4 Schauspieler, 6 Politiker in Propaganda-Sendung „Die 100“ – Die ARD behauptet trotzdem: „Keine Darsteller eingesetzt“
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Die ARD wollte ganz gewöhnliche Bürger zeigen, die „mit den Füßen abstimmen“ – so lautet das Konzept hinter der Show „Die 100“, die am Montagabend ausgestrahlt wurde und der Frage nachging: „Ist die AfD eigentlich ein Problem?“
Doch dank der Schwarmintelligenz der Internetnutzer treten immer mehr Fälle zu Tage, die die Sendung wie ein inszeniertes Schauspiel erscheinen und Zweifel an ihrer Unabhängigkeit aufkommen lassen. NIUS hat die Teilnehmer überprüft und kommt zu dem Ergebnis: Mindestens vier Schauspieler und sechs Kommunalpolitiker haben an der Show mitgewirkt.
Nach Bekanntwerden des ersten Falls hatte der verantwortliche NDR gegenüber NIUS erklärt: „Der Norddeutsche Rundfunk weist die erhobenen Vorwürfe zur Produktion ‚Die 100‘ als falsch zurück. Es werden keine Darstellerinnen oder Darsteller eingesetzt.“ Später jedoch zeigte sich, dass mindestens vier der Show-Teilnehmer als Komparsen oder professionelle Schauspieler arbeiten. Hält der Sender an seiner Aussage fest, dass keine Darsteller eingesetzt und für die Sendung rekrutiert wurden? Darauf antwortet der NDR mit einem knappen „Ja“.
Auch die verantwortliche Produktionsfirma Ansager und Schnipselmann, deren Mitgründer der ehemalige hart aber fair-Moderator Frank Plasberg ist, will sich nicht zur Produktion und den Kosten äußern und verweist an den NDR, der zu den Kosten der Show ebenfalls schweigt.
Vorwurf des Verschwörungsmythos
Der Einsatz von Schauspielern wird sogar innerhalb der ARD kritisch gesehen. So reagiert ARD-Mann Georg Restle („Monitor“), angesprochen auf den Einsatz des Schauspielers Michael Schleiermacher, mit den Worten: „Kann und darf man kritisieren. Hätte nicht passieren dürfen – und ärgert die Macher selber. Wer dagegen behauptet, das sei ‚böse Absicht‘ gewesen, verbreitet Verschwörungsmythen.“

Restle auf X.
Man muss allerdings kein Verschwörungstheoretiker sein, um die Häufung von Schauspielern irritierend zu finden. Wie erklärt sich der Sender deren überproportional hohe Anzahl? Darauf antwortet er mit Textbausteinen:
„Im Mittelpunkt der Sendung stehen Menschen aus der Bevölkerung, die frei ihre Meinung äußern. Jede und jeder kann sich für die Teilnahme an der Sendung bewerben. (...) Der NDR schließt keine Menschen aus, die als Privatperson teilnehmen – auch nicht aufgrund von Tätigkeiten im darstellenden Bereich.“
Laut NDR also eine Art Zufall. Auffällig ist jedoch die Mailadresse, unter der man sich für die Teilnahme an der Show bewerben konnte: [email protected].

Die Website des NDR leitet Bewerber zur Plattform „My Show“.
My Show ist eine Plattform, die Tickets für Shows vertreibt – sich aber auch als „Fullservice-Partner im Bereich Ticketing & Studioservices“ präsentiert. In dieser Funktion bewirbt das Unternehmen auf seiner Website auch seine Komparsen-Vermittlung.

Die Angebote von „My Show“.
Obwohl mindestens vier Schauspieler teilgenommen haben und die Rekrutierung über eine Plattform lief, die auch Komparsen vermittelt, hält der Sender also an der Behauptung fest, die ARD habe keine Darsteller eingesetzt und die betreffenden Personen hätten lediglich als Privatpersonen an der Show teilgenommen.
Besonders absurd erscheint diese Behauptung, wenn man sich die teilnehmenden Darsteller genauer ansieht. Und auch die Teilnahme zahlreicher Kommunalpolitiker von Parteien links der Mitte, die meist als solche nicht gekennzeichnet wurden, wirft ein ungünstiges Licht auf die Produktionsmethoden.
NIUS präsentiert die Liste der nicht ganz so gewöhnlichen Bürger.
Die Schauspieler:
1. Michael Schleiermacher
Er wandelte sich innerhalb der Sendung vom AfD-Anhänger zum Kritiker, der die Partei zum Schluss als „Wolf im Schafspelz“ bezeichnete: Michael Schleiermacher wurde den Zuschauern als Bürokaufmann vorgestellt, tatsächlich aber arbeitet er wegen einer Behinderung längst nicht mehr in diesem Beruf, bezieht stattdessen Erwerbsminderungsrente, wie er dem Spiegel erzählte – und ist regelmäßig als Laienschauspieler tätig.
Auf seiner Website des Jobportals Stagepool schreibt er über sich: „Auch werde ich in weiteren neuen Serien, die 2024 in ARD und ZDF starten, in Sprechrollen zu sehen sein. Manchmal nur mit 1-2 Sätzen, aber das reicht mir, es muss keine Hauptrolle sein.“

Schleiermacher bei Stagepool.
Auf die Frage, ob der NDR es für ein lauteres Vorgehen hält, Schleiermacher nicht als Schauspieler, sondern als Bürokaufmann dargestellt zu haben, schreibt der Sender: „Der Angesprochene hat sich als Privatmann für die Teilnahme an der Sendung beworben. Seinen Beruf gab er mit Bürokaufmann an. Dass er nebenberuflich als Komparse arbeitet, ist kein Ausschlussgrund für die Sendung.“
2. Harry Leutfried Tomberg
Die Nummer 42 der Teilnehmer ist Harry Leutfried Tomberg.

Harry Leutfried Tomberg in der Show.

Auch in dieser Szene ist Tomberg zu sehen.
Auch Tomberg ist als Laienschauspieler tätig – und zwar ebenfalls über Stagepool. Er erklärt dort: „Nachdem ich die letzten 2 Jahre im Ruhestand als Versicherungskaufmann verbracht hatte, suchte ich nach einer neuen Herausforderung. Mitte Mai '23 wurde in unserer Stadt ein Film gedreht, und so kam mir die Idee, mich als Komparse bei Agenturen zu bewerben. (...) In den letzten 6 Monaten habe ich 18 Drehanfragen wahrgenommen, die ich auf der Webseite von Stagepool gefunden habe.“

Tomberg bei Stagepool.
3. Christina-Maria von Gusinski
Als AfD-Unterstützerin kam sie in der Sendung prominent zu Wort: Christina-Maria von Gusinski wurde dabei von der ARD als Schauspielerin präsentiert. Sie erklärt gegenüber Moderator Ingo Zamperoni: „Ich bin sehr dafür, dass die AfD an die Macht kommt“. Und ergänzt: „Weil ich der Meinung bin, dass sich was verändern muss im Land. Es ist auch nicht fair, wenn man alle, die die AfD gewählt haben, ausgrenzt. Ich bin dafür, dass eine schöne Koalition aus der CDU und der AfD entsteht.“

Von Gusinski am Mikrofon von Moderator Ingo Zamperoni.
In den vergangenen Jahren wirkte von Gusinski auch an öffentlich-rechtlichen Produktionen mit, etwa beim ZDF-Film „Abgebrannt“ oder als Darstellerin eines Sektenmitglieds in der ARD-Kinderserie „Die Pfefferkörner“.
Kurios: Auf der Setcard ihrer Agentur trägt sie dieselbe Kleidung, die sie auch in der Show „Die 100“ trug.

Die Setcard von Christina-Maria von Gusinski.
4. Dustin Mischak
Dustin Mischak nahm ebenfalls an „Die 100“ teil.

Mischak in der Show.
Auch er ist als Schauspieler tätig, wie er auf Instagram schreibt.

Dustin Mischaks Instagram-Auftritt.
Die Politiker:
1. Arne Arnemann
Arnemann wurde von Zamperoni als Teilnehmer Nummer 7 befragt.

Arnemann und Zamperoni.
Was der Zuschauer nicht erfuhr: Arnemann hat in der Vergangenheit bei einer Kommunalwahl für die SPD kandidiert.

Die website der SPD Bad Karlshafen. Unten wird die Kandidatur von Arnemann vermerkt.
2. Kofi Bernd Räder
Räder wurde in der Sendung als Arbeitspädagoge vorgestellt.

Räder in der ARD.
Der Zuschauer erfuhr nicht, dass Räder im Emsland für die Satirepartei „Die Partei“ kandidiert hatte, worauf der ÖRR-Blog hinwies.
Dies teilt Räder jedoch auf Instagram mit, wo er unter ein entsprechendes Foto die – wahrscheinlich satirisch gemeinten – Worte „#Ängste bedienen #Verbundenheit simulieren #Toleranz Demokratie missbrauchen“ anfügt.

Räders Instagram.
In der Sendung sagt er auf eine Frage Zamperonis: „Wir müssen mehr dahinkommen, dass die Parteien benennen, was sie verändern wollen und dazu konkrete Lösungen präsentieren. Ganz besonders sehe ich das bei der AfD nicht (...).“
3. Bärbel Beuermann
Beuermann, die für die Linke im Düsseldorfer Landtag saß, wird in der Show zwar als „ehemalige Abgeordnete ‚Die Linke‘“ präsentiert. Allerdings wird verschwiegen, dass Beuermann mittlerweile bei der SPD ist.
5. Dennis Knorn
Teilnehmer Dennis Knorn war in der Show nur im Hintergrund zu sehen.

Dennis Knorn im Hintergrund, während Moderator Zamperoni eine Frau befragt.

Knorn im abgedunkelten Studio.
Knorn ist im Vorstand der SPD Barsinghausen.

Knorn auf dem Internet-Auftritt der SPD-Ortsverein Barsinghausen.
6. Brigitte Gromm
Als Hotelkauffrau verkaufte die ARD Brigitte Gromm – dass sie noch 2018 als Ersatzkandidatin für die Linke gewählt wurde, wurde nicht erwähnt.
Mittlerweile scheint Gromm ihr Position geändert zu haben. In der Sendung sagte sie: „Ich weiß, dass die AfD extrem ist, aber ich wähle sie trotzdem und das ist Protestwahl. Ich höre auch immer, die fremden Menschen haben Angst. Es fragt kein Mensch, was wir Einheimischen für Angst haben. Ich traue mich bei mir zu Hause kaum noch auf die Straße. Da fragt niemand danach.“
Manipulation statt Information
Auch andere Personen sollen laut Recherchen von Nutzern auf X Politiker oder Schauspieler sein. Ob Teilnehmer Nummer 17, der demnach Christian Stadler heißen soll, Schauspieler ist, konnte NIUS nicht abschließend feststellen. Im Netz kursiert auch die Behauptung, Nummer 83 sei die Grünen-Politikerin Claudia Maicher gewesen. Das Schild mit der 83 trug jedoch in der Show ein Mann. Auch darauf, dass der SPD-Politiker Kevin Hönicke an der Show teilgenommen haben soll, liegen NIUS keine Hinweise vor.
Dennoch ist die Zahl von Schauspielern und Politikern in der Sendung, die eigentlich gewöhnliche Bürger zeigen wollte, so hoch, dass der Zuschauer irritiert zurückbleibt. Statt Information hat die Show „Die 100“ in der Woche vor der Landtagswahl in Brandenburg, bei der die AfD laut Prognosen stärkste Kraft werden könnte, vor allem Manipulation geliefert.
Lesen Sie auch: Warum die ARD-Show „Die 100“ Untreue ist – und ein Fall für den Staatsanwalt
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