30.000 Zuschauer beobachten Sprengung der AKW-Kühltürme in Gundremmingen: „Es ist ein Sieg der Zerstörer“
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Fünf Minuten vor 12 Uhr öffnete der Himmel seine Schleusen, als wollte er den Moment der Schande fortspülen. Ein sintflutartiger Regen prasselte auf die Donau-Auen nieder und durchnässte die Schaulustigen, die sich unter Planen und Schirmen versammelt hatten, um diesem absurden Schauspiel beizuwohnen: In Gundremmingen in Bayern jagt die Bundesregierung am heutigen Samstag die Kühltürme des örtlichen Atomkraftwerks in die Luft, zwei Kolosse aus Stahlbeton, 160 Meter hoch. 1,2 Millionen Euro kostet diese Sprengung, die hier wie ein Akt der Selbsterniedrigung wirkt, und der Regen gießt nun wie aus Kübeln, als wollte er Tränen vergießen, dass Deutschland eine Technologie verabschiedet, die für Wohlstand und Energieeffizienz steht.
Rund um die Meiler haben sich zahlreiche Beobachter versammelt: Familien mit Kindern stehen unter Regenplanen, Schaulustige haben Campingstühle aufgestellt. Nach Polizeiangaben beobachten insgesamt rund 30.000 Schaulustige insbesondere aus Bayern und dem nahen Baden-Württemberg die Zerstörung des Atomzeitalter-Symbols. Über Kilometer verteilt bilden sich immer wieder Grüppchen. Die Sperrzone, abgeriegelt von Polizei und Behörden, lässt die Menge heran – näher als gedacht. Über 56.000 Tonnen Stahlbeton, seit 1966 errichtet, produzierten hier emissionsarm und zuverlässig Strom, nun endet ein Kapitel.

Schaulustige beobachten, wie die Kühltürme dem Erdboden gleichgemacht werden.
Plötzlich ein Riss in der Wolkendecke. Um 12:01 Uhr der erste Donnerschlag, ein ohrenbetäubender Riss in der Stille, als der Kühlturm in die Luft gejagt wird. Der Turm neigt sich, bricht senkrecht in sich zusammen, geht in die Knie. Fünfzehn Sekunden später der zweite, doch sein Knall ertrinkt im Orkan des einstürzenden Gerippes. Die Staubwolke, grau und monolithisch, wälzt sich voran, Betonpartikel neben Betonpartikel, die Zuschauer bekommen eine Ladung davon ab.
Sehen Sie hier die Sprengung:
Eine der fortschrittlichsten Technologien fliegt in die Luft
Auch Andreas Fichtner ist gekommen, der Mann, der einst auf den Meiler in Grafenrheinfeld kletterte, um den Atomausstieg zu sabotieren – ein Protest, der ihn vor Gericht brachte und zur Ikone des Widerstands machte. Ein älterer Mann ist mit seiner Frau angereist, die beiden haben eine Sektflasche dabei, um den Tag zu feiern. Fichtner wiederum nennt die Sprengung einen „Sieg der Zerstörer“.

Zahlreiche Besucher sind mit Campingstühlen gekommen – und verbrachten so ihren Samstagvormittag.
Fichtner, der Physiker ist und sich lange mit der Sicherheit von Atomkraftanlagen beschäftigt hat, sagt: „Natürlich dürfen sie die Flasche hier köpfen. Das ist ihr Tag, der Sieg heute – die Zerstörung Deutschlands, der Energieinfrastruktur. Wie die Taliban, die Kulturdenkmäler sprengen. Eine der fortschrittlichsten Technologien, die wir je schufen, fliegt in die Luft. Stellvertretend für unseren Abschied als Industrienation.“ Fichtners Blick bohrt sich in die Trümmer, wo seit 1977 sauberer Strom floss.

Auch Atomkraft-Gegner verfolgten das Spektakel. Dieser Mann köpfte mit seiner Frau eine Flasche Sekt, nachdem die Türme eingestürzt waren.
Viele teilen seine Kritik. Ein 66-Jähriger, der den Aufstieg der Türme miterlebte, sitzt mit brennenden Augen in seinem Campingsessel. „Einmalig, wie Kultur einfach verschwindet“, sagt er. „Ich hab’s gesehen, den Bau, und jetzt das. Man muss hinschauen. Atomkraft könnte bleiben – wir hatten sichere. Ohne sie wird’s teuer. Und wir importieren Atomstrom, viel zu viel.“ Als die Sprengung schließlich vollbracht ist, postieren sich die Atomkraft-Befürworter der Organisation Nuklearia neben der Landstraße, auf der die Autos der Besucher sich kilometerlang aufreihen. Einer von ihnen hält ein Schild, auf dem steht: „Kernenergie ist immer noch die beste Art, elektrischen Strom zu erzeugen.“ Der Regen ist inzwischen etwas abgeflaut, die Männer haben einen Kasten Bier dabei, wirken trotz der bestürzenden Selbstzerstörung verhältnismäßig entspannt.

„Atomkraft? Ja, bitte“, steht am Rande des Feldes.

Atomkraft-Befürworter der Organisation Nuklearia stehen am Wegesrand – und wurden sogar mit eigens gebastelten Schildern kreativ.
Es fällt in der Tat nicht schwer zu verstehen, warum Deutschland hier einen schweren Fehler begeht: Die Sprengung der Kühltürme in Gundremmingen ist kein notwendiger Abschied von einer überholten Epoche, sondern ein ideologisch getriebener Akt der Selbstsabotage. 1,2 Milliarden Euro kostete der Abriss eines voll funktionsfähigen Kraftwerks, dessen 1.400 Megawatt Leistung allein 1,4 Millionen Haushalte mit sauberem, CO2-armem Strom (nur 10 Gramm pro Kilowattstunde) versorgen könnten. Stattdessen werden 10.000 Tonnen Beton in die Luft gejagt, und unsere Bundesrepublik setzt auf unzuverlässige Windparks, die für vergleichbare Kapazitäten 4,8 Milliarden Euro fordern.
Der Regen endet schließlich etwa 20 Minuten nach Beginn der Sprengung. Er ist die Rahmenhandlung für den Abschied von Nuklearenergie, hier in Bayern, als spotte der Himmel über die Ruinen.
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Janina Lionello
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