Eröffnung der Berlinale: Das ist kein Filmfestival mehr, sondern linke Gutmenschen-Show
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Als die Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron am Donnerstag auf dem roten Teppich der Berlinale erscheint, trägt sie einen purpurfarbenen Button. „Movies unite, Hate divides“, steht drauf. Filme vereinen, Hass spaltet. Kurz darauf reckt Gaffron ihre Hände ins Blitzlicht. Auf ihren Handinnenflächen stehen neun Namen: Kaloyan, Vili Viorel, Fatih, Said, Gökhan, Ferhat, Mercedes, Sedat und Hamza. Es sind die Namen der Toten des Terroranschlags in Hanau 2020. Jetzt sind diese Namen, Hamza und Ferhat und alle anderen, Teil der diesjährigen Berlinale: des größten deutschen Filmfestivals, auf dem alles gleichermaßen politisch wie gratismutig ist.

Die Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron
Die Schauspielerin Gaffron, eine der Unterstützerin des Protestcamps in Lützerath, ist an diesem Abend nicht alleine mit ihrer politischen Positionierung. Andere Stars und Sternchen reckten die Konterfeie der Opfer von Hanau in die Luft. Später sagte die Berlinale-Leiterin, Mariëtte Rissenbeek, Hanau stehe für „die vielen, besonderen und schmerzhaften Ereignisse“, die die Eröffnung der Berlinale in den vergangenen Jahren geprägt hatten. Die Schauspielerin Jella Haase und Katja Riemann riefen „Defend Democracy“ und hielten Handylichter in die Luft. „Jerks“-Schauspielerin Pheline Roggen machte mit einer überdimensionierten „FCK AFD“-Kette auf sich aufmerksam. Und das schwarze Model, Papis Loveday, hielt ein Plakat mit dem Schriftzug „No Racism! No AfD“ in die Luft.
Die am Donnerstag eröffnete Berlinale ist zum zivilreligiösen Schaulaufen von Film- und Fernsehstars verkommen. Sie reiht sie sich ein in einen Zeitgeist, in dem die Deutsche Bahn „Aufstehen für die Demokratie“ twittert und sich Prominente aufs Cover des Stern klatschen lassen, um in bedröppelten Ausführungen Erich Kästner zu zitieren.

Pappschilder und Silberketten: Papis Loveday und Pheline Roggen gegen die AfD.
„Hass steht nicht auf der Gästeliste“
Ironischerweise fand die Eröffnung des Filmfestivals am Potsdamer Platz statt – und Potsdam, so scheint es, war an diesem Abend überall. Die brandenburgische Landeshauptstadt, in der sich das Gasthaus am Lehnitzsee befindet, also der Schauplatz der Correctiv-Recherche über ein vermeintliches „Geheimtreffen“ zwischen WerteUnion- und AfD-Anhängern sowie Unternehmern und rechten Aktivisten, ist im bundesrepublikanischen Kollektivgedächtnis zum Signum für die Wiederkehr des NS-Regimes geworden. „Je länger das Dritte Reich tot ist“, schrieb der Journalist Johannes Gross einst, „umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen.“ Seit der Correctiv-Recherche ist dieser Widerstand wieder einen Tick stärker geworden – und spürbar im ganzen Land. Es werden die krudesten NS-Analogien bemüht – und das Treffen von Potsdam in eine Kontinuität mit der Wannseekonferenz gestellt.
Und deshalb ist es nur logisch, dass das „Geheimtreffen“ auch Gegenstand der Berlinale werden musste. „Hier bedrohen rechtsextreme Worte und Taten und antidemokratische Positionen unser Zusammenleben“, sagte Rissenbeek in ihrer Eröffnungsrede. Bei der Berlinale stehe „Hass nicht auf unserer Gästeliste“. Viele Menschen im Team der Berlinale, aber auch Personen im Freundes- und Bekanntenkreis, seien „betroffen über die Ansichten der AfD, Menschen mit Migrationshintergrund des Landes zu verweisen, zu deportieren“. Das Wording der Deportationen wurde schon zwar schon längst als Lüge entlarvt, doch das war egal. Diese Positionen, so Rissenbeek, „wolle und könne“ man als Festival nicht legitimieren.

In ihrer Haltung unmissverständlich: Berlinale-Geschäftsführerin Mariëtte Rissenbeek.
Und das tat die Berlinale auch nicht, bei der bereits die Einladungen zum Politikum geworden waren. Da das Festival massiv aus staatlichen Geldern gefördert wird, stehen Einladungen für gewöhnlich Vertretern aller Parteien zu. Fünf Mitglieder der AfD, darunter Kristin Brinker und Ronald Gläser von der Berliner AfD, sollten kommen. Nach einem offenen Brief von mehr als 200 Filmschaffenden, die die Ausladung forderten, verteidigte dann sogar die grüne Kulturstaatsministerin, Claudia Roth, den ursprünglichen Vorgang. Die Einladung für die AfD entspräche der demokratischen Praxis, sagte Roth, und dem „Respekt der Bundesregierung vor dem Parlament und seinen gewählten Abgeordneten.“
Doch die Ausladungskampagne war stärker und setzte sich durch. Schlussendlich knickte die Festivalleitung ein. „Gerade auch angesichts der Enthüllungen, die es in den vergangenen Wochen zu explizit antidemokratischen Positionen und einzelnen Politiker*innen der AfD gab, ist es für uns – als Berlinale und als Team – wichtig, unmissverständlich Stellung zu beziehen für eine offene Demokratie“, hieß es in einer Erklärung, die im Namen der Leitung um Rissenbeek und Carlo Chatrian verschickt wurde.
Warum gerade solches Vorgehen „demokratisch“ sein soll, konnten die Veranstalter bis heute nicht erklären. Und spätestens als Roth in ihrer Eröffnungsrede mehrfach „Diversität“ beschwörte, die sie nun auch in einem Filmförderungsgesetz verankern will, sollte es den letzten dämmern: Wie kann man Vielfalt wie einen heiligen Gral vor sich hertragen, dann aber wegen der Präsenz von fünf Vertretern einer rechten Partei verängstigt kapitulieren? Vielfalt, das sollte eigentlich klar sein, gilt auch für Meinungen.
Opferhierarchien und Cancel Culture-Banner
Dieser ganze hysterische Umgang mit der Einladung einer Handvoll Rechter offenbart, wie getrieben und voreingenommen die deutsche Kulturindustrie ist. Voreingenommen, weil man sich gar nicht vorstellen kann, ein Filmfestival im Zeichen politischer Neutralität durchzuführen. Und getrieben, weil jede Petitesse, selbst eine AfD-Einladungskarte auf Papier, zu Schnappatmung führt. Die Beileidsbekundungen für die Hanau-Toten haben dabei schon etwas fast Rituelles und werden jedes Jahr aufs Neue auf der Berlinale durchexerziert.
Schauspielerin Emilia Schüle sagte dann auch noch, dass sie sich besser damit fühle, dass keine AfD-Politiker anwesend seien. Der Regisseur Wim Wenders war sogar ein wenig stolz. „Die Berlinale ist traditionell seit immer schon das politischste der großen Festivals, hält sich auch jetzt nicht raus, wird sie auch in Zukunft nicht tun“, sagte der 78-Jährige. „Ich mag die Berlinale, weil sie auch immer den Mund aufmacht und was sagt.“ Nunja.

Schauspieler verteidigen die Demokratie.
Diese Statements von Schauspielern sind Sinnbild für den gratismutigen Geisteszustand einer Kulturszene, die natürlich auch bei der Anwesenheit von fünf AfD-Politikern null komma nichts zu befürchten gehabt hätte – und für die Wörter wie „Diversität“ und „Demokratie“ nur Floskeln sind, hinter denen man die eigene Tugendhaftigkeit wie Outfits auf dem roten Teppich präsentiert, um Lob von Gleichgesinnten einzuheimsen. Dass die AfD massiv von einem „Wir gegen die“-Narrativ zerrt und auch deshalb Zuspruch erhält, weil jede Talkshoweinladung und jeder Galaauftritt zu Hyperventilation und Boykottaufrufen führen, erscheint nur logisch.
„Wer anders denkt, ist unerwünscht“
Während Gaffron, Riesenbeek, Schüle, Roggen und der Rest ihre bedeutungsschwangeren Statements in die Kameras säuselten, machten sich am Rande des Blitzlichtgewitters dann einige Aktivisten der Jungen Alternative Berlin breit. Sie entrollten Banner, auf denen stand: „Berlinale – Festival of Cancel Culture“ und „Wer anders denkt, ist unerwünscht“. Wer politisch nicht völlig orientierungslos ist, sieht in den Botschaften dieser Plakate einen nicht ganz unerheblichen Grund für den Aufstieg der Alternative.

Aktivisten der Jungen Alternative versuchten den Berlinale-Auftakt zu stören.
Und noch ein anderes Detail war entlarvend: Auf den Handflächen von Luisa-Céline Gaffron fehlte der Name des 10. Todesopfers von Hanau: Gabriele. Die Mutter des Attentäters, Tobias R., wurde ebenfalls erschossen, wird aber im politischen Gedenken so gut wie immer außen vor gelassen. Sie besitzt keinen Migrationshintergrund – und es wirkt fast so, als ginge es Gaffron und Konsorten nicht um aufrichtiges Gedenken. Sondern um Tugendhaftigkeit und Selbstinszenierung.
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Jan A. Karon
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