Schulstart: Ein Blick ins Klassenzimmer zeigt, was in Deutschland schief läuft
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Für Eltern, Schüler und Lehrer gilt in diesen Tagen: Die Sommerferien sind zu Ende! Dem Filmtitel „Täglich grüßt das Murmeltier“ nach der sommerlichen schulischen Auszeit folgend, wird gerade dem Thema „Schule“ in den Monaten August und September eine größere mediale Bedeutung beigemessen.
Jüngst äußerte der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in einem Interview mit BILD: „In Burg bei Magdeburg werden jetzt 49 Kinder in eine Grundschule eingeschult. Davon haben nur 15 keinen Migrationshintergrund. Den anderen fehlen oft elementarste Kenntnisse der deutschen Sprache. Das hat natürlich Folgen für das Lernen und die Lernerfolge. Das sind die Probleme, mit denen die Bürger klarkommen müssen.“
Allein diese Aussage verdeutlicht die Herausforderungen, denen sich zum Schuljahresbeginn die Lehrkräfte an den Schulen zu stellen haben und das nicht nur in den Grundschulen.
In der Gesellschaft wird die Schule als „gesellschaftlicher Reparaturbetrieb“ wahrgenommen. Was die Elternhäuser nicht leisten bzw. leisten können, das hat die Schule zu kompensieren. Der sich in jedem Schulgesetz findende Bildungsauftrag gerät so ins Hintertreffen oder gar in Vergessenheit.
Ärger, Erschöpfung, Frust, Depression bei Lehrkräften
Lehrerinnen und Lehrer kommen aus ihrer „unterrichtsfreien Zeit“, wie die Ferienzeit der Schüler für die Lehrer heißt, in die „unterrichtende Zeit“ zurück. Am Ende des letzten Schuljahres klagte ein Großteil der Lehrkräfte über Ärger, Erschöpfung und Frust. Depression, Angst und eine Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls sowie Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit auf der einen Seite und das subjektive Erleben persönlicher Blamagen und Schuldzuweisungen in Bezug auf die eigene Person auf der anderen Seite gerieten in der Ferienzeit der Schüler für die Lehrer in den Hintergrund.

Statt Schreibenlernen ist Deutschlernen zu Schuljahresbeginn die Realität.
Der Gedanke an die Studienzeit, in der der „Standardschüler“ als wissbegierig, lernbereit und mit sozialen Kompetenzen ausgestattet stets angenommen wurde, trifft nun wieder auf die bittere schulische Realität im beginnenden Schuljahr 2023/2024. Der so definierte mustergültige Schüler findet sich hinter den Klassentüren nur noch sehr selten. Von „vormittags recht und nachmittags frei haben“ kann bei Lehrern keine Rede sein. Es lohnt sich daher an dieser Stelle, einmal einen Blick durch das Schlüsselloch einer Klassentür zu werfen, um den Alltag der Lehrkräfte in Deutschland nachvollziehen zu können.
Bildungspolitik in Deutschland unter dem monetären Diktat des Landeshaushaltes
Laut aktuellen statistischen Zahlen für das vergangene Schuljahr 2022/2023 der Kultusministerkonferenz und des Statistischen Bundesamtes werden mindestens rund 11,1 Millionen Schülerinnen und Schüler an allgemein- und berufsbildenden Schulen im neuen Schuljahr bundesweit unterrichtet. Die maximale Klassenstärke fällt je nach Schulform unterschiedlich aus. In der Grundschule werden 22 Schülerinnen und Schüler beschult. In den Gemeinschafts- und Oberschulen der Sekundarstufe I sitzen 28. In der Sekundarstufe II erhöht sich die Zahl auf 30.
Zum Vergleich: In Finnland beträgt für das Jahr 2023 die durchschnittliche Klassenstärke 20 Schüler und das schulformübergreifend. Schon hier zeigt sich, dass die Bildungspolitik in Deutschland nicht unter dem Gesichtspunkt einer optimalen Lernatmosphäre für die am Unterricht beteiligten Akteure, sondern unter dem monetären Diktat des Landeshaushaltes organisiert ist.
Am Rande: Deutschland verfügt aus Ermangelung von Bodenschätzen nur über den Rohstoff Bildung. Doch dieser scheint zunehmend bildungspolitisch irrelevant zu werden.
Lehrkräfte werden demnach alltäglich im Klassenraum von 56 Augen angesehen. Hinter jedem Augenpaar verbirgt sich ein individueller Mensch mit seinen spezifischen Eigenschaften, Religion und Kultur, die sich im Unterrichtsverhalten signifikant ausdrücken. Zur Unterrichtsvorbereitung gehört es, sich auf diese menschlichen Unterschiedlichkeiten einzulassen und bei der methodisch-didaktisch Planung zu berücksichtigen. Doch kann dies bei der großen Klassenstärke gelingen? Fakt ist: Im Ergebnis zahlreicher Lehrerbefragungen, die die schulisch Wirklichkeit in den Mittelpunkt stellen, kann der geplante Unterricht so, wie er ursprünglich geplant wurde, nicht durchgeführt werden. Verantwortlich dafür wird zuvorderst das Schülerverhalten angeführt.
Die Lehrkraft steht vor jeder einzelnen Unterrichtsstunde vor den Fragen: Was passiert heute wieder spontan in meinem Unterricht? Welche kulturell oder religiös motivierten Unwägbarkeiten treten in meiner nächsten Unterrichtsstunde auf? Kann ich den plötzlich auftretenden Herausforderungen sachgerecht begegnen? Im Klassenraum bedeutet dies in der Unterrichtspraxis Regelverstöße, Schwatzen, Desinteresse, Gefühlsschwankungen, Unaufmerksamkeit oder eine mangelnde Arbeitshaltung.
Das Aufmerksamkeitsdefizit paart sich mit Hyperaktivität, aggressiven Verhalten, Teilnahmslosigkeit oder emotionale Labilität. Darüber hinaus hat der Lehrer regelmäßig psychische Störungen der Schülerinnen und Schüler im Blick zu haben. Diese treten als Phobien, Depressionen, Suizidgedanken, Essstörungen, Drogenabhängigkeit oder einem selbstverletzenden Verhalten auf. Besonders die intensiven Auseinandersetzungen aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe diverser Schülerinnen und Schüler lassen die Vermittlung des eigentlichen Unterrichtsstoffes häufig sekundär erscheinen. Wie kann da noch das Kerngeschäft der Lehrkräfte (der Unterricht) strukturiert gelingen? Hier trübt sich der Blick durch das Schlüsselloch des Klassenzimmers erheblich.
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Folglich bedeutet das eigentliche Unterrichten für die Lehrkräfte hohe Herausforderungen. Sie befinden sich in ständiger Interaktion mit den unterschiedlichsten Schülern unterschiedlichster Religionen und Kulturkreise. Das Unterrichtsgelingen setzt eine hohe Kooperationsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler voraus, die in der Regel nicht gegeben ist. Der Lehrer ist aus Sicht vieler Schüler der Störfaktor im Unterricht. So wird mit ihm auch zwischenmenschlich und emotional umgegangen. Darüber hinaus drohen Eltern (Helikoptereltern) häufig mit einem Rechtsanwalt. Welcher Mensch möchte in einem solchen Umfeld durchschnittlich 25,5 Unterrichtsstunden wöchentlich erteilen? Wie kann ein Lehrer unter diesen Gesichtspunkten überhaupt gesund bleiben? Der neumodische Begriff der „Resilienz“ bekommt bei Lehrern eine ganz besondere Qualität. Die Bildungspolitiker in Deutschland forschen übrigens immer noch danach, worin die Ursachen der Unattraktivität des Lehrerberufs in Deutschland bestehen.
Schülerorientierter Unterricht gerät zur Farce
Klassenstärke, Unterrichtsstörungen und die Wahrnehmung als Störfaktor lassen im Klassenraum in den meisten Fällen nur die Unterrichtsform des klassischen Frontalunterrichts zu. Die Unterrichtsbelastung ist für jeden sichtbar und zeichnet sich durch ein 45 Minuten langes Vornestehen, ständigem lautes Sprechen und permanenter Interaktion mit allen Schülerinnen und Schülern aus. Die von der Schulaufsicht und der Schulleitung vorgegebene Umstellung der Unterrichtsgestaltung auf einen schülerorientierten Unterricht mit klaren Regeln und einem guten Klassenklima gerät somit insgesamt zur Farce. In der Praxis erleben das die Lehrerinnen und Lehrer mit ihrer Schülerschaft. Die Schulaufsicht und –leitung sind dabei außen vor. Denn sie bekommen im Regelfall nur die bei Lehrkräften im Referendariat üblichen „Vorführstunden“ zu sehen. Der Unterrichtsalltag ist den für die Schulorganisation Verantwortlichen so fern, wie die Volksrepublik Kongo von ihrer ersten Mondlandung.
Schon auf dem Weg zum Unterricht kommt die Lehrkraft nicht etwa aus einer entspannten Pause. Der Schultag fängt für viele damit an, dass sie auf dem Schulgelände bereits die ersten Ermahnungen aussprechen und unangenehme Diskussionen führen müssen. Im Hinterkopf befinden sich aber schon jetzt die meist nonstop sechs bis acht Stunden Unterricht in diversen Klassen, Elterngespräche, Diskussionen mit Kollegen und potentielle Konflikte mit der Schulleitung.
Das Lehrerzimmer bietet keinen ruhigen Rückzugsort. Die Pausen zwischen den Stunden sorgen nicht für Erholung. Im Gegenteil: Da schnellt die Anstrengung noch hoch, weil Lehrkräfte von einem in den anderen Raum wechseln, Kopien erstellen, mit Eltern oder Ausbildungsunternehmen telefonieren oder aus der vorherigen Unterrichtsstunde sich ergebende individuelle Gespräche mit Schülern führen. Zusätzlich stellen Schüler Fragen und auf dem Schulflur sind zum Teil plötzlich Dinge zu regeln. Schließlich am Klassenraum angekommen, wird der Lehrer mit einem nicht zu unterschätzenden Lärmpegel schon vor dem Unterrichtsbeginn konfrontiert.
Lärm wie bei einer viel befahrenen Straße im Unterricht
Der Lärm belastet alle, Lehrer wie Schüler. Der bauliche Zustand der Schulen trägt im erheblichen Maße zu einer Lärmsteigerung bei, denn der Schallschutz gilt in Schulen als Fremdwort. Zum Vergleich: Ingenieurwissenschaftliche Messungen in Schulen offenbaren, dass der Schallpegel bis zu 85 Dezibel in Klassenräumen erreicht. Dieser Lärm entspricht dem einer viel befahrenen Straße. Für die Lehrer bedeutet dies bis zu acht Stunden Dauerlärm in dieser Qualität. Was das für die achte Unterrichtssituation am Tag bedeutet, leuchtet jedem ein.
Deutschland befindet sich schulisch im Vergleich zu anderen Ländern in der digitalen Wüste. Das wirkt sich auf den Unterricht aus. Ein moderner schülerorientierter Unterricht setzt technologische Ressourcen voraus. Hierzu zählt neben der Technik (PC, Beamter, interaktives Whiteboard, Internetzugang) auch die Bestuhlung im Klassenraum, die etwa die Gruppenarbeit unterstützt. Das Fehlen dieser Prämissen verhindert einen an die heutige Zeit angemessenen Unterricht, der nicht nur Fachwissen, sondern darüber hinaus soziale Kompetenzen im Sinne von Teamfähigkeit und Methoden gewährleisten soll.
Im Hinterkopf einer Lehrkraft im Klassenraum sind die noch wartenden Aufgaben im häuslichen Arbeitszimmer präsent: Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, die Korrekturen von Arbeiten oder die Kontakte zu den Eltern, Planungen von Klassenfahrten und Konferenzen. Damit ist das Arbeitspensum jedoch nicht erfüllt. Zusätzliche Aufgaben und Ämter innerhalb der Schule, Konferenzen und Teamsitzungen sowie immer mehr Verwaltungsaufgaben, Schulentwicklung und Dokumentationspflichten lassen das Arbeitspensum der Pädagogen stetig anwachsen. Dieser emotionale Druck wirkt sich ebenfalls auf die konkrete Unterrichtssituation im Klassenzimmer aus.
Respekt, Wertschätzung und Anerkennung sind beim Blick durch das Schlüsselloch Fehlanzeige. Engagierte und motivierte Lehrkräfte werden systematisch an ihre persönlichen Grenzen geführt. Die Lehrkräfte haben die Zeit zwischen der nächsten „unterrichtsfreien Zeit“ möglichst mit Blick auf ihre Gesundheit unbeschadet zu überstehen. Die administrativ vorgegebenen Lehrpläne werden nur zu einem kleinen Teil erfüllt. Darunter leidet die Bildung und Ausbildung der jungen Menschen in Deutschland.
Die nächsten Sommerferien kommen bestimmt. Ob sich die Rahmenbedingungen danach jedoch signifikant verändert haben hängt davon ab, ob die Bildungspolitik die realen schulischen Verhältnisse endlich ins Blickfeld nimmt. Im Sinne aller in der Schulgemeinschaft beteiligten Akteure bleibt zu wünschen, dass die Klassenstärken reduziert, die psychisch, religiös und kulturell bedingten Unterrichtsstörungen in den Griff bekommen werden und die Wahrnehmung des Lehrers als Störfaktor im Unterricht der Vergangenheit angehört. Schauen wir mal, wie der nächstes Blick durch das Schlüsselloch eines Klassenzimmers ausfallen wird.
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Über den Autor: Jens Biedermann ist Diplom-Handelslehrer und war lange in der Bildungspolitik in der Beruflichen Bildung tätig.
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