Bericht über Studentenproteste vor 60 Jahren: Deutschlandfunk verschweigt, dass der Polizist, der Benno Ohnesorg erschoss, Stasi-Spitzel war
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In seiner Sendung „Kalenderblatt“ berichtet der Deutschlandfunk über Proteste gegen den Vietnamkrieg vor 60 Jahren – und erwähnt auch die Tötung eines Studenten im Jahr darauf. Dass der Schütze Polizist war, wird gesagt – nicht aber, dass er für die Stasi spitzelte.
Am 5. Februar 1966 kam es in West-Berlin bei Studentenprotesten gegen den Krieg der USA in Vietnam zu Ausschreitungen – Anlass für den Deutschlandfunk (DLF), in seiner Rubrik „Kalenderblatt“ Tom Schimmeck an das Ereignis erinnern zu lassen. Schließlich habe es sich um den Auftakt zur Studentenbewegung gehandelt, die Protestformen amerikanischer Vietnamkriegsgegner übernahm: Go-ins, Sit-ins, Kongresse, Demos.
Die Demonstranten, die damals noch die Politik, die Polizei und sogar die Universitäten und die öffentliche Meinung (Medien) gegen sich hatten, wurden als „Krawallstudenten“, „Polit-Gammler“ und „politische Wirrköpfe“ bezeichnet. Gegen Ende der knapp fünfminütigen Sendung macht der DLF einen großen Sprung nach vorn, zur berüchtigten Demo gegen den Schah am 2. Juni 1967. Letzter Satz:
„Während in der Oper die ‚Zauberflöte‘ gegeben wird, erschießt ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg, die Studentenbewegung radikalisiert sich.“
Wirklich nur ein Fall von Polizeigewalt?
Tatsächlich war der Mann, der Benno Ohnesorg erschoss, Polizist: Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, der vorgab, in Notwehr geschossen zu haben. Erst 2009 stellte sich heraus, dass Kurras Geheimer Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit war. Eine nicht ganz unwesentliche Information, wenn es um die Frage geht, warum Kurras geschossen haben könnte. Er selbst nahm das Geheimnis 2024 mit ins Grab.

Das SED-Mitgliedsbuch des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras.
Was der Deutschlandfunk jedoch unterschlägt, wenn er „erschießt ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg“ sagt und den Beitrag damit enden lässt. Der unkundige Hörer muss annehmen, dass es sich um einen Fall von Polizeigewalt handelt, der zur Initialzündung für die Radikalisierung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und die Gründung der Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“ und der Rote Armee Fraktion (RAF) wurde.
Nun ist es durchaus möglich, dass Kurras’ Finger vorschnell am Abzug waren (er war sowohl bei Kollegen als auch bei der Stasi als Waffennarr bekannt). Mindestens ebenso naheliegend ist nach seiner Enttarnung aber auch die Frage, ob es sich um eine Art Auftragsmord handelte – im Auftrag der Ost-Berliner Stasi, um die linken Proteste in der Bundesrepublik eskalieren zu lassen und den Westen zu destabilisieren. Die Frage konnte nie abschließend geklärt werden.
Was nicht ins Narrativ passt, wird weggelassen
Ebenso ist es möglich, dass Kurras sich eigenverantwortlich zum Schuss entschloss, weil er glaubte, damit im Sinne der Staatssicherheit zu handeln. Der Stasi-Agent, der zur Tatzeit noch lange nicht enttarnt war, wurde damals von den Kollegen, die er ausspionierte, geschützt und schließlich in mehreren Prozessen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Ohnesorg avancierte posthum zum Märtyrer der Studentenrevolution, der von einem „Bullen“ getötet worden war.

Benno Ohnesorg wurde zum Märtyrer der rebellischen linken Studenten.
Karl-Heinz Kurras‘ seit nunmehr 17 Jahren bekannte Stasi-Tätigkeit zu verschweigen, lädt – auch angesichts zahlreicher ähnlicher Fälle – zur Mutmaßung ein, dass hier einmal mehr für das Gesamtverständnis wichtige Informationen weggelassen werden, wenn sie nicht ins Narrativ passen, das in diesem Fall lautet: Die Radikalisierung der linken Studentenbewegung und der Weg in den Terror waren eine verständliche Reaktion auf die Staatsgewalt. Und natürlich durfte geschossen werden.
Auf Anfrage von NIUS erklärte der Deutschlandfunk, die Radikalisierung der Studentenbewegung habe in diesem Beitrag nur ganz kurz angeschnitten werden können und in der Kürze der Zeit sei es nicht möglich gewesen, Kurras' Hintergrund „erklären und einordnen“ zu können. Warum man dort nicht auf den Gedanken kam, den Polizisten dann ebenso wegzulassen wie den Stasi-Spion, erklärt sich durch diese Antwort nicht. So wären die Deutschlandfunker darum herum gekommen, wieder einmal nur die halbe Wahrheit zu erzählen.
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