Antonio Rüdiger spricht über seinen ISIS-Gruß: Was der Nationalspieler sagt – und was er verschweigt
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Antonio Rüdiger bricht sein Schweigen! Der DFB-Star steht in der Kritik, weil er zu Ramadan-Beginn ein Foto von sich bei Instagram veröffentlicht hat, das ihn mit dem sogenannten „IS-Finger“ (Bundesamt für Verfassungsschutz) zeigt.
Bisher hatte sich der Abwehrspieler von Real Madrid nicht öffentlich geäußert, am Mittwochabend hatte Bild ein langes Zitat von ihm veröffentlicht. Ungewöhnlich: Das Rüdiger-Statement zieht sich über acht lange Absätze und wird uneingeordnet und unkommentiert wiedergegeben. Das ist im Journalismus ein eher unüblicher Vorgang.
So viel vorne weg: Rüdiger schafft es in seinem Statement NICHT, sich eindeutig vom Islamismus zu distanzieren.
NIUS dokumentiert, was Rüdiger zu seiner Verteidigung sagt – und was er verschweigt …
Das Rüdiger-Statement im Wortlaut
Rüdiger: „Anlässlich des Beginns der Fastenzeit habe ich einen Post auf Instagram veröffentlicht. Dieser war bereits 13 Tage (seit dem 11. März) öffentlich einsehbar und hat mehrere Millionen Follower erreicht, ohne dass es von irgendwem Kritik daran gab.
Doch in den letzten Tagen wurde das Foto von einzelnen Personen zu unbegründeten Anschuldigungen genutzt.“
Richtig ist, dass der Post fast zwei Wochen unbemerkt blieb und erst dann in den Fokus geriet, als Rüdiger für die Nationalmannschaft gegen Frankreich auflief. Einzelne Personen sind in diesem Fall u.a. die renommiertesten Islam-Kenner und Kritiker des Landes. Als erster hatte NIUS-Chefredakteur Julian Reichelt auf den Islamisten-Gruß aufmerksam gemacht.

11. März: „Einen gesegneten Ramadan an alle Muslime weltweit. Möge der Allmächtige unser Fasten und unsere Gebete annehmen.“
Rüdiger: „Bei der Geste, die ich verwendet habe, handelt es sich um den sogenannten Tauhid-Finger. Dieser gilt im Islam als Symbol der Einheit und Einzigartigkeit Gottes. Die Geste ist unter Muslimen auf der ganzen Welt verbreitet und wurde erst die letzten Tage auch vom Bundesinnenministerium wieder als unproblematisch eingeordnet.“
Richtig ist, dass Nancy Faesers Innenministerium die Geste „mit Blick auf die öffentliche Sicherheit als unproblematisch“ eingeordnet hat. Was Rüdiger verschweigt: Die deutschen Sicherheitsbehörden (Landesämter für Verfassungsschutz in Bayern und Brandenburg sowie das Bundesamt für Verfassungsschutz) ordnen die Geste als klar erkennbares Zeichen von islamistischem Extremismus ein. Auf entsprechenden Broschüren wird der ausgestreckte Zeigefinger sogar als Motiv auf dem Deckblatt genutzt („Islamismus erkennen“). Vom Bundesamt für Verfassungsschutz heißt es in einer Aufklärungsschrift: „IS-Kämpfer zeigen den sogenannten IS-Finger. (…) Dieser symbolisiert die unteilbare Einheit Gottes (,tawhid‘), die sich auch im Diesseits in der Einheit von Religion und Staat widerspiegeln soll. Er wird nicht nur von IS-Anhängern, sondern ebenfalls von deren Sympathisanten und Salafisten genutzt.“

Der Verfassungsschutz warnt vor dem ausgestreckten Zeigefinger.
Rüdiger: „Als gläubiger Muslim praktiziere ich meinen Glauben, aber ich distanziere mich entschieden von jeglicher Art von Extremismus und den Islamismus-Vorwürfen. Gewalt und Terrorismus sind absolut inakzeptabel. Ich stehe für Frieden und Toleranz ein.“
Die Geste, die Rüdiger gezeigt hat, wird seit Jahrzehnten von islamistischen Terroristen als Jubel- und Bekennergeste gezeigt. Osama bin Laden machte sie nach dem Terror vom 11. September populär, auch Berlin-Attentäter Anis Amri zeigte den Finger in die Kameras, bevor er auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mordete. Der ausgestreckte ISIS-Finger steht für Terror, Tod und grausame Folter – und war vor dem Aufstieg des IS selten bis gar nicht öffentlich präsent. Der Publizist und Islam-Experte Kacem El Ghazzali (NZZ, FAZ, Le Monde) kommentiert: „Eine Online-Suche nach alten Aufnahmen muslimischer Gläubiger ergab kein vergleichbares Foto, auf dem die Geste derart demonstrativ in die Kamera gezeigt wird. Es liegt nahe, dass der IS die Zeigefinger-Geste als Erkennungssymbol direkt von Al-Qaida und dem Vorbild Osama bin Ladens übernommen hat.“

Terror-Fürst Osama bin Laden
Rüdiger: „Viele meiner Familienmitglieder gehören unterschiedlichen Religionen an. Dennoch respektieren wir einander und feiern gemeinsam religiöse Feste. Respekt und Toleranz sind grundlegende Prinzipien, die wir alle vertreten in unserer Familie.
Ich erkenne aber auch an, dass ich aufgrund nicht genügender Aufmerksamkeit, Dritten die Chance gegeben habe, mein Posting bewusst falsch auszulegen, um zu spalten und zu polarisieren.“
Seyran Ates, Deutschlands bekannteste Islam-Kritikerin, sagt mit Blick auf das Foto und die Inszenierung: „Das ist keine religiöse Geste, sondern Politik“, so die Frau, die in Berlin unter Polizeischutz lebt, weil sie regelmäßig Morddrohungen aus dem islamistischen Spektrum bekommt. Die Kombination aus Teppich, Kleidung und Geste hält sie für die Inszenierung einer bedenklichen Botschaft. „In dieser Art und Weise ist das niemals Bestandteil eines religiösen Gebets. Es ist nicht Teil eines Gebetsablaufs. Es kommt auch nicht im Koran oder in den Haditen vor.“ Wer behaupte, das sei eine harmlose religiöse Geste, verbreite Lügen. Wenn Rüdiger von „Respekt und Toleranz“ spricht, die er mit dieser Geste zum Ausdruck bringen wollte, möge er doch einmal die Terror-Überlebenden und Angehörigen der Toten vom 7. Oktober fragen, ob die mordenden und folternden Hamas-Scharen in Israel mit diesem Zeichen auch „Respekt und Toleranz“ verbinden.

Seyran Ates, Moschee-Gründerin aus Berlin
Rüdiger: „Ich werde aber keine Plattform für Spaltung und Radikalisierung bieten, daher habe ich mich dazu entschlossen, nach unseren beiden erfolgreichen Länderspielen nun ein klares Statement abzugeben. Gleichzeitig lasse ich mich nicht beleidigen und als Islamist verunglimpfen. Deshalb hatte ich mich auch dazu entschieden, eine Anzeige zu erstatten. Es geht hier um Stimmungsmache und Spaltung; hiergegen werde ich mich immer entschieden zur Wehr setzen.“
Richtig ist: In der Berichterstattung hat niemand Rüdiger als „Islamist verunglimpft“, sondern darauf hingewiesen, dass er sich islamistischer Symbolik bedient. Das ist ein gewichtiger Unterschied. Auf die Bedeutung dieser mörderischen Geste hinweisen, ist auch keine „Stimmungsmache und Spaltung“, sondern Normalität in einer Demokratie. Niemand hat Rüdiger vorgeworfen, ein Islamist zu sein. Der Vorwurf lautet: Islamistische Symbole zu verbreiten und salonfähig zu machen. Rüdiger distanziert sich also von einem Vorwurf, den ihm niemand gemacht hat – und suggeriert das Gefühl, gar nichts mit der Sache zu tun zu haben …
Rüdiger: „Ich hoffe, dass diese Klarstellung dazu beiträgt, Missverständnisse auszuräumen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich möchte mich zudem auch beim DFB bedanken, der mich bei dieser Angelegenheit jederzeit unterstützt hat.“
Zumindest für Islam-Experte Ahmad Mansour scheint das nicht zuzutreffen. „Die Vorbildfunktion unserer Nationalspieler ist keine Einbahnstraße. Ich habe nicht das Gefühl, dass Antonio Rüdiger und der DFB aus der Affäre um Özil und aus den Geschehnissen in Katar gelernt haben“, so Mansour im Gespräch mit T-Online. Der Finger, den Rüdiger gezeigt hat, ist nach Mansours Ansicht zwar eine „zutiefst religiöse Geste“, die „von ihrem Ursprung her mit Extremismus absolut nichts zu tun“ habe – aber: „Wir leben aber in einer Zeit, in der Bilder eine viel größere Rolle spielen als früher. Terroristen des IS benutzen diese Geste seit vielen Jahren. Sie haben sie beispielsweise bei Hinrichtungen und sogar Enthauptungen gezeigt, und wir alle haben diese Bilder im Kopf. Für die Macht dieser Bilder kann Antonio Rüdiger nichts.“ Auf Jugendliche wirke das Bild wie folgt: „Es bestätigt ihnen eine religiöse Identität, die ausgrenzend wirkt und kaum Distanz zum Islamismus aufweist.“

Islam-Experte Ahmad Mansour
Und auch für die NIUS-Redaktion sind damit keine Missverständnisse ausgeräumt, sondern eher noch mehr Fragen entstanden – auch an den Deutschen Fußball-Bund, der laut Bild ebenfalls Anzeige gegen Julian Reichelt erstattet hat.
Folgende Fragen wollte der DFB auf NIUS-Anfrage nicht beantworten: Warum genau wurde Anzeige erstattet, mit welchem Ziel? Wie bewerten Sie die Geste von Antonio Rüdiger? Wie fügt sich das Bild eines deutschen Nationalspielers, der sich mit dem Gruß der IS-Terroristen inszeniert, in den Wertekanon des DFB, der immer wieder das Eintreten für Werte wie Vielfalt und Toleranz betont? Finden Sie, dass der tawhid-Finger und die dahinter stehende Botschaft zusammen passen mit der One-Love-Kapitänsbinde, wie sie bei der WM in Katar geplant war?
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