Auto-Anschlag von Gießen: Es war Absicht! +++ Er soll in die Psychiatrie
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Während Staatsanwaltschaft und Polizei nach der Amokfahrt von Gießen von einer vorsätzlichen Tat ausgehen, bemüht sich Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) öffentlich um eine Einordnung, die das Geschehen deutlich relativiert. Seine Begründungen stehen dabei in einem auffälligen Spannungsverhältnis zur Bewertung der Ermittlungsbehörden – und werfen Fragen nach der Angemessenheit der Wortwahl und Gewichtung auf.
Nach dem Auto-Anschlag am Montagabend in der Gießener Südanlage gehen die Ermittlungsbehörden inzwischen klar von einer vorsätzlichen Tat aus. Der aserbaidschanische Fahrer eines dunklen Audi A6 soll sein Fahrzeug gezielt als Waffe eingesetzt haben. Gegen den 32 Jahre alten Tatverdächtigen besteht der dringende Verdacht des versuchten Mordes, des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sowie der gefährlichen Körperverletzung.
Am Dienstagnachmittag erklärte Poseck, man gehe derzeit nicht davon aus, „dass bei dieser Fahrt ein politischer oder gar terroristischer Hintergrund gegeben ist“. Die Polizei weise auf eine mögliche psychische Erkrankung hin. Den Begriff der „Amoktat“ wolle er nicht verwenden, da die Motivlage bislang ungeklärt sei.
Insgesamt wurden sieben Personen verletzt, darunter auch der Fahrer selbst. Eine Frau musste schwerverletzt notoperiert werden, zwei weitere Geschädigte standen unter Schock.

Der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU)
„Spricht nicht unbedingt dafür, dass der Fahrer absichtlich Menschen verletzen wollte“
Besonders bemerkenswert ist die Begründung, mit der Poseck seine Zurückhaltung bei der Bewertung der Tat erklärte. Wörtlich sagte der Innenminister:
„Klar ist jedenfalls: Er hat sich über eine längere Strecke in Gießen bewegt und hat dabei verschiedene Fahrzeuge berührt bzw. ist mit diesen kollidiert – auch die schwere Verletzung der einen Frau ist nicht auf eine direkte Kollision mit dem Fahrzeug des Täters zurückzuführen, sondern auf eine mittelbare Kollision – ein Kleinwagen ist gegen sie geschleudert worden. Das spricht nicht unbedingt dafür, dass der Fahrer absichtlich Menschen verletzen wollte.“
Dass ausgerechnet der Umstand, dass ein Fahrzeug über eine längere Strecke mehrere Kollisionen verursachte und dabei Menschen verletzt wurden, als Argument gegen eine absichtliche Tat herangezogen wird, steht dabei im Kontrast zur rechtlichen Einordnung der Staatsanwaltschaft, die von einem vorsätzlichen Einsatz des Autos ausgeht.
Unmittelbar im Anschluss an die Pressekonferenz verlagerte Poseck den Fokus zudem auf die Sicherheitslage insgesamt und sprach von einer „ausgesprochen positiven Bilanz der Weihnachtsmarktsaison“. „Die, die Panik schüren und Angst haben, haben nicht recht gehabt“, erklärte der Innenminister. Diese Aussage steht zeitlich und inhaltlich unmittelbar nach einem Tatgeschehen mit mehreren Verletzten – darunter einer lebensgefährlich verletzten Frau – und wirkt vor diesem Hintergrund mindestens unglücklich, auch wenn es – wie es Poseck ausdrückt – „keine direkte Gefahr für den Weihnachtsmarkt in Gießen“ gegeben habe.
Was ist passiert?
Nach dem bisherigen Ermittlungsstand wechselte der Mann in Höhe der Bleichstraße bewusst auf die Gegenspur und beschleunigte. Anschließend rammte er einen geparkten Pkw mit erheblicher Wucht. Durch den Aufprall wurde das Fahrzeug in Richtung einer Bushaltestelle geschleudert und erfasste dort eine 64 Jahre alte Passantin. Die Frau erlitt schwere Verletzungen und musste medizinisch versorgt werden.
„Danach soll der Beschuldigte seine Fahrt unbeirrt – teils unter Nutzung des Gehwegs – fortgesetzt haben. Hierbei verletzte er zwei weitere Personen leicht. Anschließend fuhr der Beschuldigte in Richtung Johannesstraße, wo er mit einem geparkten Fahrzeug kollidierte und schließlich von einem 29 Jahre alten Gießener bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten werden konnte“, erklären die Beamten in einer Pressemitteilung.
„Schon bevor der Fahrer in den Gegenverkehr fuhr, touchierte er mehrere andere Fahrzeuge. Dabei wurden zwei Personen leicht verletzt“, heißt es weiter.

Ein beim Anschlag beschädigtes Fahrzeug.
Augenzeuge Eric berichtet hier von dem Vorfall. Er war am Dienstagmorgen auch bei NIUS Live zu Gast (hier ansehen), berichtete ausführlich über seine Eindrücke und Beobachtungen vor Ort:
Ermittlungen dauern an
Die Ermittlungen werden gemeinsam von der Staatsanwaltschaft Gießen, dem Hessisches Landeskriminalamt und dem Polizeipräsidium Mittelhessen geführt. Noch in der Tatnacht wurden zahlreiche Zeugen vernommen, Spuren an mehreren Tatorten gesichert und die Wohnung des Beschuldigten durchsucht. Dabei stellten die Ermittler unter anderem Datenträger und Mobiltelefone sicher, die nun ausgewertet werden.
Auf Antrag der Staatsanwaltschaft soll der Tatverdächtige einem Haftrichter vorgeführt werden. Ziel ist seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden liegen Anhaltspunkte für eine akute psychotische Erkrankung vor. Aus diesem Grund wurde ein psychiatrischer Sachverständiger mit einer Begutachtung beauftragt. Zusätzlich soll ein unfallanalytisches Gutachten den genauen Ablauf der Tat rekonstruieren. Das Tatfahrzeug wurde sichergestellt.
Zur konkreten Motivation des Mannes können die Ermittler derzeit noch keine belastbaren Angaben machen. Kurz nach seiner Festnahme habe der Tatverdächtige lediglich zusammenhangslose Aussagen getätigt. Hinweise auf eine politisch motivierte oder terroristische Straftat liegen nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen nicht vor.
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