Die dreiteilige ARD-Doku „Ernstfall – Regieren am Limit“ ist eher eine Huldigung als eine kritische Analyse und lässt abermals Zweifel an der Neutralität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufkommen.
Der preisgekrönte Filmemacher und Autor Stephan Lamby entführt uns mit einer 95-minütigen, dreiteiligen Doku-Serie hinter die Kulissen der Macht. Knapp zwei Jahre lang durfte er die frisch gebackene Ampelregierung mit seinen Kameras begleiten. Bereits der Trailer zu „Ernstfall – Regieren am Limit“ lässt nichts Gutes erahnen. Scholz, Habeck, Baerbock und Co werden darin inszeniert wie Superhelden, die nicht lange fackeln und bereit sind, dem Bösen furchtlos die Stirn zu bieten.
Die heroischen Bilder werden von markigen Sprüchen begleitet: „Immer wieder steht die Zukunft Deutschlands auf dem Spiel“ oder „Zwei Jahre im Auge des Sturms“. Sicherlich ist es nur Zufall, dass der 87-Sekunden-Clip den Klimawandel, den russischen Angriffskrieg und rechten Hass als die ultimativen Endgegner präsentiert.
Bereits in den einleitenden Szenen der ersten Folge wird deutlich: Wir sind Zeugen eines dramatischen, wichtigen Stücks Zeitgeschichte. Kaum sind 32 Sekunden verstrichen, hören wir die unverwechselbare Stimme von Wirtschaftsminister Robert Habeck, der mit einer Stärke spricht, die geradezu elektrisierend wirkt: „Das war eine wilde Entschlossenheit, jetzt den Aufbruch auch zu organisieren.“ Seine Willenskraft strahlt so intensiv aus dem Bildschirm, dass sie nahezu greifbar erscheint. Ich möchte nicht lügen: Obwohl ich hetero bin, spüre ich eine sexuelle Anziehung.
Robert Habeck
Subtil wie Riefenstahl
In seiner Dauerwerbesendung präsentiert Stephan Lamby unsere Regierung als Gruppe altruistischer Freiheitskämpfer, die sich unerschrocken den gefährlichsten Krisen stellen, mit denen unser Land jemals konfrontiert wurde. Ursprünglich hatte die Ampel geplant, Deutschland zur unangefochtenen Wohlstands- und Machtzentrale der Welt zu erheben. Doch dieser edle Vorsatz wurde abrupt durch äußere Einflüsse, verkörpert durch Russland, vereitelt. Kurz: Deutschland ist im Eimer, weil Putin.
Nicht nur die politischen Entscheidungsträger zeigen sich in der Doku als Streiter gegen das Böse; auch die Letzte Generation opfert sich auf, um die Welt zu retten. „Also, ich hab vor dem moralischen Impetus der jungen Leute hohen Respekt“, äußert sich Robert Habeck mit sichtlicher Ehrerbietung. Sowohl die Klimakleber als auch die Politiker der Ampelkoalition eint der unbedingte Wille, für das Gute einzutreten – selbst wenn sie dafür unangenehme Konsequenzen in Kauf nehmen müssen.
Ich fühle mich schäbig. Während diese Helden ihr Leben für uns aufs Spiel setzen, liege ich in der stabilen Seitenlage auf meiner Couch, und verdrücke ein halbes Kilo Erdnussflips.
(Unruhige, ernste Musik)
Ich schaue die Doku mit Untertiteln und bemerke, dass in regelmäßigen Abständen die Zeile „(Unruhige, ernste Musik)“ eingeblendet wird. Schließlich haben auch Gehörlose ein Recht darauf zu erfahren, wie dramatisch und bedeutsam dieses filmische Zeitdokument ist. „Das sind Entscheidungen von großem Gewicht, die getroffen werden müssen. Schwere Entscheidungen“, sagt Finanzminister Lindner. Er ist nur eine Nebenfigur in der Habeck-Scholz-Baerbock-Show und das ist die einzig ehrliche Botschaft in diesem schamlosen Anbiederungsmarathon.
Apropos: Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat in der ersten Episode ebenfalls einen Gastauftritt. Er versucht sich, als vernunftbegabtes Wesen zu tarnen und kritisiert gleichzeitig die FDP für ihren vorschnellen Wunsch, die Coronamaßnahmen zu beenden.

Außenministerin Annalena Baerbock
Als sich Folge 1 ihrem Ende zuneigt, erleben wir unsere Außenministerin in einer kargen Landschaft irgendwo im Niger. „Hier zu erleben, was Klimakrise bedeutet, dass es nur noch Staub und Stein am Ende gibt, ja, das ist sehr eindrücklich“, erklärt sie. Habeck rundet die erste Episode perfekt ab: „Also, die Entscheidungen, die ich jetzt treffe, beträfen, wenn sie falsch wären, jetzt gleich ganz Deutschland. Also insofern ist die Verantwortung schon deutlich hoch.“
Ich empfinde großes Mitleid für Robert. Hätte ihm doch nur jemand vor seinem Amtsantritt verraten, dass das Amt des Wirtschaftsministers auch Verantwortung mit sich bringt. Ich muss weinen, doch dann fügt Robert mutig hinzu: „Aber ich begreife das nicht als Last. Sondern als Privileg. Oder fast als Ehre, in einer Zeit wie dieser die Verantwortung tragen zu dürfen.“ Ich springe auf, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und applaudiere.
Propaganda vom Feinsten
Natürlich sind auch die zweite und dritte Episode eine schamlose Beweihräucherung, doch alles ist so packend und hochemotional inszeniert, dass man als Zuschauer einfach mitgerissen wird. Angesichts der Tatkraft, mit der sich Robert Habeck, Olaf Scholz und Annalena Baerbock den größten Problemen unserer Zeit stellen, würde ich am liebsten das Fenster weit aufreißen, um die deutsche Nationalhymne mit voller Inbrunst in die Weiten des Universums hinauszuschmettern! Zu Beginn war ich skeptisch, aber jetzt bin ich ein großer Fan.

Bundeskanzler Olaf Scholz in der Regierungsmaschine
Nun gut, einige der kleinen Wehwehchen, mit denen unser Land zu kämpfen hat, werden in der Doku-Serie gekonnt ignoriert. Die steigende Kriminalität, die gescheiterte Flüchtlingspolitik, die Wirtschaftskrise, der sinkende Wohlstand und die Verarmung der Bürger – solche Bagatellen eben. Dass immer mehr Bürger Pfandflaschen sammeln müssen, um ihre Stromrechnung zu bezahlen, hat in der sorgfältig kuratierten Darstellung des regierungstreuen Dokumentarfilmers keinen Platz.
Ich kann diese künstlerische Entscheidung aber nachvollziehen. Es wäre egoistisch, sich auf den Frust der Bevölkerung zu fokussieren, wenn es doch weitaus wichtigere Probleme auf der Welt gibt. Solange Putin noch atmet, deutsche Autos den Planeten verpesten und Nazis wie Sahra Wagenknecht die Demokratie gefährden, muss ich als Bürger meine Bedürfnisse hinten anstellen. Außerdem möchte ich Stephan Lamby für den deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Comedy-Serie“ nominieren.
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