ARD & ZDF: Wie Salafismus in Jugendprogrammen verharmlost wird
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Klickt man sich durch die ARD-Mediathek, stößt man unweigerlich auf zahlreiche Beiträge aus der Welt des Islamismus und Salafismus. Problematisch ist dabei die regelrecht verharmlosende und teilweise verherrlichende Erzählweise dieser Programme, die sich vor allem an das junge Publikum richten. Eine kritische Betrachtung radikaler Prediger, frauenverachtender Aussagen oder antisemitischer Parolen sucht man vergeblich.
In der Reportage „Salafistische Influencer auf TikTok“ vom Y-Kollektiv taucht der Zuschauer in die Welt des Salafisten-Predigers Ibrahim El-Azzazi aka Sheikh Ibrahim ein, der ein Millionen-Publikum auf TikTok erreicht. Salafismus ist eine ultraorthodoxe Strömung im Islam, dessen Anhänger sich an der islamischen Frühzeit im 7. Jahrhundert orientieren und somit die Scharia über das Grundgesetz stellen.
Obwohl Salafisten die damals üblichen Sitten und Gebräuche praktizieren, scheint die Nutzung von TikTok kein Widerspruch zu der rückwärtsgewandten Lebensweise zu sein. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich kurze Frage/Antwort-Clips, die Sheikh Ibrahim zu einem reichweitenstarken Influencer auf TikTok gekürt haben. Erörtert wird weniger Theologisches, sondern vielmehr die einfachen Fragen, die einen jungen Muslim täglich umtreiben. „Darf man in Schweinfurt leben?“, „Darf man Geburtstag feiern?“, oder „Darf man Musik hören?“ – so lauten etwa die Fragen, die von Sheikh Ibrahim präzise und gleichermaßen einprägsam beantwortet werden.
Inhaltsleerer Selfie-Journalismus
Die Reporterin betont im Intro, dass sie die TikTok-Prediger ganz besonders interessieren, da sie auch Muslima sei. Damit dem Zuschauer sofort klar ist, dass es sich bei diesem Programm um eine Perle journalistischer Handwerkskunst handelt, verrät sie, dass sie ganze 5 Monate an dem knapp 34 Minuten-Film gearbeitet hat. Sie erzählt über ihre Gefühle während der Produktion und gibt Einblicke hinsichtlich ihrer persönlichen Perspektive zu der Thematik. In zahlreichen Schnittbildern kann sich der Zuschauer ein Bild davon machen, wie das Recherchieren so ausschaut, wenn sie auf ihrem Laptop tippt oder am Smartphone herumscrollt.

Das Mittagessen muss natürlich auch mit in die Reportage.
Frauenverachtung als Religionsfreiheit getarnt
Sheikh Ibrahim wird vom Verfassungsschutz beobachtet und gilt als einer der wichtigsten Figuren der Salafistenszene Deutschlands. Damit er einem Interview zustimmt, müssen seine Forderungen erfüllt sein. Dazu gehört unter anderem, dass er nicht mit der unverschleierten Reporterin zusammen in einem Bild zu sehen ist, was auf die Geschlechtertrennung in der radikalen Auslegung des Korans zurückzuführen ist.
Diese Forderungen illustrieren einmal mehr, dass diese frauenverachtende Gesinnung, die als Religionsfreiheit getarnt daherkommt, nicht ansatzweise mit den Standards der westlichen Welt kompatibel ist. Wieso sich die Reporterin derart degradieren lässt und sich auf das Spielchen einlässt, bleibt offen. Sicherlich wäre es für alle Beteiligten einfacher gewesen, hätte ein männlicher Kollege dieses Interview geführt.
Ein Teil des Gesprächs findet in einem Geschäft für islamische Bekleidung statt, das allerlei züchtiges Verschleierungsmaterial für Frauen anbietet. Beim gemeinsamen Stöbern durch das Sortiment schlägt Sheikh Ibrahim der Reporterin vor, einen Niqab zu tragen, schließlich könne er sich so gemeinsamen vor der Kamera mit ihr zeigen, unverschleiert nun mal nicht. Ibrahim wiederum erscheint einem bodenlangen weißen Hemd, der sogenannten Abaya, welches er zu einer sandfarbenen Militärweste kombiniert. Ein Look, der offenbar von den IS-Kämpfern des Nahen Ostens inspiriert ist.
Gewalt gegen Frauen: „Ich würde mich niemals distanzieren“
Inhaltlich lassen diese Interviews mehr als zu wünschen übrig. Es ist vielmehr ein oberflächliches Q&A, bei dem abgefragt wird, wie alt Sheikh Ibrahim sei, ob er verheiratet sei oder ob er schon mal gewählt habe. Während dieser Fragerunde inszeniert er sich mit goldener Ray-Ban-Sonnenbrille als eine Art hipper Wüstensohn, dessen Frömmigkeit ihm eigentlich ganz gut zu Gesicht steht.
Thematischer Höhepunkt während dieser inhaltsleeren Minuten ist die Frage, inwiefern sich Sheikh Ibrahim von anderen salafistischen Predigern abgrenzt. Er weicht aus und verweist auf unklare Definitionen hinsichtlich Extremismus und verneint Prediger zu kennen, die mit dem IS in Verbindung stehen. Schließlich gebe es ein Video von ihm, wo er seine Haltung zum IS erläutert. Nachdem Selfies mit einem Fan gemacht wurden, äußert sich Sheikh Ibrahim zu einem Video, in dem er erklärt, wie ein Muslim seine Frau zu schlagen hat. Direkte Schläge ins Gesicht seien laut der Schriften nicht erwünscht. Sheikh Ibrahim sieht diese Aussagen weder als Legitimation von Gewalt gegen Frauen noch als Aufforderung dazu. Ein weiteres Mal weicht er aus und verweist darauf, dass er lediglich aus dem Hadith (Handlungsanweisungen / Überlieferungen im Islam) zitiert habe. „Ich würde mich niemals von einem Hadith distanzieren oder von einer Zeile im Koran“, entgegnet er der Reporterin.

Auf die Frage, woher das Geld stammt, antwortet der Prediger mit: „Von Allah“.
Radikale Inhalte auf TikTok
Am Ende des Films erklärt die Reporterin, dass der gut geklickte Kanal des Salafisten-Predigers auf TikTok wegen „Hateful Behaviour“ gelöscht worden sei, es aber einige neue Accounts gebe, die ähnlich hießen. Wer nach diesen Inhalten sucht, wird übrigens weiterhin unter anderem auf YouTube fündig. Inwiefern junge und teilweise orientierungslose Zuschauer mit diesem Film über die Gefahr des Salafismus aufgeklärt werden, bleibt offen.
Der Versuch Sheikh Ibrahim zu einer Distanzierung seiner frauenverachtenden Aussagen zu drängen, ist kläglich gescheitert. Was bleibt, ist die Inszenierung eines Selbstdarstellers, den man zu oft unwidersprochen gewähren lässt.
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