Die 20-jährige Setayesh verfasste Lyrik, der 17-jährige Rybin wollte Fußballstar werden: Das sind die iranischen Opfer der Mullah-Mörder
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Seit Ende Dezember protestieren Iraner landesweit gegen die Islamische Republik – zu weiten Teilen im Namen einer konstitutionellen Monarchie, repräsentiert durch Reza Pahlavi, dessen Name nachts tausendfach durch die Straßen gerufen wird.
Glaubt man den Zahlen von Menschenrechtsorganisationen, haben Tausende Iraner ihr Leben verloren – getötet von den Schergen des Regimes, die mit scharfer Munition auf unbewaffnete Demonstranten schossen. Zahllose Leichensäcke, übereinstimmende Augenzeugenberichte und immer wiederkehrende Muster staatlicher Gewalt sprechen dafür, diese Zahlen ernst zu nehmen, auch wenn sie sich nicht unabhängig überprüfen lassen. NIUS stellt fünf von ihnen vor – um den anonymen Opfern Namen und Gesichter zu geben.
Setayesh Shafiei, 20 Jahre alt, wurde am Donnerstag, dem 9. Januar 2026, während der landesweiten Proteste in Teheran von Sicherheitskräften der Islamischen Republik erschossen. Sie wuchs als Waisenkind auf; Berichten zufolge gestaltete sich die Identifizierung ihrer Leiche besonders schwierig.
Kurz bevor sie zu den Protesten aufbrach, veröffentlichte sie auf ihrem Telegram-Kanal einen letzten Eintrag:
„I love you all. Es sieht so aus, als würde das Internet gekappt.“

Setayesh wurde nur 20 Jahre alt, bevor sie von den Mullahs ermordet wurde.
Zu den beinahe unglaublichen Details ihrer Geschichte gehört, dass dieser Kanal einem anderen Opfer des Regimes gewidmet war: Armita Geravand, die 2023 im Alter von 16 Jahren in der Teheraner U-Bahn wegen eines mutmaßlichen Verstoßes gegen die islamischen Verschleierungsvorschriften so schwer verletzt worden ist, dass sie zunächst ins Koma fiel und später verstarb.
Menschenrechtsgruppen machten den Fall öffentlich und warfen der iranischen Sittenpolizei vor, die Jugendliche misshandelt zu haben, wie der Deutschlandfunk berichtete.
Setayesh widmete ihr folgende Zeilen:
ایشالله من خورشید بشم و تو ماه
„So Gott will, werde ich die Sonne – und du der Mond.“
که تا قیام قیامت همدیگه رو نبینیم
„Damit wir uns bis zum Jüngsten Tag nie wiedersehen.“
Das ist keine Umgangssprache und kein Instagram-Kitsch. Setayesh dachte in Metaphern, nicht in Parolen. Ihre Texte lassen auf eine Nähe zu Lyrik oder moderner persischer Prosa schließen – auf eine junge Frau mit innerer Sprache, nicht mit ideologischem Kitsch.
Der Fußballspieler
Rybin Moradi war 17 Jahre alt, Schüler und galt als talentierter Jugendfußballer. Er spielte in der Teheraner Jugend-Premier-League und gehörte der Nachwuchsmannschaft des Vereins Saipa an. Er wurde am Donnerstag, dem 8. Januar 2026, während der Proteste in Teheran durch direkte Schüsse der Sicherheitskräfte der Islamischen Republik getötet, wie der Journalist Iman Sefati berichtet.
Vier Tage lang wusste seine Familie nicht, ob ihr Sohn noch lebte oder bereits tot war. Erst danach wurde sein Tod bestätigt. Bis heute ist der Leichnam nicht an die Familie übergeben worden. Die Zurückhaltung der Toten dient der Einschüchterung der Angehörigen und der Kontrolle öffentlicher Trauer.

Rybin Moradi, ein junger Perser, der dem Islamismus zum Opfer fiel
Besonders perfide ist eine weitere Praxis des Regimes: Den Familien der Getöteten wird Geld abverlangt, wenn sie die Leichname ihrer Angehörigen erhalten wollen. Der zynische Begriff dafür lautet „Kugelgeld“.
Er bezeichnet den angeblichen „Kostenersatz“ für die Munition, mit der staatliche Sicherheitskräfte Menschen erschossen haben. Laut Bild werden dafür teils mehrere Tausend Euro gefordert.
An Blutverlust gestorben
Siavash Shirzad war 38 Jahre alt und stammte aus Bukan, einer Stadt im Nordwesten des Iran. Als die Proteste begannen, blieb er nicht zu Hause. Er konnte es nicht.
Später kursierten Videos aus Teheran, die junge Menschen zeigten, wie sie auf einem Platz um ein Feuer tanzten. Dann fielen Schüsse aus kurzer Distanz – mit scharfer Munition. Auch Siavash wurde getroffen.
Gegen Mitternacht brachten Krankenwagen die Verletzten ins Al-Ghadir-Krankenhaus in Teheran. Dort hieß es, man habe keine Kapazitäten. Siavash lebte zu diesem Zeitpunkt noch. Er wurde weitertransportiert, ins Rasoul-Akram-Krankenhaus. Bis etwa zwei Uhr morgens kämpfte er ums Überleben. Dann starb er – nicht unmittelbar an den Schüssen, sondern an Blutverlust.
Seine Familie hatte zuvor versucht, ihn aufzuhalten. Doch Siavash blieb entschlossen, sprach von einem historischen Augenblick, von einem Fest der Revolution. Er verwies auf Äußerungen des amerikanischen Präsidenten, der erklärt hatte, hinter den Iranern zu stehen. Für ihn war das ein Zeichen von Hoffnung und Solidarität.
Donald Trumps (noch) uneingelöstes Versprechen
Der US-Präsident hatte die iranischen Demonstranten öffentlich dazu aufgerufen, weiter zu protestieren und standhaft zu bleiben. Er schrieb: „Hilfe ist unterwegs.“ Worte, die vielen Iranern Mut machten.
In der zweiten Nacht, nachdem diese Worte gefallen waren, deutete zunächst vieles auf eine mögliche militärische Reaktion der USA hin. Radarbilder zeigten, dass der Luftraum über dem Iran für zivile Flüge gesperrt wurde. Tankflugzeuge hoben von einer US-Basis in Katar ab, Kampfflugzeuge wurden laut offenen Flugdaten-Analysen in Alarmbereitschaft versetzt. Doch am Ende blieb der Schlag gegen das Regime aus.

Ein Krieg ist dennoch nicht unwahrscheinlich: „Die ‚Battle Group‘ des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln (CVN-72) wurde vor den Arabischen Golf beordert“, berichtet ein Militärblogger.
Trump erklärte später, er habe aus „sehr zuverlässiger Quelle“ gehört, dass die iranischen Behörden die Gewalt gegen Demonstranten eingestellt hätten und keine Hinrichtungen geplant seien.
„Unser Viertel riecht nach Blut“
Während in Washington über Zurückhaltung gesprochen wurde, ging man auf Irans Straßen weiter gegen Menschen vor. Maryam starb am 8. Januar. Als auf einer Straße Schüsse fielen, legte ihr Mann Reza noch schützend den Arm um sie. Sekunden später war sie tot. Dieser berichtete später: „Plötzlich war mein Arm leer. In meiner Hand blieb nur ihre Jacke.“
Reza trug den leblosen Körper seiner Frau anderthalb Stunden durch die Straßen, bis er in einer dunklen Gasse zusammenbrach, wie Iman Sefati berichtet. Ein Fremder öffnete seine Tür, brachte sie in eine Garage. Dort wurde Maryam in eine weiße Decke gewickelt.
Kurz zuvor hatte Maryam ihren beiden Kindern, sieben und vierzehn Jahre alt, gesagt: „Manche Eltern gehen auf die Straße und kommen nie zurück. Unser Blut ist nicht mehr wert als das der anderen.“ Maryam kam nie zurück.
Augenzeugen sagten der BBC: „Unser Viertel riecht nach Blut.“ Und: „Sie schossen gezielt auf Kopf und Gesicht.“
Zum Tode verurteilt
Erfan Soltani ist 26 Jahre alt. Das Regime verurteilte ihn zum Tode, seine Hinrichtung schien bereits beschlossene Sache. Die Familie wurde einbestellt, um sich ein letztes Mal von ihm zu verabschieden. Erst in letzter Minute wurde der Vollzug offenbar gestoppt – mutmaßlich nach deutlichen Warnungen aus den USA.

Sein Foto ging am Dienstag um die Welt.
Soltani war wenige Tage zuvor in der Stadt Fardis westlich von Teheran festgenommen worden. Das Urteil fiel im Eilverfahren. Ein Revolutionsgericht sprach die Todesstrafe, ohne rechtsstaatliche Mindeststandards einzuhalten. Die Familie erfuhr erst nachträglich von dem Urteil – verbunden mit der Mitteilung, dass die Hinrichtung unmittelbar bevorstehe. Zum Abschied gewährten die Behörden lediglich zehn Minuten. Ein kurzes Gespräch, mehr nicht. Danach sollte Erfan Soltani sterben.
Dass er bislang noch lebt, ist kein Zeichen von Gnade, sondern zeigt, dass selbst dieses Regime auf internationalen Druck reagiert, wenn er hart genug ist.
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