Heute, 18.01 Uhr, Showdown um die Meinungsfreiheit. Eine erste Prognose für nach der ersten Prognose
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Ein Erkältungsvirus ist die Pest, kriminelle Migranten sind Schutzsuchende, Kritiker sind Hetzer, Zweifler sind Leugner, experimentelle Impfstoffe sind sicher, warmes Wetter ist eine Katastrophe, Schulden sind Sondervermögen, Penis- und Bartträger sind Frauen und Blaubeeren sind nicht blau.
Wenn Sie das schon für irre halten, dann haben Sie heute, Sonntagabend, 18.01 Uhr noch nicht erlebt!
18.00 Uhr. Die Prognose! Erst für Thüringen, dann für Sachsen. Lange blaue und schwarze Balken, sehr kurze rote und grüne Balken, kein gelber, nirgends, Gewinn- und Verlustrechnungen. Jörg Schönenborn präsentiert die Zahlen mit Bestattermiene in der ARD. Die erste Einschätzung um 18.01 Uhr: Es ist fünf vor zwölf, mal wieder. Die Rechtspopulisten haben gewaltig zugelegt, aber der Abend wird noch lang, es bleibt spannend.
18.03 Uhr: Schalte zur Grünen-Wahlparty, auf der eine Stimmung herrscht wie bei der 6. Armee in Stalingrad im Dezember 1942. Es heißt, Tina Hassel habe noch während der Prognose, als der Balken der Grünen bei 4,9 Prozent stehenblieb, einen Schwächeanfall erlitten und das Bewusstsein verloren. Rettungskräfte sind vor Ort.

Lange grüne Gesichter nach der Europawahl. Im Osten könnten sie noch länger werden.
18.09 Uhr: Im ZDF werden die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen präsentiert. Eine erste Einschätzung des Moderators geht dahin, dass es jetzt unumgänglich sei, Björn Höcke die Bürgerrechte zu entziehen und die AfD als Ganze zu verbieten. „Das Problem ist die Meinungsfreiheit“, sagt ein Experte. Hass & Hetze sowie Fakenews gerade in den sozialen Netzwerken trügen dazu bei, dass sich die Menschen Parteien zuwenden, die „einfache Lösungen“ anbieten. Der vorbildliche Demokrat Lula in Brasilien habe aber eben gezeigt, dass man der schädlichen Meinungsfreiheit auch für Miesmacher einen Riegel vorschieben könne, indem man gefährliche Plattformen wie X sperre. Die Menschen dort könnten voll darauf vertrauen, dass der Präsident nur ihr Wohl im Sinne habe. „Ganz wie bei uns“, bekräftigt der Experte.
Grüne stärker als 1985 in Bad Oeynhausen
18.17 Uhr: Eine erste Einschätzung aus dem ARD-Hauptstadtstudio. 4,9 Prozent für die Grünen in Thüringen und Sachsen, damit kann die Partei nicht zufrieden sein, heißt es. Es bleibe jedoch festzuhalten: „Im Vergleich zu den NRW-Landtagswahlen am 12. Mai 1985 in Bad Oeynhausen Stadt, wo sie nur 4,4 Prozent holten, ist das eine Steigerung von 0,5 Prozentpunkten“, die Grünen könnten sich insofern durchaus auch als Wahlsieger fühlen. Die AfD habe hingegen ihr Wahlziel klar verfehlt, sei deutlich unter 50 Prozent geblieben.
18.32 Uhr: Die ersten Hochrechnungen bestätigen die Prognose. Grüne nunmehr bei 4,8 Prozent, im ZDF gar nur bei 4,7. Robert Habeck soll Gerüchten zufolge auf die Hallig Hooge geflüchtet sein, ist nicht zu erreichen.
18.41 Uhr: Aus der FDP-Parteizentrale heißt es, das unter „Sonstige“ verbuchte Abschneiden der Liberalen ändere nichts daran, dass man in der Ampel-Koalition „solide Arbeit“ leiste. Das Ergebnis werde man in den nächsten Tagen in den Gremien besprechen.
18.50 Uhr: „Wir sehen jetzt, was passiert, wenn Bürgerinnen und Bürger sich auf unseriöse Quellen verlassen,“ meint ein Politikwissenschaftler von der Erich-Honecker-Universität. „Im Hinblick auf die Landtagswahlen in Brandenburg, erst recht aber auf die Bundestagswahlen im kommenden Jahr, müssen wir dringend über ein Verbot der sogenannten freien Medien sprechen. Es kann nicht sein, dass unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit Kritik an der Regierung geübt wird, zuweilen auch noch scharfe.“

Erich Honecker – hier als bei Madame Tussauds Berlin – würde bei all den Versuchen in der Bundesrepublik, die Meinungsfreiheit einzuschränken, geradezu dahinschmelzen.
18.58 Uhr: Katrin Göring-Eckardt am Mikrofon: „Wir hätten uns ein anderes Ergebnis gewünscht, ganz klar. Aber das Wichtigste ist jetzt, dass die Nazis von der Macht ferngehalten werden.“ CDU, Linke und das Bündnis Sahra Wagenknecht hätten viele Gemeinsamkeiten. Welche? KGE: „Sie wollen die AfD verhindern. Und natürlich … äh … na ja, also … na … also …“
Tina Hassel wiederbelebt
19.01 Uhr: Das Gespräch wird unterbrochen für eine Eilmeldung: Das Recherchenetzwerk Correctiv war wieder investigativ unterwegs. Dpa meldet, dass David Schraven eine neue Enthüllungsstory über die Nazi-Verbindungen Höckes veröffentlicht: „Der Schwippschwager von Höckes Friseur war vor fünf Jahren auf einem Stadtfest, bei dem er ein Bier an einem Stand trank, dessen Betreiber der Bruder eines Kfz-Mechatronikers aus Bad Langensalza ist, dessen ostpreußische Großmutter einen Lieblingsonkel hatte, der schon 1930 in die NSDAP eingetreten sein soll.“ Die Kommentatoren sind sich einige, dass dieser neuerliche Skandal zum Anlass für Massendemonstrationen gegen Rechts und ein beschleunigtes Parteiverbotsverfahren genommen werden sollte.
19.04 Uhr: Gute Nachrichten aus Erfurt: Tina Hassel hat vor einer Dreiviertelstunde durch einen Kuss von Robert Habeck reanimiert werden können. Seither hat sie sich im Damen-WC eingeschlossen und weint vor Glück. Von Habecks Flucht auf die Hallig weiß sie allerdings noch nichts.
19.12 Uhr: Am ZDF-Stehtisch sagt Kevin Kühnert: „Die Brandmauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben …“

Wie Kevin Kühnert auf die Wahlergebnisse seiner SPD schauen dürfte.
19.33 Uhr: Annalena Baerbock wird aus Feuerland zugeschaltet. Sie zeigt sich entsetzt über den Wahlerfolg der „Popolisten und Putenknechte“. Diese hätten mit „Hassel und Hetze“ das Klima vergiftet. Eine technische Störung beendet das Interview abrupt.
20.00 Uhr: In der Tagesschau wird die zweite Hochrechnung präsentiert. Noch immer liegen die Ampel-Parteien unter der 5-Prozent-Hürde. „Wir werden darüber diskutieren müssen, diese überholte Regelung zügig abzuschaffen“, sagt Ricarda Lang. Petra Pau pflichtet ihr mit brüchiger Stimme bei: „Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß, diese wichtigen Stimmen unter den Tisch fallen zu lassen.“ Die restlichen Nachrichten: Klimakatastrophe unvermeidlich, Trump schlimm, Wetterkarte bei 23 Grad tiefrot eingefärbt.
„Wahl rückgängig machen“
20.15 Uhr: „Tatort“! Ein Flüchtling wird des Mordes verdächtigt, beteuert jedoch seine Unschuld. Erst um 21.40 Uhr wird klar, dass ein alter weißer Fleischfabrikant, der einen Verbrenner fährt und mutmaßlich Rechtspopulisten wählt, der wahre Täter ist.
21.55 Uhr: Kurzes tagesthemen extra, dann Caren Miosga. Thomas de Maizière und Robin Alexander sind kurzfristig ausgeladen und durch Saskia Esken, Ulrike Herrmann und den Deutsch-Irokesen Sascha Lobo ersetzt worden. Die Runde ist sich einig, dass Wahlen nicht mehr zeitgemäß sind. „In Thüringen ging es doch auch drei Jahre ohne!“, ruft Saskia Esken. „Und vorher wurde eine Wahl rückgängig gemacht, die nur geschadet hätte. Das zeigt: Es geht, wenn man nur will.“
Ulrike Herrmann sekundiert: „Parlamente, also die sind von gestern. Wir müssen ein System hinbekommen, in dem Bürgerräte bestimmen. Deren Mitglieder*innen werden repräsentativ ausgewählt, zum Beispiel beim Workshop Vulvenmalen auf dem Evangelischen Kirchentag oder auf einer Demo gegen Rechts oder beim Al-Quds-Tag in Berlin oder beim 1. Mai in Kreuzberg, dann ist die breite Mitte der Gesellschaft vertreten. Da kommen wir einfach nicht drumherum.“
Fakenews von Heterosexualität als Norm verbieten
23.05 Uhr: Tagesthemen. Den Kommentar spricht Monitor-Chef Georg Restle: „Die größte Gefahr für unsere Demokratie sind die Fakenews, die im Internet verbreitet werden. Krude Thesen wie die, dass nur Frauen Kinder gebären können, was längst von der Wissenschaft widerlegt ist, dass Heterosexualität die Regel sei, Meinungsfreiheit essenziell für die Demokratie sein soll.“ Es käme jetzt darauf an, dass man mit allen Mitteln den Rechtspopulismus bekämpfe. „Und hier kann gar nicht hart genug vorgegangen werden. Nancy Faeser ist gefordert, und sie muss jetzt liefern. Es reicht einfach nicht, eine Redaktion zum Verein zu erklären und zu verbieten. Da müssen die Rädelsführer, diese schäbigen Lumpen, notfalls auch mal in ein Lager in der Uckermark verbracht werden, wo sie dann in Zimmer 101 lernen, dass vier Finger auch fünf bedeuten können und wie eine vielfältige Gesellschaft auszusehen hat.“

Das Ergebnis der Ost-Wahlen gibt Georg den Restle.
Juristische Bedenken hat Restle nicht: „Die Gerichte werden sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein. Sollte die Justiz versagen, wird es Mittel und Wege geben, die hinderliche Gewaltenteilung abzuschaffen. Um die Demokratie zu retten, müssen wir auch über Ermächtigungsgesetze und Parteiverbote reden.“
23.54 Uhr: Oliver Welke kichert. Er hat schon Ideen für die nächste heute-show, wird eine Blondine als Alice Weidel mit Hitlerbärtchen auftreten lassen und Björn Höcke „Bernd“ nennen. Hihi. Beim Spiegel hat man schon ein neues Cover kreiert: Hakenkreuzflaggen vor der Staatskanzlei in Erfurt. Höhö. Und Ralf Stegner, schon im Schlafanzug, komponiert seinen Tweet für den Montagmorgen: „Guten Morgen aus Bordesholm! Mein Musiktipp für euch da draußen im digitalen Orbit: ‚Sag mir, wo du stehst‘.“
0.02 Uhr: Robert Habeck meldet sich mit einer Videobotschaft von der Hallig Hooge: „Ich sach mal, klar, das ist erstmal ‘n Rückschlag, so wie es aussieht, jedenfalls vordergründig, aber es ist ja jetzt auch nicht so, dass wir da jetzt irgendwie in Sack und Asche gehen müssten … Wir haben auch das Wahlziel nicht verfehlt, wir sind eben nur nicht in den Landtagen von Dresden und Erfurt vertreten in den nächsten vier Jahren, ist, ja, wie soll ich sagen, auch kein Beinbruch, ‘ne.“
0.23 Uhr: EIL +++ EIL +++ EIL: Mario Voigt bietet Sahra Wagenknecht und Bodo Ramelow Sondierungsgespräche bei Gehacktesbrötchen an.
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