Fäkalien, Menstruationsblut und Genitalien: Es ist Zeit, sich wieder etwas mehr zu schämen
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Das größte Feindbild des progressiven Zeitgeistes ist das Gefühl der Scham. Die Scham vor Nacktheit und Sexualität galt für die 68er-Bewegung als Zeichen für einen ultrarechten Unterdrückungsmechanismus, der vor allem bei Kindern traumatische Schäden hinterlassen kann.
Das Motto dabei: Wer mit seinen Kindern nicht frühzeitig über Sexualität, Nacktheit und körperliche Tabuthemen redet, ziehe eine Generation von Spießern heran, die nicht nur eine verklemmte und somit „Sex-negative“ Einstellung zum eigenen Körper haben, sondern auch wahllos sexuelle Minderheiten diskriminieren.
Die Scham vor der Scham
Die Angst davor, dass die eigenen Kinder zu verklemmten Spießern heranwachsen könnten, führte vor allem in den 70er und 80er Jahren nicht nur zu einer Welle an pro-pädophilen Positionen, sondern auch dazu, dass Aufklärungsbücher mit kinderpornografischen Inhalten veröffentlicht wurden.
Da gab es etwa den Aufklärungsband „Zeig Mal“ von dem Fotografen Will McBride, in dem der durch die Kentler-Experimente bekannt gewordene Soziologe Helmut Kentler ein Vorwort geschrieben hat. Obwohl der Fotograf die Genitalien von nackten, präpubertären Kindern abfotografierte (ein Grund, weshalb der Band in den USA – nicht in Deutschland – seit 1995 verboten ist), wurde der Band mit Preisen ausgezeichnet, weil darin ein vermeintlich fortschrittlicher und offener Umgang mit Sexualität gezeigt wurde.

Das Aufklärungsbuch „Zeig Mal“ von Will McBride enthält kinderpornografische Darstellungen. Dennoch wurde es mit Preisen ausgezeichnet und als besonders „fortschrittlich“ gefeiert.
Heute haben wir es immerhin geschafft, Kinderpornografie nicht mehr als legitime Sexualaufklärung zu adeln. Der Glaube, dass wir erst dann in der progressiven Zukunft angekommen sind, wenn wir den Kreuzzug gegen die Scham weiterführen, ist aber geblieben.
„Diverse“ Sexualaufklärung: Schamgrenzen bei Kindern ausgeweitet
Heute zwingt man Kinder im Namen der LGBTQ-Bewegung frühzeitig über die Genitalien von „Inter*Kindern“ zu spekulieren, während holländische Pädagogen der mit der WHO kooperierenden „Rutgers Foundation“ Kleinkinder vor laufender Kamera über deren Masturbationsverhalten ausfragen. Auch hier dominiert die krude Überzeugung, dass die Scham vor Sexualität schon bei Kleinkindern durchbrochen werden muss, um sie zu „diversen“ und „aufgeschlossenen“ Bürgern heranzuziehen.

Wer wird sich denn hier schämen? Verstörende Darstellungen von Vaginas auf dem Instagram-Kanal von „Glanz und Natur“.
Doch nicht nur Kindern will man die Scham abtrainieren. Auch Jugendliche und Erwachsene sollen sich bei dem Thema Sex gefälligst nicht so haben. Ganz vorne mit dabei sind die jungen Formate von ARD und ZDF. Auf dem FUNK-Kanal „Glanz und Natur“ hat man es zusätzlich auf die Bekämpfung von gängigen Schönheitsidealen abgesehen, indem man absichtlich schmuddelige bis eklige Grafiken von Penissen, Vaginas, Körperbehaarung, Menstruationsblut, Narben oder Sex-Stellungen veröffentlicht.

Politische Kontrolle bis in die intimsten Gedankengänge hinein: Wer „Schamlippe“ sagt, macht sich der patriarchalen Unterdrückung schuldig.
Auf anderen Funk-Formaten wird das Überwinden der Scham zu einem regelrechten Gradmesser für die eigene Progressivität: Nur, wer selbstbewusst über den eigenen Pornokonsum, Polyamorie, offene Beziehungen, Sex-Partys, Sex-Spielzeug, Fetische und Prostitution spricht, sich als „kinky“ bezeichnet und mit Choker in die Nachtclubs geht, gehört der neuen, aufgeschlosseneren Generation an.
Während man sich also sehr wohl dafür schämen soll, wenn man die falschen Pronomen verwendet oder eine schwarze Person nach der Herkunft fragt, soll die Scham bei den krassesten Fetischen und intimsten Dingen plötzlich verschwinden.
Wer nicht mitmacht, gehört nicht dazu
Das alles führt zu einer simplen Gleichung im zeitgenössischen, woken Diskurs: Entweder du weitest deine Schamgrenzen, was die intimsten Dinge in deinem Leben angeht, radikal aus – oder du gehörst der verklemmten „Nazi“-Generation an, die Homosexualität abwertet und den Sexualkundeunterricht an der Schule stürmt. Wer nicht mitmacht oder es wagt, diesen Kink-Hype zu kritisieren, gilt automatisch als prüde, verklemmt oder „Sex-negativ“.
Dabei ist das Gegenteil der Fall: Die Wahrung der Schamgrenzen – vor allem bei Kindern – ist nicht reaktionär, sondern ein Zeichen für eine gesunde Psyche. Wenn sich Kinder schämen, grenzen sie sich von der Außenwelt ab. Sie unterscheiden zwischen Dingen, die niemanden etwas angehen, und Dingen, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Sie setzen Tabus und verteidigen damit ihre eigene Intim- und Privatsphäre, wodurch sie ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln.

Wieso hat der staatliche Rundfunk das Bedürfnis, seine Leser über so etwas aufzuklären?
Wer Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen diese Scham abtrainieren will, hat folglich nur eines im Sinn: Die Intimsphäre soll zum öffentlichen Gesprächsthema werden, die Privatheit zerstört werden. Das schlechte Gewissen darüber, dass man sich nicht politisch korrekt verhält, soll allgegenwärtig werden.
Wir sollen IMMER politisch sein, selbst, wenn wir nackt sind, schlafen, essen, Sex haben oder uns verlieben. Die Privatheit abzuschaffen und Individuen somit in eine gleichgeschaltete Masse zu zwingen, war übrigens schon immer ein Merkmal totalitärer Ideologien.
Dabei haben Studien schon längst bewiesen, dass junge Menschen zwar mehr über Sex reden, ihn aber immer seltener haben. Sextherapeuten berichten von jungen Menschen, die durch den permanenten Pornokonsum in jungen Jahren eine komplett verzerrte Vorstellung von realem Sex und ihrem eigenen Körper haben – was zu Erektionsproblemen, einer großen Unbeholfenheit und schlechtem (oder gar keinem) Sex führt.
Vielleicht ist die Lösung ganz einfach, vielleicht sollte sich diese Generation einfach mal wieder ein bisschen mehr schämen.
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Judith Sevinç Basad
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