30, weiblich, traurig – warum sind junge Frauen so verloren?
Ein Beitrag von
Melanie GrünSie sind jung, sie können alles machen, sie können alle lieben. Sie sind todtraurig.
Wenn ich mir heute Anfang-Dreißigerinnen ansehe, erfasst mich immer eine Mischung aus Mitgefühl und Ratlosigkeit. Mitgefühl, weil ich selbst vor zwei Jahrzehnten so alt war, mich fragte, mit wem und wann ich Familie will, ob und wie ich Karriere machen soll, warum und wie viel ich trotz Kindern arbeiten sollte. Ich möchte diesen jungen Frauen den Arm auf die Schulter legen und ihnen zurufen: Egal, welchen Weg Du einschlägst, für manche (und vielleicht auch für Dich selbst) wird es womöglich genau der falsche sein. Gut so! Stolpern macht stark.
Die braven 30-Jährigen
Und dann bin ich wieder ratlos, weil diese Frauen so wunderbar und so brav sind. Sie glauben, Matcha zu trinken und Grün zu wählen, mache sie zu einem glücklichen Menschen. Sie tindern, machen Party und verloben sich. Sie kennen sich aus mit Ghosting und Gaslighting. Sie investieren in ETFs und sind digital fit. Sie lesen und schreiben tolle Bücher. Sie kaufen Sextoys und feiern wilde Junggesellinnenabschiede. Und dennoch haben sie irrsinnige Angst, Fehler zu machen.
Dabei ist es genau diese Generation der Millennials, die von ihren Eltern viel besser unterstützt und gesehen wurde, als wir von der Gen X. Sie sind oft schön und verstecken sich hinter riesigen Jeans; jeder männliche Blick könnte Belästigung sein. Ich möchte sie schütteln, weil sie so viel Angst vorm Leben und Scheitern haben. Lustvoll auf die Nase zu fallen, sich den Staub abzuklopfen und weiterzumachen, das ist in jedem Fall eine bessere Lektion als Instagram-Kacheln über Resilienz und Anxiety und – oh Gott – Trauma.

Sie kennen alle Red Flags – und fürchten trotzdem jede falsche Wahl.
Die goldenen 80er
Im Netz kursieren gerade Memes darüber, dass uns Ältere alle um unsere Kindheit in den 70er- und 80er-Jahren (ja, Stranger-Things-Welt!), um unsere sorglose Jugend in den 90ern und um unser junges Erwachsenenleben in den frühen 2000ern beneiden. Das kann ich gut verstehen. Ich bin der Meinung, wir haben die beste Zeit mitgenommen, waren analog, auf uns selbst gestellt, resilient. Unsere Eltern ließen uns machen. Solange abends alle wieder daheim waren, mit blutigen Knien oder Zigarettenrauch an der Jeansjacke, war alles im Lack.
Niemand wäre auf die Idee gekommen, zu einem Elterngespräch oder einer U7-Untersuchung zu gehen, schon gar nicht zum Logopäden, Orthopäden oder sonstigen Ärzten, mit denen sich Helikopter-Eltern heute den Nachmittag füllen. Lispeln? Verwächst sich. Überbiss? Wird schon. Wer dick war, wurde ein bisschen ausgelacht und dann in Ruhe gelassen. Die meisten waren schlank, denn unsere Kindheit verbrachten wir nicht Pringles mampfend in der U-Bahn, sondern auf Rollerskates und BMX-Rädern draußen. Wenn wir Mist bauten, gab’s Anschiss. Damals war Hausarrest noch eine Strafe, Drinsein der Gau: Das Sanostol-Kind aus der Werbung guckte aus der verregneten Scheibe sehnsüchtig nach draußen auf den Spielplatz, wo seine Freunde tobten. Laktose-Intoleranz, Allergien? Dafür gab’s aufs Maul (wenigstens kein Cybermobbing).
Das Kinderleben in den 80ern war ehrlich und manchmal gnadenlos. Die einen kamen aus einem CDU-Elternhaus, die anderen gingen mit ihren Eltern gegen Atomkraftwerke demonstrieren. Freunde nach der politischen Gesinnung aussuchen? Undenkbar. Klar, auch wir hatten mal Angst, die wurde auch damals schon von den Medien kräftig befeuert: Waldsterben, Ozonloch, AIDS, Kalter Krieg und Aufrüstung betrafen unsere ganze Generation. Aber nach der Tagesschau um 20:15 war das etwas, was man lieber den Politikern überließ. „Wetten, dass..?“ ging pünktlich los und unpünktlich zu Ende. Thomas Gottschalk war der Größte, und der Wald würde schon überleben.
Gibt es zu viel Freiheit? Vielleicht
Warum ich diesen Exkurs mache? Weil viele junge Frauen heute noch mehr Freiheit haben, aber noch weniger damit anzufangen wissen. Sie könnten eine schwarze, einbeinige, transsexuelle viermalige Schulabbrecherin lieben und es würde niemanden jucken. Die heute 30-Jährigen müssen sich manchmal fühlen wie die egalste Generation, die es jemals gab. Die Möglichkeiten sind – beruflich wie privat – endlos. Workation auf einer Schaffarm in Australien? Kein Problem. Digital von der Terrasse auf einer griechischen Insel arbeiten? Klar. Schreinerlehre oder eigenes Nagelstudio? Go for it. Kein, ein, zwei, drei Kinder mit einem, zwei, drei Vätern oder Müttern, per Leihmutter oder Samenbank, Patchwork, alles machbar.
Zu viele Möglichkeiten und niemand, der sagt: Hier geht’s lang
Kein Wunder, dass viele junge Frauen sich verloren fühlen. Videos mit weinenden Influencerinnen gehen durch die Decke. Immer will eine ihre Verzweiflung mit uns teilen. Der Zuspruch in der Kommentarspalte ist besser als jede Therapie. We feel you, girl. Nicht umsonst holt die 32-jährige Autorin Sophie Passmann so viele mit ihrer Jammerprosa ab. Aber was ist Gejammer – und was ist Depression?

Am meisten betroffen von Depressionen sind laut Statistik Frauen über 80 und unter 29.
Eine richtige Depression ist schrecklich
Einmal, nach der Geburt meines Kindes, fiel ich mehrere Monate in ein Loch, weinte viel, jede Stunde des Tages fühlte sich endlos an, nichts machte mehr Freude. Heute weiß ich, das war eine postpartale Depression, die 10 bis 15 Prozent der Mütter im ersten Jahr nach der Geburt befällt. Ernst zu nehmen, aber behandelbar. Heute sprechen Stars wie Jennifer Lawrence, Reese Witherspoon oder Serena Williams offen darüber. Damals wusste ich nicht, was mit mir los ist. Ich dachte, das bleibt jetzt immer so. Wie furchtbar muss es sein, da nicht mehr rauszukommen.
Die Grenzen zwischen einer klinischen Depression und dem verlorenen Zustand vieler junger Frauen sind aber fließend. Ab wann ist mein Traurigsein behandlungswürdig und nicht mehr mit einem Eisbad oder Yoga in den Griff zu bekommen? Wie weit kann ich meinen Liebeskummer aussitzen und dann einfach wieder Spaß am Flirten und Daten finden? Depression ist eine Erkrankung, mal schwerer, mal leichter, da gibt es nichts zu deuteln, dafür gibt es Kriterien. Es ist gut, dass wir alle offener damit geworden sind. Aber wie offen ist zu offen? Ist es richtig, dass für jede harte Phase im Leben sofort eine Diagnose und ein Medikament bereitstehen? Ist es richtig, junge Frauen schon so früh auf das Thema aufmerksam zu machen, damit sie sich selbst bei jedem seelischen Tief dort einordnen?
Einfach mal machen!
Wer schwer an der Seele erkrankt, braucht gute Behandlung und Betreuung. Wer aber einfach 30 ist und nicht weiß, wie es weitergeht, sollte sich vielleicht auf ein Abenteuer begeben: ein Praktikum machen, obwohl man längst im Job steht. Eine Ausbildung starten, auch wenn sie schiefgeht. Eine Reise allein buchen, auch wenn das beängstigend klingt. Eine Familie gründen, auch wenn das erstmal anstrengend ist. Keine perfekte Mutter werden, aber eine gute. Das Zauberwort heißt machen.
Von uns Älteren können sie sich inspirieren lassen, mutiger zu sein, streitbarer, klarer. Nicht links oder rechts schauen, schon gar nicht auf Instagram. Loslegen, durchziehen, scheitern, aufstehen, leben. Es geht immer weiter – auch ohne schicke Hashtags wie #selfgrowth #empowerment #freshstart. Und wenn nicht, dann hat man’s wenigstens versucht.
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