Bildung vor dem Kollaps – Deutschland verliert seine Kinder
Ein Beitrag von
In Deutschland, dem ehemaligen Land der Dichter und Denker, neigen sich wie in jedem Jahr zu dieser Zeit Woche für Woche in den Bundesländern die Sommerferien ihrem Ende entgegen. Schon jetzt schlagen Städte, Gemeinden und die Länder Alarm: In Deutschland fehlt es an allen Ecken und Enden an qualifiziertem Lehrpersonal. Laut Statistischem Bundesamt fehlen bis zum Schuljahr 2035/36 85.000 Lehrkräfte bei dann etwa 12 Millionen Schülerinnen und Schülern. Die Bildungsmisere an den Schulen besteht seit Jahrzehnten.
Die zuständigen Kultusbehörden der 16 Bundesländer mit ihrem Ständigen Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK) betreiben bei diesem gesellschaftlich brisanten Thema eine jahrzehntelange Mangelverwaltung. Weltfremde und praktisch untaugliche Reformvorhaben verschlimmerten die Lage an den Schulen noch dramatischer. Die dringenden bildungspolitischen Lösungen sind so weit von den Schulen entfernt, wie die Reise der Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) von einer Dienstreise nach Australien. Der bildungspolitische Kollaps kann als unausweichlich konstatiert werden. Deutschland benötigt dringend eine Revolution im Bildungssystem. Aufschlüsse über die Missstände im Bildungsbetrieb der Schulen kann ein Blick durch die Lehrerbrille hinter die Kulissen der Schulmauern liefern.

Deutschland hat einen eklatanten Lehrermangel.
Das Ansehen der Lehrkräfte rangiert nach einer neusten Umfragen des DBB Beamtenbund und Tarifunion im Mittelfeld der Berufe, Tendenz sinkend. Pädagogen äußern schon lange, dass der fehlende gesamtgesellschaftliche Respekt, die Anerkennung und die Wertschätzung zur Unattraktivität des Lehrerberufs beitragen. Der Lehrer als „fauler Sack“, der in der öffentlichen Wahrnehmung als jemand gilt, der „vormittags recht und nachmittags frei hat“, sich von demotivierten, leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern bewerten und sich von seiner Klientel vorschreiben lassen muss, wie er zu unterrichten habe, lockt junge Menschen nicht in die Lehramtsstudiengänge oder Fachleute aus anderen Berufen in die Schulen. Das deutsche Bildungssystem ist schwer erkrankt.
Lehrer am Limit ihrer Leistungsfähigkeit
Die Verbeamtung, hohe Besoldung und die Ferien ziehen nicht mehr. Lehrkräfte brennen angesichts dieses unangenehmen Arbeitsumfeldes zusehends aus. Lehrtätigkeit und Familie gelten bei voller Stundenzahl als unvereinbar („Work-Live-Balance“). Karrieremöglichkeiten in Schulen finden nur begrenzt statt. Lehrkräfte befinden sich in einem „Hamsterrad“, stets erreichbar und mit immer mehr Organisations- und Verwaltungsaufgaben befasst, stehen sie unter einem erheblichen psychischen Druck.
Das Kerngeschäft der Schule, der Unterricht, gerät aus dem Blick, weil schlicht die Zeit für die Vor- und nachbereitung guten Unterrichts fehlt. In der Folge unterrichtet mehr als die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland mit verminderter Stundenzahl. Lehrer sind erschöpft, leiden unter Stress und Überforderung oder erkranken in letzter Konsequenz ernsthaft. Das Selbstwertgefühl der Lehrkräfte schwindet mit zunehmenden Jahren in der Schule. Begleitet wird diese Entwicklung durch soziale und emotionale Kälte der Schulleitung, Schulverwaltung, Eltern und Schüler, die ein hohes Maß an Unzufriedenheit bei den Lehrern hervorrufen. In Niedersachsen können sich laut einer Umfrage der Lehrergewerkschaft GEW 53 Prozent nicht vorstellen, bis zu ihrer regulären Pensionierung mit 67 Jahren durchzuhalten. Nahezu die Hälfte der Lehramtsstudenten an den Universitäten schließt ihr Studium nicht ab, weil sie sich zu wenig auf den Schulalltag vorbereitet sehen. Die Lehrer engagieren sich am Limit ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit.

Lehrer fühlen sich laut Umfragen immer häufiger überfordert und wenig wertgeschätzt.
„Praxis-Schock“ nach dem Studium
84 Prozent der im Auftrag der 600 von der GEW-Niedersachsen befragten Referendare und Berufseinsteiger im Vorbereitungsdienst (Referendariat) befinden sich einem „Praxis-Schock“ ausgesetzt. Die Lehrerausbildung ist zu theoretisch und damit zu wenig praxisorientiert organisiert. Auch fühlen sich zukünftige Lehrer laut der Umfrage in ihrer Ausbildung zu wenig auf die Schulpraxis vorbereitet. Zudem sehen sich die angehenden Lehrkräfte mit psychischen Belastungen, wie Angststörungen und Zukunftsängsten, konfrontiert.
Wie reagieren die Kultusbehörden auf diesen eklatanten, sich manifestierten bildungspolitischen Notstand in den Schulen? Immerhin erkennen die Bildungspolitiker der Länder, dass sie sich für die „Attraktivität und die Wertschätzung“ des Lehrerberufs in der Gesellschaft und für die Entlastung von Organisations- und Verwaltungsaufgaben „einsetzen“ wollen. In ihrer „Erklärung zum Lehrkräftebedarf“ listet die Kultusministerkonferenz notwendige Maßnahmen auf. Im Ergebnis laborieren diese jedoch nur an den Symptomen. Dabei erfassen die den schulpolitischen Mangel verwaltenden Ministerialbeamten den Kern der an Deutschlands Schulen vorherrschenden Bildungsmisere in keiner Weise.
Weltfremde und in der Praxis untaugliche Vorschläge der KMK verschlimmern die Not an den Schulen. So schlägt die KMK beispielhaft vor, ausreichend Kapazitäten an den Universitäten für Lehramtsstudienplätze sowie im Referendariat in den Ländern bereitzustellen. Ebenso sollen Studiengangswechsel für sogenannte „Quer- oder Seiteneinsteiger“ in den Lehrerberuf großzügig ermöglicht werden.
Die Bildungspolitik nimmt scheinbar nicht zur Kenntnis, dass die deutsche Volkswirtschaft nur einen Rohstoff bereithält, mit dem Wohlstand und Wachstum erreichbar ist: Das ist die Bildung der jungen Menschen in Deutschland. Seit Jahrzehnten lässt der Staat die Kinder und Jugendlichen in den Schulen im Stich. Offensichtlich betrachten die Bildungspolitiker der Länder die schulischen Entwicklungen vom Spielfeldrand. In Deutschland existiert eine Schulpflicht, aber kein Recht auf Unterricht.
Falsche statistische Berechnungen beim Lehrerbedarf
Die Baden-Württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Bündnis90/Die Grünen) spricht in einem Beitrag der ARD mit dem symptomatischen Titel „Scheissjob Lehrer“ von unfassbaren falschen statistischen Berechnungen, auf deren Grundlage die Lehrerbedarfe ermittelt wurden. Vor diesem Hintergrund streben die Länder nunmehr eine weitere „Vereinheitlichung der gemeinsamen Parameter für die Prognostik und Modellrechnung zur Ermittlung des Lehrkräftebedarfs und -angebots“ an. Ferner sollen zukünftig Lehrkräfte mit nur in einem Fach unterrichten und Anerkennungsverfahren für im Ausland erworbene Abschlüsse verbessert werden. In Bremen werden so bezeichnete „Back-to-School-Lehrkräfte“ als Quer- bzw. Seiteneinsteiger neben ihrer Unterrichtstätigkeit fachlich und berufspädagogisch von einem Mentor begleitet für ein dem absolvierten Masterstudienfach verwandtes Unterrichtsfach ausgebildet.
Zurück zu den Rahmenbedingungen in der schulischen Realität: Der Lehrerberuf verkommt zu einem Beruf für jedermann. Galt es noch vor Jahren, ein Erstes und Zweites Staatsexamen mit zwei Unterrichtsfächern abzulegen, so genügt heutzutage der Bachelor-Abschluss für den Einstieg in die Schule mit nur einem Fach oder ein Sprachniveau auf dem Level C1. In der Schule angekommen, finden die Lehrkräfte explodierende Klassen, marode und technisch miserabel ausgestattete Unterrichtsräume sowie eine schleppende Digitalisierung vor. Kreide und die grüne Tafel repräsentieren heute noch die Klassenräume und nicht das interaktive Whiteboard mit Beamer.
Neben der Unterrichtsvor- und nachbereitung prägen Pausenaufsicht, Elterngespräche, Teamsitzungen, Schüleraustausch, Klassenfahrten, Elternabende und die Schulentwicklung den Schulalltag. Zusätzlich wird zum Teil freiwillig die Wochenstundenzahl aufgestockt, um den Unterricht an der Schule überhaupt zu gewährleisten. Gleichzeitig müssen Lehrerinnen und Lehrer zum Teil zwei oder drei Klassen parallel unterrichten. Kann so guter Unterricht funktionieren?
Noteninflation in Deutschland
Die seelische Belastung nimmt bei den Lehrerinnen und Lehrern extrem zu. Eine hohe Zahl an verschiedenen Klassen und Schulformen mit einer immer größer werdenden Zahl an Schülerinnen und Schülern verursachen einen erheblichen Druck bei der Notenvergabe. Eine gesunde leistungsbezogene Einschätzung der Schüler liegt nicht vor. Stattdessen weisen die Schüler zum Teil erhebliche Disziplinprobleme sowie ein Gewaltverhalten gegenüber Mitschülern und Lehrern auf. Eltern (besonders „Helikoptereltern“) drohen mit Rechtsanwälten, die Schulleitung- und verwaltung befindet sich im U-Boot und verweigert häufig so die Rückendeckung für ihre Lehrkräfte. Die Lehrer werden mit ihren Problemen allein gelassen. Wen wundert es, dass die Noten in Deutschland bei sinkender Leistungsmotivation immer besser werden? In Deutschland herrscht nicht nur ökonomisch eine Inflation, sondern auch eine „Noteninflation“.
Schulen als gesellschaftlicher Reparaturbetrieb
Die Schulen präsentieren sich als gesellschaftlicher Reparaturbetrieb, wobei sich die Bildungseinrichtungen den gesellschaftlichen Veränderungen kaum bis gar nicht angepasst haben. So werden die Herausforderungen der Integration und Inklusion zwar in den schulischen Fokus genommen. Die dafür erforderlichen Ressourcen werden aber nur mangelhaft zur Verfügung gestellt. Im Ergebnis entscheiden die Bildung und das Einkommen der Eltern über die schulische Biographie ihrer Kinder.
Die Schule kommt soft daher, die Realität präsentiert sich aber hart. Die Bildungspläne bereiten kaum auf das Leben nach der Schule vor. Den Lehrkräften wird der methodisch-inhaltliche Spielraum genommen, hierauf flexibel reagieren zu können. Der durch den Lehrermangel und den Krankenständen an den Schulen entstehende Unterrichtsausfall muss von den bestehenden Lehrkräften kompensiert werden. Der Lehrstoff muss von den Schülern eigenständig nachgeholt werden, was bei ihnen häufig zu Leistungsdruck, Frust und Schulangst führt. Die Schülerinnen und Schüler baden in den Schulen die verfehlte Bildungspolitik – gerade nach der Corona-Pandemie mit den verursachten Lernrückständen – aus.
Dass Bildung und Schule gut funktionieren können, zeigt ein Blick nach Skandinavien. Die Schülerinnen und Schüler stehen im Mittelpunkt. Es wird auf jeden Schüler Rücksicht genommen, so kommt jeder mit. Speziell ausgebildete Sonderpädagogen sind im Einsatz. Sie sind unterstützend mit im Unterricht und helfen schwächeren Schülern. Lehrer sind sehr angesehen, viele Schulabgänger wollen Lehrer werden. Die Lehrpläne enthalten allgemeine Ziele und Kerninhalte. So wird den Lehrern ein autonomes Unterrichten ermöglicht. Die Schulpflicht wird dort als Lernpflicht wahrgenommen. Der Lernort Schule wird gemeinsam von Lehrern, Schülern und Eltern entwickelt.
Ein solches Bildungssystem kostet Geld. In Deutschland ist der Bildungsbereich dem Spardiktat unterworfen worden und zum Opfer gefallen. Deutschland täte gut daran, in die Schulen und die Qualifizierung der Lehrkräfte zu investieren. Diese Investitionen sind Zukunkftsinvestitionen für die Kinder und Jugendlichen sowie für den Wohlstand und das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft. Hoffentlich wachen die Bildungspolitiker rasch auf, ansonsten droht die Bildung zu kollabieren.
----------
Über den Autor: Jens Biedermann ist Diplom-Handelslehrer und war lange in der Bildungspolitik in der Beruflichen Bildung tätig.
Mehr NIUS:
Plötzlich sollen diese Yogaklamotten rechts sein
Neue Studie: Deutschland verliert seine Besten
Polizei Brandenburg warnt Eltern vor „rechtsextremen Online-Strategien“
Trans-„Tochter” von Elon Musk in Dessous: „Trans-Körper werden angefeindet und dämonisiert”
Neue Oxford-Untersuchung zeigt: Über 90 Prozent aller Studien in den Sozialwissenschaften sind links
In Sachsen-Anhalt fordern selbst Linke Abschiebungen
Antisemit der Woche: UN-Generalsekretär António Guterres übt sich in Täter-Opfer-Umkehr und beschuldigt Israel sexueller Gewalt
„Omas gegen Rechts“ bringen neuen KI-Chatbot heraus
Mehr NIUS:
Trans-„Tochter” von Elon Musk in Dessous: „Trans-Körper werden angefeindet und dämonisiert”
Neue Oxford-Untersuchung zeigt: Über 90 Prozent aller Studien in den Sozialwissenschaften sind links
In Sachsen-Anhalt fordern selbst Linke Abschiebungen
Antisemit der Woche: UN-Generalsekretär António Guterres übt sich in Täter-Opfer-Umkehr und beschuldigt Israel sexueller Gewalt
„Omas gegen Rechts“ bringen neuen KI-Chatbot heraus
Gescheiterte Timmy-Rettung sorgt weltweit für Spott: „Deutschland hat den Verstand verloren“
#Männerhass: Wie ständig neue Internettrends Beziehungen schlechtreden
Nach „Lackaffe“-Strafbefehl: Drei weitere Merz-Beleidigungen werden von Staatsanwaltschaft Heilbronn verfolgt
Jens Biedermann
Artikel teilen
Kommentare