Berliner Kino gedenkt der „Deutschen Schuld” mit „Gratis: Pelmeni und Vodka”
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Am 22. Juni 1941 überfiel das Dritte Reich die bis dahin mit ihm de facto verbündete Sowjetunion. Dieses historische Datum wird an diesem Wochenende im alimentierten Kino „Babylon“ in Berlin begangen. Mehrere kommunistische (Anti-)Kriegsfilme stehen auf dem Programm – und am Sonntag heißt es: „Im Gedenken an die Deutsche Schuld! Gratis: Pelmeni und Vodka.“
Das Babylon gedenkt der „Operation Barbarossa“ mit der Vorführung mehrerer sowjetischer Filme. Darunter sind weltberühmte Meisterwerke wie „Komm und sieh“ oder der DDR-Klassiker „Ich war neunzehn“. Während „Komm und sieh“ zu den eher kritischen Werken der sowjetischen Filmindustrie gehört, sind der DDR-Film „Ich war neunzehn“ oder die sowjetische Schnulze „Die Kraniche ziehen“ nicht nur visuell schwarz-weiß. Wie es sich für Filme aus totalitären sozialistischen Regimen gehört, fallen sie durch einseitige Schuldzuweisung auf. Sie erwähnen zwar die Schuld des NS-Regimes am Krieg, vergessen aber zu erwähnen, dass die Sowjetunion 1939 durch den Hitler-Stalin-Pakt und den Einmarsch in Ostpolen selbst an der Zerschlagung Polens beteiligt war. Dies geschah nicht 1941, sondern 1939 – mit dem gemeinsamen Überfall auf Polen und der anschließenden Teilung des Landes. Ohne den gemeinsamen Überfall auf Polen, der es zum damaligen Zeitpunkt schlicht von der Landkarte tilgte, und die daraus resultierende deutsch-sowjetische Grenze wäre der Überfall auf die UdSSR so nicht möglich gewesen.
NIUS fragte das Kino, ob die sowjetische Beteiligung am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Rahmen des Programms erwähnt wird. Das ließ das Kino auf NIUS-Anfrage unbeantwortet.

Zigarettenpause unter Verbündeten: Ein deutscher Soldat bei einer Raucherpause mit Rotarmisten beim Überfall auf Polen.
Schuld sind immer die anderen
Das Narrativ des Kriegsbeginns 1941 wurde in der Sowjetunion kreiert, um von ihrer vorausgegangenen – auch militärischen – Kooperation mit den Nationalsozialisten abzulenken. Die Russische Föderation übernahm nicht nur kommunistisch erzogene Beamte in relevanten Positionen, sondern auch das Narrativ. Nur Opfer zu sein, ist schließlich einfacher, als eigene historische Verbrechen aufzuarbeiten. In der sowjetfreundlichen Geschichtsschreibung spricht man daher oftmals nicht vom „Zweiten Weltkrieg“, der ja 1939 begann, sondern vom „Großen Vaterländischen Krieg“. Dieses Narrativ greift das Kino mit seiner Filmreihe „85 Jahre deutscher Überfall!“ zumindest unbewusst auf. Die Auswahl der Filme erweckt den Anschein, dass das Kino das Kreml-Narrativ der unschuldigen Sowjetunion bedienen möchte.
Dass die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg mehr Opfer brachte als jedes andere Land, relativiert ihre Mitverantwortung bis 1941 nicht – so wenig wie diese Mitverantwortung das Leid der sowjetischen Bevölkerung relativiert. Historiker gehen von rund 27 Millionen Todesopfern auf sowjetischer Seite aus.
Ob die rote Geschichtsinterpretation im Rahmen der Vorführungen besprochen wird, ließ das Kino ebenfalls unbeantwortet – ebenso die Frage, ob die Filme aus den Unrechtsregimen DDR und UdSSR eingeordnet werden oder der Zuschauer mit den politischen Filmen alleingelassen wird.
Darauf einen Wodka!
Im Newsletter des Kinos bewirbt das Babylon die Vorführung des Films „Die Kraniche ziehen“ mit der Ergänzung: „Im Anschluss IM GEDENKEN an die Deutsche Schuld! GRATIS: Pelmeni und Vodka.“ Auch hier fällt auf, dass das Kino die Schuld an der Barbarei des Zweiten Weltkriegs offenbar einzig beim Dritten Reich sieht, während die Sowjetunion die Hände in Unschuld wäscht. Offenbar hält das Lichtspielhaus eine alleinige „deutsche Schuld“ für gegeben. Die Frage, ob das Kino bei den Deutschen eine Kollektiv- oder Erbschuld sehe, blieb ebenso unbeantwortet.

Ein Auszug aus dem Newsletter des Kinos
Der „deutschen Schuld“ gedenkt man nach der Vorführung am kommenden Sonntag mit „GRATIS: Pelmeni und Vodka“. Ob dieses klischeehafte Abendessen vom Steuerzahler bezahlt wird, ließ das Kino auf Anfrage unbeantwortet.
Fakt bleibt dennoch: Das Babylon erhielt seit 2020 mindestens 2.810.362 Euro Steuergeld von der Stadt Berlin.

Auszug aus der Zuwendungsdatenbank der Stadt Berlin
Während Zivilgesellschaft und linke Politiker überall den „ganz gewöhnlichen Faschismus“ vermuten und sich mit einem neuen 1933 konfrontiert sehen, scheint die Wiedergabe des Narrativs eines Regimes, das selbst mehr Opfer forderte als jedes andere Herrschaftssystem des 20. Jahrhunderts, keinen Skandal auszulösen. Die sowjetische Mitschuld am schrecklichsten Krieg der Moderne lässt sich offenbar leichter ausblenden, wenn Pelmeni erst den Magen wärmen und ein gut gefülltes Glas Wodka das seinige tut, dem Gedächtnis in den Schlaf zu helfen.
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