteskes Bild: Während Vermummte ihre TikTok-Lives in die Luft halten, steht die Polizei umringt von ihnen inmitten der Menge. Um kurz nach 21:00 Uhr sagt Umar Ali, ein Mann in weißer Gebetskappe, sie, die Polizei, könne nun langsam nach Hause gehen, die Veranstaltung ende. Die Ummah, also die muslimische Glaubensgemeinschaft, so Ali, habe heute gezeigt, dass sie stark und vereint ist. Man ahnt: Sollte die Ummah im Kampf gegen einwanderungskritische Rechte in den Straßenkampf gehen, wird die Polizei nicht in der Lage sein, zu intervenieren.
Und so bleibt Derby am Mittwoch ein Schaulaufen. Eine Kleinstadt im kurzzeitigen Erregungszustand, deren muslimische Bewohner die Muskeln zucken lassen wegen einer EDL-Ankündigung, die sich als Falschmeldung herausstellt.
Als es dunkel wird, am Kreisverkehr die Polizei abzieht, und vereinzelt Grüppchen junger Männer an ihren Rollern stehen, hallt Rapmusik aus einem SUV. „I want freedom for the population, two million prisoners living in this location“, rappt MC Abdul. Daneben: Eine grün-rot-weiße Flagge im Abendlicht. Darauf: das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahada.

Zwei Polizisten im Vordergrund, die Schahada-Flagge in Palästina-Farben im Hintergrund.
Auch bei NIUS: Jung, männlich, migrantisch: Wie eine Islamistenmiliz in Birmingham einen Pub überfiel
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