Bundesweiter Betrug durch Asylbewerber: Lösungen für Sprachtests über TikTok verkauft
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Die Prüfung „Deutsch-Test für Zuwanderer“ (DTZ) gilt als Schlüssel zur Integration und als offizieller Nachweis über Sprachkenntnisse für Aufenthalt und Einbürgerung. Entwickelt wurde der Test im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), um zu mustern, wer in Deutschland bleiben sollte, und wer nicht.
Jetzt zeigen NIUS-Recherchen: Um die staatlich überwachte Sprachprüfung hat sich ein lukrativer Schattenmarkt entwickelt. Prüfungsergebnisse und Musterlösungen werden in sozialen Netzwerken gehandelt, Tag für Tag. Es ist ein Skandal, der die Glaubwürdigkeit des Integrationssystems infrage stellt und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Erklärungsnot bringt.
Sehen Sie hier die Recherchen im Video:
Das BAMF ist für die Tests verantwortlich
Jährlich werden in Deutschland hunderttausende Integrationsprüfungen abgelegt, verteilt auf rund 25 Prüfungstermine an über 50 Tagen. Der „Deutsch-Test für Zuwanderer“ (DTZ) ist dabei das entscheidende Element: Wer besteht, erhält vom Staat ein offizielles Dokument: Das Engagement und die erfolgreiche Integration werden bescheinigt. Verantwortlich für die Organisation ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).
Die Durchführung übernehmen anerkannte Partnerinstitute, die im Auftrag und nach Vorgaben des BAMF handeln, der Test ist staatlich anerkannt und bundesweit einheitlich geregelt. Geprüft wird das Sprachniveau B1, also die Fähigkeit, sich im Alltag auf Deutsch selbstständig zu verständigen. Der Test besteht aus einem Lese-, Hör-, Sprach- und Schreib-Teil. Perfekte Grammatik ist dabei nicht entscheidend. Wer erklären kann, wie sein Wochenende war oder worum es in einem Arztgespräch geht, erfüllt bereits den Kern des geforderten Niveaus.
Sprachtests auf arabischen TikTok-Accounts hochgeladen
In den sozialen Medien sind seit Wochen Ergebnisse der Prüfungen online. Über unscheinbare TikTok Accounts wird für „Hilfe“ beim Deutsch-Test geworben. Oft mit einem Foto einer Original-Prüfung.

Screenshot einer veröffentlichten Prüfung vom 10. Oktober in einer Telegram-Gruppe.
Im Nachhinein wird auf einen Telegram-Kanal verwiesen, bei dem man sich melden soll. Auch NIUS nahm Kontakt mit mehreren Telegram-Nutzern von TikTok auf und wurde in diverse Gruppen eingeladen. Schnell wird klar, dass die Fragen vorab viel Geld kosten. Für 200 Euro erhält man „bestätigte Fragen“ für seinen vom BAMF zugewiesenen Prüfungstag.

„Bestätigte Fragen“ des Sprachtests kosten auf Telegram 200 Euro. Die Nutzerin Amani bemängelt den Preis.
Für mehr Geld erhält man die gesamte Prüfung zugeschickt. Nach NIUS-Informationen soll auf diesen Betrug aufmerksam gemacht worden sein, nachdem mehrere syrische Asylbewerber identische, auswendig gelernte Antworten lieferten.
Eine vollständig veröffentlichte Prüfung in einem der Telegram-Kanäle:
Von TikTok wird auf Telegram geführt
In den Telegram-Gruppen wird fast ausschließlich auf Arabisch geschrieben, die Kommunikation erinnert an einen geschäftigen Basar. Zwischen Dutzenden Chats werden PDF-Dateien, Mitschnitte und Notizen ausgetauscht, mal offen, mal über private Nachrichten. Immer wieder tauchen dieselben Codes auf: „DTZ aktuell“, „B1 sicher“, „Original“. Viele Teilnehmer nutzen Pseudonyme, ihre Profilbilder zeigen syrische Flaggen, arabische Schriftzüge oder religiöse Symbole. In den Gruppen herrscht ein eingespieltes System: Erfahrene Mitglieder bieten „Hilfe“ für bestimmte Prüfungstage an, Neulinge fragen nach den neuesten „Versionen“.
Das System der Sprachtest-Betrüger
NIUS-Recherchen legen nahe, dass hinter der vermeintlich privaten Hilfe in Wahrheit ein organisiertes Geschäftsmodell steckt. Interessenten melden sich rund eine Woche vor dem Prüfungstermin an, zahlen im Voraus rund 200 Euro – per PayPal oder Überweisung – und werden in geschlossene Kanäle aufgenommen. Drei Tage vor der Prüfung erhalten sie dann die tatsächlichen Aufgaben und zwei Tage vorher Briefings sowie Hörmaterialien, die von den Originalaufgaben bereitgestellt werden. Diese Praxis ermöglicht es Teilnehmern, die Prüfungsinhalte gezielt auswendig zu lernen oder fertige Lösungen zu verwenden. Oftmals sind Prüfungen aber auch schon Wochen im Voraus abrufbar und vollständig online gestellt.

So werben die Accounts mit den Lösungen für den Sprachtest des BAMF.
Wer bezahlt, bekommt Zugriff auf „aktuelle Prüfungen“ oder „bestätigte Lösungen“. NIUS-Recherchen zeigen, dass einige der Materialien täuschend echt aussehen, teils mit den Logos von Partnerinstituten, die im Auftrag des BAMF prüfen. Die Kanäle verzeichnen mehrere Tausend Mitglieder, und neue treten täglich bei. Auch die Hörverstehen-Aufgaben sind vollständig in einigen Gruppen zu finden – inklusive der korrekten Antworten. Was wie eine harmlose Nachhilfegruppe wirkt, entpuppt sich als Schattenmarkt mit System, das gezielt die Schwachstellen des deutschen Integrationsapparats ausnutzt.
Geld soll in die Türkei überwiesen werden
Ein Vermittler, mit dem NIUS Kontakt aufgenommen hat, schickt uns ein Angebot. Erst verlangt er eine Überweisung in Höhe von 100 Euro an eine Bank, die auf Auslandstransfers von Geld spezialisiert ist. Das Konto liegt in der Türkei und sei nach Angaben des Sprachtest-Verkäufers nur heute erreichbar. Wir entscheiden uns gegen den Kauf, aus rechtlichen Gründen.

NIUS zensiert den Namen des Empfängers. Über Western Union soll dann der Betrug abgewickelt werden.
Das Bundesamt: „Angebote von Prüfungsaufgaben auf TikTok-Kanälen sind bekannt“
NIUS konfrontiert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu den Vorwürfen, dass die Prüfungen bereits Tage vorher online verfügbar sind und es einen Schwarzmarkt für die Musterlösungen gibt. Das BAMF antwortet NIUS:
„Dass es bei den Prüfungen zu unterschiedlichen Täuschungs- und Betrugsversuchen kommt, ist dem Bundesamt bekannt. Dazu zählen neben Täuschungsversuchen Einzelner während der Prüfung auch Versuche, vorab an die Prüfungsaufgaben zu gelangen. Dabei spielen natürlich auch soziale Medien eine Rolle. Angebote von Prüfungsaufgaben auf TikTok-Kanälen sind ein Beispiel, das uns ebenfalls bekannt ist. Das Bundesamt beobachtet in Zusammenarbeit mit dem beauftragten Testinstitut diese ‚Aktivitäten‘ sehr genau. Bislang zeigte sich häufig, dass es sich bei den ‚Verkaufsangeboten‘ entweder gar nicht um aktuell eingesetzte Prüfungsaufgaben des DTZ oder auch um ganz andere Testformate handelte. Immer wieder sind es auch Mischformen von Übungsaufgaben und ehemaligen Prüfungsaufgaben. Soweit tatsächlich der DTZ und damit das Bundesamt betroffen ist, wird konsequent Strafanzeige gestellt.“
Anonyme Quelle zu NIUS: „Alle syrischen Teilnehmer haben betrogen“
Eine anonyme Quelle schildert gegenüber NIUS andere Szenen: „Am 11. Oktober fand bei uns ein offizieller B1-Sprachtest für Geflüchtete statt, unter anderem mit syrischen Teilnehmern. Dabei fiel uns auf, dass mehrere Prüflinge sämtliche Antworten bereits auswendig wussten: sowohl in der Hörverstehen- als auch in der Schreib-Prüfung. Sogar der Sprachtest, bei dem die Teilnehmenden sprechen müssen, war vorher bekannt und wurde in Videos ausführlich vorgestellt. In unserem Fall war das Sprechthema ‚Bibliothek‘; uns fiel heute auf, dass die syrischen Prüflinge zwar auf Arabisch sprachen, das Wort ‚Bibliothek‘ aber auffällig oft fiel.“
Weiter sagte die anonyme Quelle zu NIUS: „Natürlich gab es schon immer vereinzelte Betrugsversuche, das ist bei Prüfungen nichts Neues. Aber in diesem Ausmaß haben wir das noch nie erlebt. Bei uns, einem kleinen Bildungsträger in einem eher unbedeutenden Ort, haben am heutigen Samstag praktisch alle syrischen Teilnehmer betrogen.“
Es ist nicht das erste Mal, dass das BAMF mit den Sprachtests in der Kritik steht. Das System mit den Sprachtests wurde schon von anderen Medien thematisiert. Wenn Lernen durch Bezahlen ersetzt wird, entwertet das ehrliche Leistungen, schafft ökonomische Anreize, die Integration zur Ware machen, und belohnt jene, die zahlen können.
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