Kindermord mit dem Jagdgewehr: Die Scharfschützen-Touristen von Sarajewo
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„Ich heiße Ezio Gavazzeni und bin ein Schriftsteller aus Mailand.“ So beginnt ein Dokument an die Staatsanwaltschaft von Mailand. Es ist ein Schreiben, das es in sich hat und über das die Neue Zürcher Zeitung berichtet.
Das 17-seitige Papier schildert nüchtern schlimmste mutmaßliche Verbrechen während der Belagerung Sarajewos zwischen 1992 und 1996. Es geht um Scharfschützen, die von umliegenden Hügeln aus Zivilisten ins Visier genommen haben, und von „Touristen“ aus dem Ausland, unter ihnen Italiener, die große Summen dafür bezahlt haben, um aus den serbischen Stellungen Menschen zu erschießen: Kinder, Frauen, Alte. Das Ganze ist ein Dokument des Grauens, nur schwer zu verdauen (dies auch als Warnung an unsere NIUS-Leser).
Hier Auszüge aus der Eingabe.
Morde mit besonderer Grausamkeit
„Die bevorzugten Ziele waren Kinder. In der Regel wurden die Ziele nicht mit dem ersten Schuss getötet. Der Scharfschütze verletzte sie mit dem ersten Schuss schwer, das Opfer blieb auf der Straße liegen und das Warten auf Hilfe begann. Die Grausamkeit bestand darin, zu warten, bis jemand kam, um dem Opfer zu helfen, und dann noch ein paar weitere Morde zum ersten hinzuzufügen.“

Auch Kinder wurden Opfer der Scharfschützen.
Gavazzenis Dokument, datiert vom 28. Januar 2025, fasst zusammen, ordnet ein. Es führt die wichtigsten Belege für die Taten auf, nennt mögliche Zeugen und enthält zentrale Akten. Es ist ein Dokument menschlicher Abgründe. Anfang Februar hatte der Autor in Mailand Anzeige erstattet. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Staatsanwalt Alessandro Gobbis Ermittlungen eingeleitet hat. Zuständig ist das ROS, das Raggruppamento Operativo Speciale, eine auf besonders komplexe Untersuchungen spezialisierte Einheit der italienischen Carabinieri. Am Freitag wird Gavazzeni vom ROS erstmals vorgeladen. Seit italienische Medien die Eröffnung der Ermittlungen publik gemacht haben, hat Gavazzeni keine ruhige Minute mehr. Ausländische TV-Stationen möchten Bilder von ihm, Zeitungen bitten um Interviews.
„Hat damals keiner Zeitung gelesen?“
Zwei große italienische Zeitungen – La Stampa und Corriere della Sera – hatten 1995 erstmals über die sogenannten Sniper-Safaris in Sarajewo berichtet. Das große Echo blieb damals aus. Deshalb fragt sich der Schriftsteller heute: „Hat damals kein Staatsanwalt aus Turin und Mailand Zeitung gelesen?“
Im Jahr 2022 legte der slowenische Regisseur Miran Zupanic mit „Sarajewo-Safari“ einen Dokumentarfilm über das Geschehen vor und präsentierte darin wichtige Zeugen, die die Wochenendausflüge von Scharfschützen-Touristen ins Kriegsgebiet bestätigten. Gavazzeni nahm Kontakt zu dem Regisseur auf und befragte in dem Film genannte Zeugen. Darunter ein serbischer ehemaliger Kriegsgefangener, der ausgesagt hatte, an einer dieser Expeditionen teilgenommen und fünf ausländische „Scharfschützen-Touristen“ begleitet zu haben.
Gavazzeni ist überzeugt, dass die Mailänder Ermittler fündig werden. „Die Elemente, um etwas zu finden, sind vorhanden“, sagt er. Auch sein Anwalt sei zuversichtlich, dass es Beweise gebe und dass man Namen und Personen ausmachen könne, wenn man nur wolle.

Sarajewo: Zivilisten in Panik
War einer der Schützen der Inhaber einer Mailänder Klinik?
Tatsächlich gibt es in den Unterlagen Hinweise, wonach es sich bei den „Touristen“ um einen bekannten Inhaber einer Mailänder Privatklinik gehandelt habe. Letzte Woche hat sich ein früherer italienischer Diplomat zu Wort gemeldet, der in jenen Jahren in Bosnien stationiert war und die Sachverhalte im Wesentlichen bestätigte.
Schriftsteller Gavazzeni versucht nun, das Unfassbare zu verstehen: Was geht in Menschen vor, die viel Geld zahlen, um andere Menschen zu erschießen? Die Freude empfinden, wenn Kinder vor ihren Augen sterben? Die sich die besonderen Umstände eines Krieges zunutze machen, um in vermeintlicher Anonymität und sicherer Distanz ihrer todbringenden Leidenschaft nachzugehen?

Entsetzliche Taten, entsetzliche Bilder. Die UN-Blauhelme blieben hier wirkungslos.
Das Motiv ist Größenwahn
„Sie haben alle einen gemeinsamen Nenner“, vermutet Gavazzeni, „sie sind Waffenliebhaber und Jäger.“ Es seien nach seinen Erkenntnissen Menschen mit respektabler Fassade, vermögende Unternehmer zum Beispiel, die gut in ihrem Umfeld integriert seien, aber mit Sicherheit gespaltene Persönlichkeitsprofile aufwiesen.
Die in manchen Medien geäußerte Vermutung, es handele sich um rechtsextreme Kreise, weist Gavazzeni zurück: „Das ist die Erfindung einer Journalistin.“ Eine politische Absicht schließt er aus. „Das Motiv ist nur in der Paranoia, im Größenwahn dieser Menschen, die dachten, dass Töten in Ordnung sei.“
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