Was Trumps Grönland-Plan über die neue Weltordnung verrät
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Der amerikanische Präsident Donald Trump möchte seit seinem Amtsantritt Grönland, die größte Insel der Welt, aus strategischen, militärischen und wirtschaftlichen Gründen zu einem amerikanischen Territorium machen. Grundsätzlich will er die Insel im Nordpolarmeer kaufen, so wie die USA einst Alaska von den Russen (1867) und Louisiana von den Franzosen (1803) gekauft haben.
Damit Dänemark, das sich bislang verkaufsunwillig erweist, einwilligt, seine vom Mutterland 3.500 km entfernt liegende Kolonie auch wirklich zu verkaufen, hat Trump angekündigt, Exporte aus Dänemark und sieben anderen EU-Staaten in die USA so lange mit Importzöllen zu belegen, bis die Europäer in den Verkauf Grönlands einwilligen.

Kauften die USA im Jahr 1867 von den Russen: Alaska. Hier zu sehen: der schneebedeckte und vergletscherte Mount McKinley im Denali Nationalpark, aufgenommen im August 1989.
Als die Europäer darauf mit Widerstand und greifbarer Empörung reagierten, hat Trump auf dem Davoser Weltwirtschaftsgipfel in letzter Minute eine Kehrtwende hingelegt. Die Zölle sind vom Tisch. Jetzt will Trump sich damit zufriedengeben, dass militärische Anlagen auf Grönland, welche die Amerikaner seit dem letzten Weltkrieg nutzen, in das Eigentum der USA übergehen. Ob dies Trumps letzte Kehrtwende in diesem Fall ist, weiß niemand. Zeit also, die Hintergründe zu analysieren und zu spekulieren, was in dieser nordischen Saga noch alles passieren könnte.
Wo Idiot draufsteht, ist manchmal gar kein Idiot drin
Trumps versuchter Griff nach Grönland hat in den betroffenen EU-Ländern für Verwirrung, Ratlosigkeit, Chaos und eine Heidenangst gesorgt. Diese Reaktionen sind verständlich, denn die Regierungschefs der meisten EU-Staaten haben seit einem Jahr schon die allergrößten Schwierigkeiten, den erstarkten und verjüngten Trump der zweiten Amtszeit zu verstehen. Während seiner ersten Amtszeit haben sie Trump, so wie sie und die Mainstream-Medien dies immer tun, als einen Idioten abgetan, den keiner ernst nehmen kann und der hoffentlich bald wieder von der Weltbühne verschwindet. Jetzt aber müssen sie erkennen, dass der von ihnen verwünschte und politisch für tot erklärte Trump wieder zurück und stärker als je zuvor ist und von Erfolg zu Erfolg eilt.
Wer Leute, die er nicht mag, allein deshalb für Schwachköpfe hält und sie auch so behandelt, der wird irgendwann erkennen, dass nicht jeder ein Idiot ist, nur weil er ihn dafür hält. Genau das passiert im Moment sowohl den Regierungschefs der EU-Länder als auch Keir Starmer als auch Xi Jinping: Weil sie Trump seit 2016 für einen Idioten gehalten und ihn deshalb sträflich unterschätzt haben, wissen sie jetzt nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen, und haben kein Playbook.
Wer auch nur eine Biografie Donald Trumps gelesen hat, der weiß, dass ihn sieben Eigenschaften kennzeichnen: 1) Er hält sich grundsätzlich nicht an Regeln, 2) er ist unberechenbar, 3) er hält alles für verhandelbar, 4) Drohen und Strafen sind für ihn Teil von Verhandlungen, 5) er will immer und unbedingt gewinnen, 6) Gewalt ist für ihn ein legitimes Instrument der Politik, und 7) er erreicht meist seine Ziele.

US-Präsident Donald Trump weiß, was er will.
Trump ist es bitter ernst mit dem Gezerre um Grönland
Wären Ursula von der Leyen, Friedrich Merz, Keir Starmer und Emmanuel Macron bessere Menschenkenner, intelligentere Politiker und mit mehr gesundem Menschenverstand begabt, dann hätten sie längst erkannt, dass es Trump mit dem Gezerre um Grönland bitter ernst ist. Dass er diese weit entfernte Insel, die näher an den USA als an Dänemark liegt und von der früher nie einer geredet hat, in der Tat zu einem Territorium der USA machen will. Hätten sie sich bemüht zu verstehen, wie wichtig Trump die Angelegenheit in Wahrheit ist, dann hätten sie gesagt: Wenn er Grönland wirklich haben will, dann soll er es haben. Denn welchen Schaden können die Grönländer selbst, Dänemark im Besonderen und die restliche freie Welt im Allgemeinen davon haben, dass über Grönland die amerikanische Flagge weht?
Aber die europäischen Spitzenpolitiker speisen Trump seit Monaten mit einem simplen Refrain ab, der so geht: Grönland ist nicht zu verkaufen. Die Grönländer haben seit 2009 das Recht, sich von Dänemark loszusagen, wollen das aber nicht. Also bleibt Grönland dänisch.
Das hätten sie lieber nicht getan, denn jetzt wird Trump so vorgehen, wie er immer vorgeht, wenn er etwas nicht bekommt, was er will: Erst macht er kühne und unerhörte Forderungen. Wird diesen nicht entsprochen, dann droht er mit wirtschaftlichen und militärischen Schritten. Bekommt er immer noch nicht, was er will, verschärft er zuerst die wirtschaftlichen Konsequenzen, etwa durch das Verhängen hoher Zölle, die wehtun. Dann wartet er eine Zeit lang ab und schaut, was passiert, schickt gleichzeitig Verhandler aus der zweiten und dritten Reihe vor, um vorzufühlen, ob er nach und nach erreicht, was er will. Und erst dann, wie im Falle des Irans oder Venezuelas, wenn nach Monaten und Jahren von Sanktionen, Zöllen, Einfuhrsperren und anderen Strafmaßnahmen nichts passiert ist, beginnt er eine militärische Aktion.
So wird das auch im Falle Grönlands ablaufen. Wenn die Dänen nicht bald mit einem Angebot herüberkommen, wird Trump den Druck stetig verstärken und Dänemark sowie die EU-Länder, die Dänemark am auffälligsten unterstützen, mit extrem hohen Zöllen belegen, zum Beispiel französische Weine mit 200 Prozent.

Französischer Wein unterliegt einem Zoll von 200 Prozent.
Nicht Recht, sondern Macht entscheidet
Wer sich solche Maßnahmen zwischen verbündeten und befreundeten Staaten nicht vorstellen kann, der sollte sich daran erinnern, dass in der großen Politik und bei geostrategischen Auseinandersetzungen nicht Recht, sondern Macht entscheidet. Das wusste bereits der griechische Historiker Thukydides, der im fünften Buch seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges im sogenannten Melier-Dialog einen berühmten Satz schrieb, der sich gut auf die Weltpolitik der letzten Jahre anwenden lässt: „Recht gilt nur bei Gleichheit der Kräfte. Deshalb tun die Starken, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen.“
Die Schwachen sind, seit Trump wieder da ist, Venezuela, Mexiko, Kuba, der Iran und natürlich auch die europäischen NATO-Staaten. Der europäische Teil der NATO deshalb, weil er sich 30 Jahre lang im Schatten des amerikanischen Atomschirms und im Vertrauen auf die Stärke der US-Armee komfortabel in der Gewissheit ausgeruht hat: Wenn es hart auf hart geht, dann kommen die Amerikaner. Seit dem Untergang der Sowjetunion haben die europäischen NATO-Staaten ihre Armeen kaputtgespart und bei militärischen Auseinandersetzungen hauptsächlich zugeschaut. Eigenständig gekämpft im Sinne einer vollwertigen Kriegsführung haben seit 1992 nur das Vereinigte Königreich und in sehr eingeschränktem Maße Frankreich, Dänemark und die Niederlande; alle anderen, wie auch die Bundesrepublik, haben sich rausgehalten und wenn überhaupt mit „Logistik“ unterstützt.
Und diese NATO-Staaten wollen sich nun gegen die neue Sicherheitsstrategie der USA stellen? Ja, die Ersten reden bereits von einem Auseinanderbrechen der NATO, woraufhin die Europäer ihr eigenes Verteidigungsbündnis gründen könnten? Das ist vollkommen lächerlich. Militärisch, wirtschaftlich, ausrüstungstechnisch und waffentechnisch sind die USA Schwergewicht und Zentrum der NATO – rund 40 Prozent von Budget, Ausrüstung und Truppenstärke kommen allein von ihnen. Alle anderen Staaten sind nur Juniorpartner und könnten einen Angriff Russlands niemals im Alleingang abwehren, geschweige denn die USA in einem Krieg gegen China wirksam unterstützen.
Nein, die europäischen EU- und NATO-Staaten sind wirtschaftlich und militärisch viel zu schwach, um auf eigenen Beinen zu stehen, und werden von Jahr zu Jahr nicht stärker, sondern nur etwas weniger schwach – daran kann im Falle Deutschlands auch das kürzlich beschlossene Sondervermögen für die Bundeswehr, die im Schneckentempo ablaufende Beschaffung neuer Ausrüstung sowie eine Handvoll neuer Rekruten nicht das Geringste ändern.
All das weiß Trump, und er weiß natürlich auch, dass er alle Trümpfe in der Hand hat, weshalb er sich ein raues und mitunter verächtliches Auftreten straflos leisten kann.

Die USA verfügen über die mächtigsten Streitkräfte der Welt.
Der neue Gegner der USA heißt nicht Russland, sondern China
Dänemark täte also gut daran, Grönland – in Absprache mit den europäischen NATO-Staaten – den USA, wenn schon nicht gleich mit Haut und Haar zu verkaufen, so die Insel doch den USA im Rahmen eines langjährigen Vertrages „leihweise“ zu überlassen. Ein solcher Akt würde auch perfekt mit Trumps neuer Security Strategy (NiUS berichtete ausführlich) harmonieren. Rekapitulieren wir kurz: Diese Sicherheitsstrategie, die von fast allen Medien verrissen, verkannt oder einfach totgeschwiegen wurde, ist das wichtigste Dokument der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik der letzten Jahrzehnte. Sie zeigt klar, wo die neuen Konfliktlinien verlaufen. Der neue Gegner der USA heißt nicht Russland, sondern China. Der strategische Kernraum amerikanischer Interessen ist nicht mehr Europa, sondern der amerikanische Doppelkontinent, also Nord-, Mittel- und Lateinamerika. Dort – und nur dort – spielt künftig für die Amerikaner die Musik.
Das erklärt, warum Trump es mit der Beendigung des Ukraine-Krieges nicht sonderlich eilig hat. Das ist der Grund, warum er in Lateinamerika mit den Drogenkartellen aufräumt, die Masseneinwanderung unterbindet und den Einfluss Chinas auf dem gesamten Kontinent brachial zurückdrängt – auch wenn dabei ein Staatschef verhaftet und im Hubschrauber ausgeflogen werden muss. Und das ist die Ursache, warum Trump Grönland für die USA will: weil diese Insel im Nordmeer im geopolitischen Spiel der Kräfte eine überragende Bedeutung einnimmt, die ihr keiner ansieht, die aber nur allzu real ist.
Denn Grönland hat weit mehr zu bieten als bunte Häuser, endlose Schneewüsten und Kiviaq (in Robbenfell fermentierte Alkenvögel, eine lokale Delikatesse).
Da wären zum einen riesige, weitgehend unerschlossene Vorkommen an kritischen Rohstoffen, etwa Neodym und Praseodym (seltene Erden, die für Hochleistungsmagnete in Elektroautos, Windkraftanlagen und moderner Militärtechnik unverzichtbar sind). Zweitens die sogenannte GIUK-Lücke: Die Gewässer zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich bilden das strategische Nadelöhr, durch das russische U-Boote in den Atlantik gelangen. Wer Grönland kontrolliert, kontrolliert den Zugang zum Nordatlantik. Drittens Raketenabwehr und Frühwarnung: Grönland liegt auf der direkten Flugroute ballistischer Raketen zwischen Russland und Nordamerika. Die Pituffik Space Base (ehemals Thule Air Base) beherbergt ein entscheidendes Frühwarnsystem für die US-Heimatverteidigung. Viertens neue Handelsrouten: Durch das schmelzende Arktiseis werden die Nordwest- und Nordostpassage zunehmend schiffbar. Diese Routen verkürzen den Seeweg zwischen Europa und Asien massiv; Grönland ist dabei ein zentraler Kontrollpunkt. Fünftens die Verdrängung von Rivalen: Die USA wollen verhindern, dass China oder Russland durch Investitionen in Infrastruktur wie Häfen oder Flughäfen einen dauerhaften Fuß in der Region fassen und so den amerikanischen Einfluss untergraben.

Grönland hat weit mehr zu bieten als bunte Häuser, endlose Schneewüsten und Kiviaq.
Die Vorteile für alle Beteiligten wären deutlich größer als die Nachteile
Ein amerikanisches Grönland wäre also sowohl für die NATO als auch für die EU von Vorteil, weil die schützende Hand, die die Amerikaner ein weiteres Mal über Europa ausstrecken würden, Russland in die Schranken wiese und China ganz klar signalisieren würde: bis hierhin und nicht weiter.
Noch einmal: Trump ist ein Dealmaker. Deshalb hat er auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum explizit gesagt, dass er Grönland nicht militärisch erobern will. Aber er will die Insel und ihre Mineralien – das hat er ebenfalls unmissverständlich betont – für die USA unbedingt. Vielleicht nicht ganz und nicht sofort, aber er wird davon auch zukünftig nicht lassen. Das beweist eine seiner zentralen Aussagen, die den Europäern einen Schauer über den Rücken trieb: „You can say yes and we will be very appreciative, or you can say no and we will remember.“
Es wäre also klug, wenn sich erst die Grönländer und die Dänen und dann die europäischen NATO-Staaten auf Trumps Vorschläge einlassen würden. Eine Art Leasing Grönlands durch die USA auf 50 Jahre oder die Gewährung eines Status als nicht-inkorporiertes US-Territorium analog zu Puerto Rico wäre absolut praktikabel. Die Vorteile für alle Beteiligten wären deutlich größer als die Nachteile.
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Markus Brandstetter
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