Bittere Abrechnung der wichtigsten Schweizer Zeitung: Was ist schlimmer – die Deutsche Bahn oder die Regierung Scholz?
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Es ist nicht irgendeine Zeitung, die Deutschland und die Deutschen auf ihrer kompletten Titelseite auseinandernimmt. Es ist die vielleicht angesehenste Zeitung Europas – die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Ihr Chefredakteur, Eric Gujer, hat einen messerscharfen, sehr kritischen und in Teilen auch polemischen Kommentar geschrieben.
„Fußball-Europameister wurden die Deutschen nicht“, schreibt er in der NZZ. „Aber dafür ist ihnen ein Titel sicher: Sie sind Weltmeister im Jammern. Zu den bevorzugten Zielscheiben des Schimpfens und Klagens gehören die Ampelkoalition und die Deutsche Bahn. Fast so schön wie die Schauergeschichten von Fans, die erst zum Abpfiff im Stadion eintreffen, weil Deutschlands Stillstandsunternehmen Nummer eins wieder einmal nicht fährt.“

Bei der Koalition sei es noch schlimmer, schreibt Gujer. Wie die Bahn sei sie ein Sanierungsfall, aber ein hoffnungsloser. Darüber seien sich die meisten Deutschen einig. Es lohne sich aber nicht mehr, allzu viele Gedanken an das Regierungsbündnis zu verschwenden. „Wichtiger“, so die NZZ, „ist die Frage, wie Deutschland wieder aus dem Sumpf der Wachstumsschwäche und der miesen Stimmung herausfindet. Das sollte nicht nur die Deutschen selbst beschäftigen, sondern ganz Europa. Denn Deutschland wird als Wirtschaftsmotor und Führungsmacht benötigt. Umso mehr, als sich Frankreich gerade auf drei Jahre Stagnation bis zur nächsten Präsidentschaftswahl einrichtet.
„Wir schaffen das“, hatte einst Merkel verkündet. Schaffen es die Deutschen wirklich? Auch da hilft ein Blick auf die Bahn, meint die NZZ. Bei ihr sei eigentlich klar, was zu ist. Sie muss ihre Infrastruktur instand setzen, auf überkandidelte Prestigeprojekte wie Stuttgart 21 verzichten und in den wenig glamourösen Brot-und-Butter-Betrieb investieren. „Es ist kein Naturgesetz, dass jedes Unwetter, jeder heftige Schneefall und jeder Böschungsbrand den Zugverkehr außer Gefecht setzt. Die Schweizerischen Bundesbahnen machen vor, wie Alltagstauglichkeit geht.“
Die NZZ zählt weitere deutsche Defizite auf:
Stromversorgung
Sie ist unsicher, weil Wind und Sonne Schwankungen unterworfen sind. Die nächste Regierung sollte die gesetzlichen Voraussetzungen schaffen, um die gerade abgeschalteten letzten drei Kernkraftwerke wieder ans Netz zu bringen. Langfristig liefern nur neue Atomreaktoren umweltfreundliche Bandenergie. Die Grünen haben derart abgewirtschaftet, dass jetzt die Gelegenheit besteht, die heilige Kuh des Atomausstiegs zu schlachten.
Energieprobleme
Die Energieversorgung ist für ein Industrieland wie Deutschland von existenzieller Bedeutung. Die Mischung der letzten 20 Jahre aus unzureichenden Maßnahmen und realitätsfernen Versprechungen kann kein Rezept für die Zukunft sein. Sonst verliert Deutschland als Erstes seine Chemieunternehmen, die gerade nach China verkauft werden oder ihre Produktion dorthin verlagern. Es ist der stille Tod einer Traditionsbranche.
Migration
Will Deutschland zurück in die Spur finden, braucht es eine Sozialreform wie vor zwei Jahrzehnten. Sozialhilfe und Bürgergeld ist der Hauptgewinn für alle, die es nach Deutschland schaffen. Die größte Gruppe der ausländischen Empfänger sind Personen aus Ländern wie Afghanistan und Syrien.

Neue Regierung
„Was zu tun ist, liegt auf der Hand“, schreibt die Neue Zürcher Zeitung. „Aber welche Regierung in Berlin soll das angehen?“ Die Antwort gibt die NZZ selbst: „Es wird sich eine Regierung finden, die den drohenden Abstieg und die Deindustrialisierung verhindert. Für Defaitismus besteht kein Anlass. Die Deutschen schaffen das, wenn sie wollen.“
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