Diese Punkte machen deutlich, warum auch Trump Kritik verdient
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Ben BrechtkenSeit zwei Jahren schreibe ich für NIUS. Mit der heutigen sind 115 Kolumnen entstanden. In den bisherigen 114 Texten habe ich stets freudig ausgeteilt, andere Menschen kritisiert. Heute möchte ich etwas tun, was in der Branche viel zu selten vorkommt, nämlich: Selbstkritik üben.
Als Donald Trump verkündete, dass er Zölle gegen EU-Länder erheben wolle, wenn er nicht Grönland bekäme, lautete meine erste Reaktion auf X wie folgt: „Niemand in Deutschland, niemand in Europa wird in seinem persönlichen Leben auch nur eine Sekunde einen Unterschied spüren, wenn Grönland zu den USA gehört. Jeder in Deutschland, jeder in Europa wird in seinem persönlichen Leben ärmer werden, wenn wegen Grönland ein Handelskrieg geführt wird.“
Lesen Sie dazu auch die letzte Kolumne: Grönland-Frage: Wir können uns keinen Großkonflikt mit den USA leisten!

Die malerische Hauptstadt Grönlands, Nuuk
Geopolitischer Tabubruch
Mein erster Impuls war: Bloß kein Handelskrieg, bloß kein Konflikt mit dem wichtigsten Militärpartner, was soll denn das Gehabe wegen dieser Eisplatte mit ein paar Menschen darauf? Dieser Impuls war falsch, er ignorierte den geopolitischen Tabubruch, die Grönländer selbst und machte überhaupt nicht deutlich, dass jenes Trump-Vorgehen mir ebenfalls gegen den Strich ging.
Doch wie konnte es überhaupt zu so einem falschen Impuls kommen?
Donald Trump ist der in Deutschland meistkritisierte und meistgehasste Politiker. Kaum ein Mensch, der während seiner Amtszeit nicht zu einem Experten für amerikanische Innen- und Außenpolitik wird. Kaum ein Mensch, der nicht dem Gratismut verfällt, einfach alles an ihm historisch schlecht zu finden und das auch penetrant zu verkünden. Wenig langweilt mich mehr als ein Raum, in dem alle, auf wackeliger Grundlage noch dazu, der gleichen Meinung sind. Also widerspreche ich gerne und betonte deshalb in der Vergangenheit stets die positiven Seiten Trumps.
Die es tatsächlich gibt. Seine Israelpolitik macht ihn zum größten Beschützer jüdischen Lebens außerhalb der IDF. Er zwingt Europa dazu, eigenständiger zu werden und die NATO-Verpflichtungen endlich angemessen zu erfüllen. Die Festnahme Maduros ist ein Sieg des freien Westens, der in jedem Geschichtsbuch einen Eintrag finden muss. Der erfolgreiche Angriff auf das genozidal motivierte Nuklearprogramm des Iran kann nur als Meisterleistung und gelebtes „Nie wieder“ gefeiert werden. Trumps Außenpolitik ist an vielen Stellen friedensnobelpreiswürdig.
Innenpolitisch beendete er den frauenfeindlichen Wahn der Männerteilnahme am Frauensport. DOGE, das groß angekündigte Staatsreduzierungsprogramm, hätte sicherlich erfolgreicher sein können, ist aber ein wichtiges Zeichen. Er senkte die Steuern, sichert die Grenze und, ganz wichtig: Plastikstrohhalme haben wieder präsidiale Unterstützung.
All diese Fakten habe ich immer wieder zur Verteidigung Trumps ins Feld geführt. Seine Schwächen allerdings wurden meinerseits entweder ignoriert oder relativiert.

Der algerische Boxer Imane Khelif verprügelte bei den Olympischen Spielen mehrere Frauen und erhielt dafür die Gold-Medaille.
Eine freiheitliche Wirtschaftspolitik betreibt er nicht
Auch die gibt es tatsächlich. Eine freiheitliche Wirtschaftspolitik betreibt er nicht, vorsichtig formuliert. Ein Beispiel dafür ist der Staatseinstieg bei Intel, das als Gegenleistung für den Abbau von Beschränkungen zehn Prozent der Unternehmensanteile an den Staat abgeben mussten. „Ich will versuchen, so viel zu bekommen, wie ich kann“, ist die Devise des US-Präsidenten, der damit einen ungehemmten Korporatismus sowie Staatsinterventionismus und eben keinen Kapitalismus vertritt.
Donald Trump steht für Verschuldungsorgien, die Friedrich Merz und Lars Klingbeil vor Neid erblassen lassen. Alleine in seiner ersten Amtszeit hat er die US-Verschuldung um fast acht Billionen Dollar erhöht. Seit seiner zweiten Amtseinführung im Januar 2025 sind weitere rund vier Billionen Dollar dazugekommen. Damit hat ein einziger Präsident circa 30 Prozent der Verschuldung eines Staates zu verantworten, der seit 250 Jahren existiert. Eine so unglaubliche wie kritikwürdige Leistung.
Die berühmt-berüchtigte Rhetorik des Milliardärs kann über große Strecken mit der Verwirrtheit eines Robert Habeck mithalten – freilich ist er dabei unterhaltsamer. Längere Reden von ihm sind jedoch nicht ohne einen gewissen Grad an Masochismus genießbar. Er gebraucht für seine politischen Gegner Vokabeln, die im amerikanischen Kontext zwar nicht zu dramatisch sind, aus deutscher Perspektive allerdings inakzeptabel erscheinen. Wenn er beispielsweise von freien Medien als „enemy of the people“ spricht, stellt er sich sprachlich in eine freiheitsfeindliche Kategorie mit der deutschen Bildungsministerin Karin Prien, die in freien Medien wie NIUS „Feinde der Freiheit“ erkennen will, die „Zersetzung“ als Ziel haben.
Sein Zweifeln an der Bündnistreue der NATO-Länder, ob diese im Ernstfall wirklich auf Seiten der USA stünden, war eine Frechheit, angesichts der zahlreichen europäischen Soldaten, die in Afghanistan ihr Leben ließen. Immerhin ruderte er hier bereits zurück und bedankte sich auf X bei den „großartigen und sehr tapferen Soldaten des Vereinigten Königreichs“, die immer an der Seite der USA stünden, und erwähnte die 457 toten Briten in Afghanistan. Nicht komplett lernresistent also, ein Hoffnungsschimmer.
Zuletzt – kurz, aber genauso wichtig: Der Blankoscheck und bedingungslose Rückhalt der US-Administration für ICE-Beamte, die in Minnesota gerade erst einen schon entwaffneten Bürger auf offener Straße erschossen haben, sind schlicht verabscheuungswürdig und bürgerfeindlich.

ICE-Beamte bei einem Einsatz in Burnsville, Minnesota
Zeit, Trump differenzierter zu betrachten
Viel Licht und Schatten, viel Raum für eine differenzierte Einordnung also. Warum ist dann aber die deutsche Diskussion über Trump dermaßen undifferenziert? Warum finden sich meistens nur absolute Gegner oder erklärte Fans? Warum habe ich selbst lange über Trumps Schwächen geschwiegen?
Wenig ist für politisch interessierte Menschen verlockender, als sich ein Team auszusuchen, das bis auf die Knochen verteidigt wird. Erfolge werden penetrant gefeiert, Niederlagen werden relativiert oder ignoriert. Als befände man sich im Fußballstadion. Die jeweilige politische Person oder Bewegung oder Partei wird ein Stück weit zur eigenen Identität. Ambivalenzen werden ausgeblendet, schließlich will man dem „Gegner“ nicht recht geben, sollte der eigene Hoffnungsträger graduell oder auf ganzer Linie scheitern. Kaum jemand kann sich wirklich von dieser Schwäche freisprechen, es ist ja zugegebenermaßen eine spaßige Angelegenheit. Wahlkampf macht mit Hoffnung mehr Freude als mit Desillusionierung.
Bei Trump kommt die Besonderheit hinzu: Wenn moralisch Selbsterhöhte ihn zum Faschisten und schlimmsten Menschen des Planeten erklären, oft mit mehr Empörung als mit Fakten, will man einfach diesen Leuten kein Futter geben.
Was kann dabei helfen, diesen beidseitigen argumentativen Schützengraben zu verlassen? Eine Einsicht, die ich Fritz-Haber-Lektion taufen möchte. Fritz Haber war ein deutscher Chemiker und im Ersten Weltkrieg dank seiner Forschungen der Ermöglicher von Giftgas als Kriegswaffe. Den ersten deutschen Gasangriff bei Ypern betreute er persönlich. Damit ist er für das erste Massenvernichtungsmittel der Geschichte verantwortlich, das schon damals ein Verbrechen war. Nach dem Krieg wurde er als Kriegsverbrecher gesucht. Rund 100.000 Soldaten starben durch Gas, weit über eine Million Männer wurden durch Gas verwundet. Haber verteidigte den Einsatz von Gas.
Fritz Haber, der unmenschliche Kriegsverbrecher, der unendliches Leid über die Menschheit gebracht hat, das könnte das Ende der Geschichte sein. Fritz Haber erfand aber auch noch etwas anderes. Nämlich das Haber-Bosch-Verfahren, das aus dem in der Luft vorhandenen Stickstoff Ammoniak gewinnt. Damit wurde die Massenproduktion von Kunstdünger ermöglicht, der landwirtschaftliche Flächen massiv fruchtbarer machte. Undenkbar, dass die Milliarden Menschen stärkere Weltbevölkerung ohne diese Erfindung hätte überleben können.

Der Chemiker Fritz Haber
Diskurs statt ideologischer Schützengraben
Was ist Fritz Haber nun? Ein Kriegsverbrecher und Menschenvergaser? Oder ein Nobelpreisträger, dem Milliarden Menschen ihr hungerfernes Leben zu verdanken haben? Er ist beides. Er ist böse und gut. Er hat Schwächen und Stärken. Menschen, gerade Menschen in wichtigen Positionen, sind seltenst einer eindimensionalen Betrachtung würdig.
Von dem Genie und Verbrecher Fritz Haber lässt sich lernen, dass der ideologische Schützengraben mit geistigem Lebensrisiko nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Das Verflixte bei Trump ist, dass sowohl seine Kritiker als auch seine Verteidiger faktisch belegbare Argumente haben. Auch Trump hat Schwächen und Stärken.
Die relevante und wahrlich interessante Frage ist nicht, ob er böse oder gute Politik betreibt, sondern was unter dem Strich steht. Die Beantwortung erfordert Redlichkeit, Abwägung und Demut den unvorhersehbaren Variablen gegenüber – keinen Schützengraben, dessen Verlassen dem hiesigen Diskurs durchaus zugutekäme. Ich habe mal den Anfang gewagt.
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