Ihr Völker der Welt, schaut bloß nicht auf diese Stadt!
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Wer gebürtiger Berliner ist, weiß gar nicht, worüber er sich zuerst ärgern soll: Die deutsche Hauptstadt ist heute leider vor allem die Hauptstadt der Peinlichkeiten. Und meilenweit entfernt von dem, wofür der legendäre Oberbürgermeister Ernst Reuter einst kämpfte.
Als die sowjetische Blockade drohte, rief er in einer historisch gewordenen Rede: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“ Er appellierte: „Wer diese Stadt, wer dieses Volk von Berlin preisgeben würde, der würde eine Welt preisgeben, noch mehr, er würde sich selber preisgeben.“

9. September 1948: Angesichts der sowjetischen Blockade West-Berlins forderte der Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter in seiner legendären Rede vor dem Reichstag auf, die Stadt nicht im Stich zu lassen.
Ernst Reuter war mit seiner Freiheits-Rede bekanntlich erfolgreich: Berlin wurde von Juni 1948 bis Mai 1949 von den Westalliierten aus der Luft versorgt – und wurde nicht im Stich gelassen.
Heute, ich muss es als Berliner leider so hart sagen, hat man den Eindruck, diese wunderbare Stadt lässt sich selber im Stich. Zumindest tut das die politische Führung.
Tennis statt Krisenmanagement
Beim Anschlag Linksradikaler auf das Berliner Stromnetz lag der Südwesten der Stadt tagelang im Dunkeln: kein Strom, keine Heizung, kein Licht. Die erste Amtshandlung des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU) – er ging Tennisspielen, um „den Kopf freizukriegen“.

Berlins Bürgermeister Kai Wegner (CDU)
Gäste gegen Müll
Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) lockt Touristen mit einem Konzept, das angeblich in Kopenhagen funktioniert: Besucher aus aller Welt, die in Berlin Müll einsammeln, kriegen Gutscheine. Das Konzept nennt sich „BerlinPay“. So soll die Müllhauptstadt Berlin sauberer werden. In Rom schauen sich Touristen Michelangelos Pietà an, in Paris den Louvre, in Berlin können Besucher Abfälle aus der Spree fischen.

Ja, Berlin hat ein Müllproblem. Ob Touristen das lösen können?
Selbst die Straßennamen stottern
Fast kein Tag ohne Berlin-Possen zum Kopfschütteln und Schämen: Die 1,5 Kilometer lange Leibnizstraße ist seit 157 Jahren eine wichtige Lebensader im Westen der Hauptstadt. Sie geht vom weltberühmten Kurfürstendamm in Berlin-Charlottenburg ab. Sie trägt den Namen des Geschichts- und Sprachforschers Gottfried Wilhelm Leibniz – übrigens auch Namenspate für den beliebten Keks. Berlin ist es gelungen, den Namen des berühmten Philosophen gleich zweimal zu verhunzen: Vor zwei Jahren auf einem Baustellenschild, jetzt beim offiziellen Straßenschild: Aktuell heißt der Gelehrte „Leibnitz“ mit t – er kann sich nicht mehr wehren.

Peinlicher Fehler: Leibniz schreibt man ohne „t“.
Wer denkt, dass diese Beispiele Krümelleserei seien, irrt: In dieser kleinen Auslese ist nicht einmal dabei, dass sich die Zahl der kaputten Rolltreppen innerhalb eines Jahres verdoppelt hat. Kaputte Aufzüge in S-Bahn-Stationen nicht mitgerechnet. Jeder Ausfall für Rollstuhlfahrer ein Schicksalsschlag – nicht mehr und nicht weniger.
Vielleicht zeigt eine kleine, wie ich aber finde große Begebenheit, was leider aus dieser Stadt geworden ist.
Seit 1955 brannte auf dem Theodor-Heuss-Platz in Berlin-Westend als Mahnmal der deutschen Heimatvertriebenen eine Ewige Flamme. Im September 2022 erlosch sie plötzlich – um Energie zu sparen. Sie wurde wegen großer Proteste wieder angezündet, aber aus war sie trotzdem gewesen.

2025: Die Flamme brennt wieder.
Und um noch mal an den legendären Ernst Reuter zu erinnern – er würde heute womöglich rufen: Ihr Völker der Welt, schaut bloß nicht auf diese Stadt! Wie traurig – er hätte recht.
Warum Berlin keine Hauptstadt, sondern ein Zirkuszelt ist, lesen Sie hier.
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Louis Hagen
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