Die geheimen Corona-Akten: Top-Virologe Stöhr kritisiert RKI und Regierung, dass „wider besseres Wissen agiert“ wurde
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Die mehr als 1000 Seiten bisher geheimgehaltener RKI-Protokolle sorgen für heftige politische Debatten. Der Virologe Prof. Klaus Stöhr sieht in den veröffentlichten Protokollen einen weiteren Grund, die Corona-Krise und die Entscheidungsfindung der Politik grundlegend aufzuarbeiten.
Stöhr zu NIUS: „Die Protokolle liefern weitere Puzzle-Steine für das überdeutliche Gesamtbild, dass eine ergebnisoffene und unvoreingenommen Aufarbeitung für eine bessere nächste Pandemiebekämpfung notwendig ist. Schlimm ist aber schon, wie oft man scheinbar im RKI wider besseres Wissen und entgegen der eigenen Fachmeinung ohne Widerspruch mit der Politik gegen den wissenschaftlichen Konsensus agiert hat. Ich erwähne hier nur die FFP2-Masken.“ In einem der RKI-Sitzungsprotokolle aus dem Oktober 2020 hießt es etwa wörtlich: „Wenn Personen nicht geschult sind, haben FFP2-Masken bei nicht korrekter Anpassung und Benutzung keinen Mehrwert.“

Der Virologe und Epidemiologe Prof. Klaus Stöhr
„Ein weiterer dicker Tropfen in den überlaufenden Eimer der Rufe nach einer Analyse“
Die Protokolle würden „deutlich“ zeigen, so der Experte, „dass es wohl Diskrepanzen zwischen den fachlichen Schlussfolgerungen innerhalb des RKI und den folgenden politischen Entscheidungen gab. Aber das RKI hat dann ja anscheinend alle politischen Entscheidungen auch klaglos mitgetragen“.
Die Veröffentlichung der sogenannten „RKI-Files“ hatte das Online-Magazin „Multipolar“ vor Gericht gegen das Robert-Koch-Institut erstritten. Trotz der gerichtlichen Entscheidung sind Dutzende Stellen, teils ganze Seiten, geschwärzt. „Schwärzungen von Namen bei Herausgabe interner Protokolle an die Öffentlichkeit sind üblich und dienen dem Schutz der Mitarbeitenden“, hieß es in einer Mitteilung des RKI.

Ein Auszug aus den RKI-Files
Stöhr verlangt die Kenntlichmachung der geschwärzten Stellen nicht einmal: „Ich brauche keine zusätzlichen, ungeschwärzten Informationen oder Daten, um zu wissen, dass wir eine Aufarbeitung der Corona-Politik brauchen – nicht Personen-bezogen und ergebnisoffen. Die Protokolle – geschwärzt oder nicht – sind nur ein weiterer dicker Tropfen in den überlaufenden Eimer der Rufe nach einer Analyse.“
Wissensberatung oder Erfüllungsgehilfe der Politik?
Die eigentliche Aufgabe des RKI sei es, so Stöhr, der Politik eine fachlich kompetente Wissensberatung zu liefern: „Da kommt es auch vor, dass man sich von der Politik überstimmt fühlt und das ist ok: Denn es gibt nicht nur epidemiologische Gesichtspunkte, sondern auch soziale oder freiheitlich-demokratische und rechtliche, an denen sich die Politik orientieren muss“, erklärt Stöhr.
Es sei also normal, dass politische Entscheidungen nicht eins zu eins den wissenschaftlichen Empfehlungen entsprechen.
Stöhr weiter: „Wenn sich die RKI-Beratung aber als Erfüllungsgehilfe im Durchmarsch entpuppt und politische Entscheidungen nachträglich als vermeintlich medizinisch sinnvoll adelt, macht sich die Behörde zum verlängerten Arm der Politik und verlässt ihre wissenschaftliche Basis.“ Es wäre wichtig, zu überprüfen, ob diese Beobachtung richtig ist, um das nächste Mal so etwas zu vermeiden, so der Experte.
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Stöhr: „Im Sommer 2020 war klar, wo die Reise hingeht“
Stöhr gehörte zu den lautesten Kritikern der teils Angst-gesteuerten und im Verhältnis zu anderen Nationen restriktiven Corona-Politik in Deutschland. Der Grund: Für den erfahrenen Epidemiologen und Virologen war bereits früh in der Pandemie klar, dass der Corona-Virus sich so ähnlich wie andere respiratorische Viren verhält. „Corona unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen Atemwegserregern. Was die wirkungsvolle Bekämpfung von Atemwegserregern angeht, gab es nicht viel Neues und so viel haben wir da nicht lernen müssen.“

Masken und gesperrte Parkbänke gehörten zum Corona-Alltag.
Stöhr schließt dabei die ersten Wochen der Pandemie aus, in denen eine überraschenderweise extreme Corona-Variante hätte auftreten können. Stöhr weiter: „Aber es war relativ schnell klar, dass es sich genauso verhält wie andere Atemwegserreger: Dass es über die Nasenschleimhäute aufgenommen und über Aerosole ausgeschieden wird, dass man nach der Immunität bei einer Zweit-Infektion deutlich geringere Auswirkungen zu erwarten hat und dass es in seltenen Fällen zu Entzündungen im Gehirn kommen kann. Es war auch schnell klar, dass eine Impfung niemals komplett die Infektion oder die Weitergabe des Virus verhindern können wird. Spätestens im Sommer 2020 war klar, wo die Reise hingeht.“
Weil jedoch politische Entscheidungsträger trotz anderer Erfahrungen und Experten-Einschätzungen in panische Politik verfielen, plädiert Stöhr vehement für eine Aufarbeitung: „Ausgangssperren, Grenzschließungen, von staatlicher Seite verhängte umfassende Lockdowns sind genauso wie der Fokus auf die Inzidenz als Leitindikator, das Beharren auf Quarantäne und Kontaktnachverfolgung, die Vernachlässigung des Genesenenstatus, Dinge, die in zahlreichen Pandemie-Plänen der Welt längst als wenig wirksam beschrieben werden. Aus der Gesamtschau bekräftigen die Protokolle, dass eine Aufarbeitung der Entscheidungs- und Kommunikationsstrukturen der Politik dringend notwendig ist.“
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