Deutschland im freien Fall – Armut ist bittere Realität
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„Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, lautete einmal ein CDU-Wahlkampfslogan. Deutschland galt als Land im Wohlstand und mit Wachstum. Heute konstatiert der Internationale Währungsfond (IWF) ein Schrumpfen der deutschen wirtschaftlichen Entwicklung.
Deutschland ist der einzige Staat aus der Reihe der stärksten Volkswirtschaften der Welt, für den die Prognose von einem negativen Wachstum ausgeht. Auch hat sich die IWF-Prognose vom Frühjahr 2023 nicht verbessert. Deutschland hält die „rote Laterne“ in den Händen. Deutschland wird wieder einmal wirtschaftlich als „Kranker Mann Europas“, ja sogar der Welt bezeichnet.
Die steigenden Preise für Lebensmittel, Strom, Gas und Dienstleistungen bereiten in Deutschland derzeit vielen Menschen Sorge. Die Inflation ist für viele spürbar. Die Armut in Deutschland steigt und steigt. Die Angst vor dem Leben am Existenzminimum wächst in der deutschen Volkswirtschaft, die einst als Exportweltmeister Leuchtturm in der Welt war. Das Statistische Bundesamt liefert die konkreten Zahlen: Im Jahr 2022 waren knapp 17,3 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das entspricht 20,9 Prozent der Gesamtbevölkerung. Darüber hinaus befand sich in dem Jahr fast jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis (19 Prozent) im Niedriglohnsektor, das mit weniger als 12,50 Euro brutto pro Stunde entlohnt wurde. Dass Armut keine Relevanz hat, kann nicht verleugnet werden, denn diese ist in Deutschland bittere Realität.
Damit stellt sich die Frage, wie es faktisch um die Armut in Deutschland bestellt ist? Eine statistische Bestandsaufnahme:
Die aktuellen Daten zur Armut ergeben für Deutschland ein düsteres Bild. In Deutschland herrscht eine Rekord-Armutsquote von inzwischen 16,9 Prozent, Tendenz steigend. Die Daten werden vom Statistischen Bundesamt als „Enddaten“ des Mikrozensus zur Einkommenssituation und insbesondere zu den Armutsquoten in Deutschland ermittelt. Unerheblich erscheint, dass im selben Zeitraum ebenso das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt um 46 Prozent anstieg.
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Damit leben in Deutschland im Jahr 2023 14,1 Millionen Menschen in Armut, was einen Zuwachs zum Vorjahr von 2,6 Millionen Betroffenen bedeutet. Besonders erschreckend sind die skandalösen Zahlen mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen: Die Kinderarmut stieg von 2021 (20,8 Prozent) um 0,5 Prozentpunkte auf nunmehr 21,3 Prozent. Bei Kindern von Alleinerziehenden sind es sogar 41,6 Prozent und bei Paarhaushalten mit drei und mehr Kindern 31,6 Prozent.
Deutschland belegt 20. Platz bei der Kinder- und Jugendarmut in der EU
Im europäischen Vergleich gehört Deutschland zu den Ländern mit einer höheren Armutsgefährdung von Kindern und Jugendlichen. Mit 24 Prozent sind hierzulande nur knapp weniger junge Menschen von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht als im Durchschnitt der EU-Mitgliedsländer (24,8 Prozent). Deutschland belegt dabei den 20. Platz von 27 Ländern. Am höchsten ist die Gefährdung der Kinder und Jugendlichen in Rumänien (41,5 Prozent) und Bulgarien (33,9 Prozent). Am geringsten fällt sie in Slowenien (10,3 Prozent), Tschechien (13,4 Prozent) und Dänemark (13,8 Prozent) aus.

Eine Person bittet in der Düsseldorfer Fußgängerzone um finanzielle Hilfe
Mit Blick auf die Städte in Deutschland, betrug die Armutsgefährdungsquote im Jahr 2022 in Duisburg 30,3 Prozent. Darauf folgten Bremen (27,6 Prozent), Dortmund (23,8 Prozent) und Essen (22,4 Prozent). München, Stuttgart und Berlin waren die Städte mit der geringsten Quote.
Die Corona-Pandemie hat den seit 2006 vorhandenen Armutstrend massiv verstärkt. 2020 federten die verschiedenen Schutzschirme und Sofortmaßnahmen der Bundesregierung und der Länder die Armutsentwicklung noch ab. Im Jahr 2021 schlugen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie voll auf die Armutsentwicklung durch. Besonders auffällig ist der Anstieg der Armutsquote bei den Erwerbstätigen und Selbstständigen. Ihre Armutsquote erhöhte sich von 9 Prozent auf 13 Prozent, das ist also ein Anstieg um 44 Prozent. Die Armut hat Deutschland fest im Griff.
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Armut bei Frauen, über 65-Jährigen, Kinder und Jugendlichen besonders hoch
Etwa 9,7 Prozent der Bevölkerung unter 65 Jahren bzw. 6,1 Millionen Menschen in Deutschland lebten 2022 in einem Haushalt, die nur im geringen Maße am Arbeitsmarkt teilnahmen. Den statistischen Daten zufolge waren 5,1 Millionen Menschen (6,1 Prozent) im vergangenen Jahr von erheblicher materieller und sozialer Entbehrung betroffen.
Tendenziell sind Frauen (16,5 Prozent) prozentual häufiger von Armut betroffen als Männer (15,1 Prozent). In Bezug auf das Alter ist die Armut in Deutschland am häufigsten bei über 65-Jährigen verbreitet. So leben laut dem Statistischen Bundesamt 19,4 Prozent direkt an der sogenannten „Armutsgefährdungsgrenze“. Danach folgen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren mit 16,2 Prozent, gefolgt von den 18- bis 64-Jährigen mit 14,5 Prozent.

Armut ist bittere Realität in Deutschland
In Bezug auf die Industrienationen, zu denen die Bundesrepublik Deutschland zählt, wird von Armut gesprochen, wenn die Grundbedürfnisse eines Menschen (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Zugang zu medizinischer Versorgung) nicht mehr gedeckt sind oder wenn Menschen etwa der Zugang zu höherer Bildung, sozialen Kontakten und zur Teilnahme an kulturellen Ereignissen verwehrt bleibt.
Allgemein gelten Menschen demnach als arm, wenn sie schlechten Lebens- und Entwicklungschancen ausgesetzt sind und folglich nicht, oder nur eingeschränkt, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können (relative Armut). Die Konsequenzen aus der Armut sind häufig ein schwieriger Einstieg in den Arbeitsmarkt, kein gesichertes Einkommen und Überschuldung. Kinder von in Armut lebenden Familien leiden häufig besonders stark, da ihnen nicht immer mindestens eine warme Mahlzeit am Tag gewährt wird und sie oft schlechten Bildungschancen ausgeliefert sind.
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Global betrachtet sind die Ärmsten der Welt häufig von Unter- oder Mangelernährung betroffen, insbesondere Kinder. Ihnen fehlt besonders oft der Zugang zu sicherem Trinkwasser, Gesundheit sowie Bildung, und sie sind eher Umweltrisiken ausgesetzt (absolute Armut). Nach Prognosen der Weltbank leben im Jahr 2023 weltweit rund 647 Millionen Menschen in extremer Armut. Das bedeutet seit dem Jahr 2022 nach den Vereinten Nationen, dass ein Mensch über weniger als 2,15 US-Dollar pro Tag (1,98 Euro) verfügt. Insgesamt ist ein globaler Rückgang der Armut zu verzeichnen. Besonders China und Indien fallen hier positiv ins Gewicht. Heute sind die afrikanischen Staaten südlich der Sahara die am stärksten von Armut betroffenen Länder der Welt.
Armutsgrenze bei 1.250 Euro im Monat bzw. 15.000 Euro im Jahr
In der Europäischen Union (EU) gelten nationale Armutsgrenzen. Für Deutschland gilt als armutsgefährdet, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Für Alleinstehende bedeutet dies ein Monatseinkommen von 1.250 Euro netto bzw. ein Jahreseinkommen von 15.000 Euro. Bei zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag der Wert bei 2.625 Euro netto im Monat bzw. bei einem Haushaltseinkommen pro Jahr in Höhe von unter 31.500 Euro. Dieses sogenannte Nettoäquivalenzeinkommen bestimmt sich als ein je nach Zahl und Alter der Haushaltsmitglieder gewichtetes Nettoeinkommen. Es dient dazu, die Einkommen unterschiedlich großer Haushalte national und international vergleichbar zu machen. Seit 2006 ist die Armutsgefährdungsquote in Deutschland gestiegen.
Damit ist ein Mensch in der EU als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn auf ihn mindestens eine oder mehrere der folgenden drei Bedingungen zutreffen:
- Das Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze.
- Der Haushalt ist von erheblicher materieller und sozialer Entbehrung betroffen.
- Die Person lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.
Knapp 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland befinden sich in Armut. Rund ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen sind von sozialer Ausgrenzung bedroht. Das entspricht einer Quote von 14,8 Prozent. Eindeutig existiert ein Zusammenhang zwischen der Armutsgefährdung bei Kindern und Jugendlichen und dem Bildungsstand der Eltern. So lag die Quote im Jahr 2022 bei Eltern, die über einen Haupt- oder Realschulabschluss ohne beruflichen Abschluss verfügten, bei 37,6 Prozent, bei denen mit einem mittleren Bildungsabschluss bei 14,5 Prozent und bei denen mit einem höheren Bildungsabschluss (Meistertitel, abgeschlossenes Studium) bei 6,7 Prozent.
Land Bremen Spitzenreiter bei der Kinder- und Jugendlichenarmut
Das Bundesland Bremen, regiert von SPD, Grünen und die Linke, weist die höchste Armutsgefährdungsquote von Kindern und Jugendlichen in Deutschland aus und ist damit einsamer Spitzenreiter. Im Jahr 2022 betrug diese 40,5 Prozent. In Bayern herrscht mit 14,3 Prozent die geringste Kinder- und Jugendlichenarmut. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 21,6 Prozent.
37,9 Prozent der Studierenden in Deutschland waren im Jahr 2021 armutsgefährdet. Noch deutlich höher war das relative Armutsrisiko für diejenigen, die allein oder ausschließlich mit anderen Studierenden zusammenlebten: Gut drei Viertel (76,1 Prozent) von ihnen waren armutsgefährdet.
28,1 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund in Armut
Die Armutsgefährdungsquote in Deutschland nach Migrationshintergrund und Staatsangehörigkeit verteilt sich für das Jahr 2022 auf die jeweiligen Gruppen wie folgt:
|
Menschen |
Prozent |
|
mit deutscher Staatsangehörigkeit |
13,7 |
|
ohne deutsche Staatsangehörigkeit |
35,3 |
|
mit Migrationshintergrund |
28,1 |
|
ohne Migrationshintergrund |
12,1 |
(Quelle: Statistisches Bundesamt, www.statista.de, 18.08.2023, 17:17 MEZ)
Die Armutsentwicklung in Deutschland ist im Wesentlichen vom Niedriglohnsektor abhängig. Ein Niedriglohn ist das Arbeitsentgelt eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers, das sich knapp oberhalb oder unter der Armutsgrenze befindet. Liegt die Grenze darunter, ist eine angemessene Existenzsicherung für den Arbeitnehmer, trotz Vollerwerbstätigkeit, nicht gewährleistet. Selbiges gilt für Empfänger des „Bürgergelds“, dem vormaligen Arbeitslosengeld II („Hartz IV“). Auch diese Menschen befinden sich potentiell oder bereits aktiv in der Armut.
5,8 Millionen Menschen im Niedriglohnsektor
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes, waren rund 5,8 Millionen Beschäftigungsverhältnisse von der Erhöhung des Mindestlohns zum 1. Oktober 2022 betroffen. Das bedeutet: ganze 14,8 Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland lagen vor der Mindestlohnerhöhung unterhalb eines Stundenlohnes von 12 Euro. Werden diese 5,8 Millionen Jobs nun mit dem Mindestlohn vergütet, entspricht dies einer Einkommenssteigerung für die betroffenen Beschäftigten um 9,6 Prozent, also rund 480 Millionen Euro. Häufig stimmen der gesetzlich geregelte Mindestlohn und der Niedriglohn annähernd überein.
Niedriglöhne waren sehr unterschiedlich auf gesellschaftliche Gruppen und Wirtschaftszweige verteilt. 2022 bekamen 23 Prozent der Frauen Niedriglöhne, im Vergleich zu 16 Prozent der Männer. Hauptursachen dafür sind, dass Frauen oft in gering bezahlten Berufen und Branchen arbeiten und sehr viel häufiger Teilzeit- oder geringfügig Beschäftigte sind.

Die Situation in deutschen Tafeln ist angespannt
Auch das Alter spielt eine Rolle: Junge Erwerbstätige bekamen überdurchschnittlich häufig Niedriglöhne. 44 Prozent aller abhängig Erwerbstätigen unter 25 Jahren wurden niedrig entlohnt. Beschäftigte im Alter von 65 Jahren und älter sind mit 41 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich häufig betroffen.
2022 war der Anteil von Beschäftigten mit Niedriglohn im Gastgewerbe besonders hoch (63 Prozent), gefolgt von Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei (56 Prozent). Aber auch im Bereich Kunst, Unterhaltung und Erholung (43 Prozent) sowie bei sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen (40 Prozent), zum Beispiel Gebäudebetreuung und Reiseveranstalter, gab es überdurchschnittlich viele Beschäftigte mit Niedriglohn.
Bildungsarmut 2022
Spannend ist auch ein Blick auf den Bildungsmonitor 2022, der die statistische Bewertung von Bildungsarmut an Schulen liefert. Der Bildungsmonitor erarbeitet die Stärken und Schwächen der Bildungssysteme der einzelnen Bundesländer heraus. Im Ergebnis erreicht Sachsen, noch vor Bayern und Thüringen, das beste Ergebnis. Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Bremen bilden die Schlusslichter, dort herrscht die höchste Bildungsarmut in Deutschland. Die Bildungsarmut wird dabei u.a. am Anteil der erfolgreichen Absolventen des Berufsvorbereitungsjahres (BVJ) an allen Abgängern des BVJ gemessen.
Tafel-Organisationen in Deutschland am Limit
Die Armut in Deutschland äußert sich deutlich im Andrang auf die Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen, aus. Dieser ist ausgesprochen hoch. Seit Jahresbeginn verzeichnen die Tafeln einen Anstieg der Kundinnen und Kunden von 50 Prozent. Insgesamt nehmen etwa zwei Millionen Menschen den Service der Tafeln in Deutschland in Anspruch, darunter Menschen in der Grundsicherung, Alleinerziehende, Rentner, Geflüchtete und Obdachlose. Bemerkenswert ist, dass die Lebensmittelspenden im „reichen Deutschland“ gleichzeitig stark zurückgegangen sind. Inzwischen sind rund ein Drittel der 960 Tafeln so überlastet, dass sie Aufnahmestopps verhängen mussten. Die Tafeln sind am Limit. Ein bedenkliches und kritisches Signal für den Sozialstaat Deutschland.
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Die Schere zwischen Arm und Reich ist eine wachsende Konstante. Es erscheint dringend, dass ein weiteres Auseinanderdriften verhindert werden sollte. Dies erfordert eine Abkehr von vermeintlichen haushaltspolitischen Zwängen hin zu einer Politik, die in den Abbau sozialer Ungleichheiten investiert. Es braucht Reformen und Veränderungen, die direkt und unmittelbar allen Mitgliedern der Gesellschaft helfen, soziale Probleme und deren Auswirkungen zu überwinden. Das erfordert Investitionen in die Bildung, um gerechte Teilhabechancen für alle herzustellen. Und es erfordert eine nachhaltige Arbeitsmarktpolitik, die Qualifizierungs- und Beschäftigungskonzepte im Interesse von Erwerbstätigen und Erwerbslosen vorsieht.
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Jens Biedermann
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