Kultur-Chefin der FAS verbreitet Fehlinformation: Präsident oder Ministerpräsident? Hauptsache, Netanjahu ist böse!
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Leicht könnte man die in winzigen Lettern geschriebene Anmerkung unter dem Text übersehen: „In einer vorherigen Fassung lag eine Verwechslung mit der Residenz Netanjahus vor, wir haben dies korrigiert.“
Doch der Hinweis hat es in sich. Denn es handelt sich um einen Text der Feuilleton-Chefin der renommierten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), Julia Encke. Und der Fehler, den sie sich geleistet hat, ist alles andere als geringfügig.
Am gestrigen Sonntag erschien in der gedruckten FAS ein Text mit dem Titel „Ist da jemand?“. Online war der Text zwei Tage zuvor veröffentlicht worden. Encke berichtet darin von einer Protestaktion der Schriftstellerin Zeruya Shalev, die sich zwölf Stunden lang vor die Residenz des israelischen Präsidenten gestellt hatte. Shalev wollte den Präsidenten dazu bewegen, aus seinem Haus zu kommen, um ihn im persönlichen Gespräch davon zu überzeugen, dass er sich für einen Geiseldeal einsetzt.

Der Text in der gedruckten Ausgabe der FAS.
Der israelische Präsident heißt Jitzchak Herzog. Encke aber schreibt über den „israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu“. Netanjahu ist jedoch der Ministerpräsident, also der Regierungschef.
Einige Absätze später nennt Encke den Präsidenten zwar beim korrekten Namen:
„Präsident Isaac Herzog habe sie (Zeruya Shalev; Anm. d. Red.) schon zweimal getroffen, das sei im Zusammenhang mit ihren Büchern gewesen; von seiner Frau wisse sie, dass sie diese gelesen habe. Die Möglichkeit, dass Herzog herauskommen und mit ihr reden würde, wollte sie deshalb nicht ausschließen“.
Doch auch das Editorial zum Literatur-Newsletter, das Encke am 6. September publizierte, legt nahe, dass sie Netanjahu für den Präsidenten hält. Encke schreibt dort:
„Hinweisen möchte ich Sie auch noch auf die Protestaktion der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev, die jetzt am Mittwoch nach Jerusalem fuhr, um zwölf Stunden lang vor der Residenz des israelischen Präsidenten zu protestieren. Zeruya Shalev gehört schon lange zu den scharfen Kritikerinnen Netanyahus, nennt sein Verhalten ‚verbrecherisch‘, die Regierung ‚faschistisch‘. Sie müsse, sagte sie mir in einem Zoom-Gespräch, auf der anderen Seite aber auch sagen, dass sie den Präsidenten in der Vergangenheit schon zweimal getroffen habe, das sei im Zusammenhang mit ihren Büchern gewesen; von seiner Frau wisse sie, dass sie diese gelesen habe. Die Möglichkeit, dass er herauskommen und mit ihr reden würde, wollte sie deshalb nicht ausschließen.“
Keine Erwähnung des Namens Herzog, stattdessen erscheint es in der Passage so, als habe Netanjahus Frau die Bücher von Shalev gelesen.

Julia Encke mit Schriftsteller Klaus Theweleit bei einer Veranstaltung in der Volksbühne in Berlin im Jahr 2020.
Nachträgliche Änderungen
In der Online-Version des Berichts über den Protest, in der sich die nachträgliche Anmerkung befindet, ist die Bezeichnung von Netanjahu als „israelischer Präsident“ korrigiert, auch eine andere Passage wurde geändert, in der ebenfalls der Eindruck entsteht, Netanjahu sei Präsident.
Im Original hieß darin es über Netanjahu, der selbst Angst habe:
„Deshalb mache er weiter. Deshalb verbarrikadiere auch er sich. Im Grunde genommen hätten sie im Moment gar keinen Präsidenten mehr, fügt die Schriftstellerin im Gespräch nach ihrer Aktion in Jerusalem hinzu.“
Online wurde der Abschnitt um einen Satz ergänzt, aus „Präsident“ wurde „Ministerpräsident“:
„Deshalb mache er weiter. Deshalb verbarrikadiere er sich. Und wie Netanyahu verschanzt sich auch der Präsident. Im Grunde genommen hätten sie im Moment gar keinen Ministerpräsidenten mehr, fügt die Schriftstellerin im Gespräch nach ihrer Aktion in Jerusalem hinzu.“
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Am Ende des Textes suggeriert Encke erneut, dass Netanjahu der Präsident sei. Sie schreibt über Shalevs Protestaktion vor dem Haus des Präsidenten:
„Zugleich sei aber auch ein Moment der Drohung beabsichtigt gewesen: ‚Wenn du nicht rauskommst, wird das Volk irgendwann so wütend sein, dass du das Haus tatsächlich nicht mehr verlassen kannst.‘ Wann ist Netanjahu am Ende, fragen sich nicht nur in Israel viele. Man könnte so weit gehen, Zeruya Shalevs Protestaktion als symbolischen Versuch zu interpretieren, seiner Amtszeit ein Ende zu machen.“
Die Haltung stimmt
Die Behauptung der FAS, es habe eine „Verwechslung mit der Residenz Netanjahus“ vorgelegen, ist nicht ganz korrekt: Tatsächlich scheint Encke zwei der wichtigsten Politiker Israels zu verwechseln. Der Text steht damit sinnbildlich für die Israel-Berichterstattung vieler, insbesondere links geprägter Medien: Statt objektiv zu berichten, werden Informationen der Terrororganisation Hamas gleich gewichtet wie Informationen, die vom Militär oder der Regierung Israels, des einzigen demokratischen Staates in der Region, stammen. In Bezug auf Israel gilt umso mehr, was auch sonst in linksliberalen Medien – und zu diesen muss man die FAS mittlerweile zählen – die Losung ist: Wen interessieren schon Fakten, solange die Haltung stimmt!
Und so nutzt Encke Shalevs Protest weniger dazu, um das Geschehen akkurat zu abzubilden, sondern vielmehr dafür, um den verhassten Netanjahu als „faschistisch“ bezeichnen zu können – natürlich mittels eines Zitats von Shalev.
Regierungsnahes Feuilleton
Früheren Generationen von Feuilletonisten hätte ein Text wie der von Encke freilich Bauchschmerzen bereitet. So wurde der legendäre Fritz J. Raddatz 1985 als Feuilletonchef der ZEIT entlassen, nachdem er behauptet hatte, zu Goethes Lebzeiten habe es bereits Eisenbahnen gegeben. Raddatz war auf eine Parodie der „Neuen Zürcher Zeitung“ hereingefallen.

Der mittlerweile verstorbene Journalist und Autor Fritz J. Raddatz bei einem Gespräch in Hamburg 2010.
Mit einer Kündigung wird Encke wohl nicht rechnen müssen. Denn sie steht als Journalistin für genau jene Mischung aus Regierungsnähe und Hybris, die das Selbstverständnis vieler jener Zeitungen ausmacht, die sich heute als „Qualitätsmedien“ feiern und vor kritischeren Publikationen warnen.
So verweist Encke in ihrem Literatur-Newsletter auch auf einen FAS-Gastbeitrag des Autors Helge Malchow, in dem dieser über die Aktualität von Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ schreibt – ein Roman, in dem die Praktiken der Boulevardpresse kritisiert werden und der als literarisches Manifest gegen die Bild-Zeitung gilt.
Malchow schreibt in seinem FAS-Artikel: „Heinrich Bölls Schilderung der damaligen Machtverhältnisse, des verdeckten Zusammenspiels von wirtschaftlichen und politischen Eliten, von Medienhäusern, Justiz- und Polizeiapparat bleibt leider aktuell“, und meint damit, wie sollte es anders sein, Debatten um Gender und Metoo.
Doch wenn es um das verdeckte Zusammenspiel von politischen Eliten und Medienhäusern geht, müsste sich Encke eigentlich direkt angesprochen fühlen: Sie trägt mit ihren Texten seit Jahren dazu bei, Debatten einzuengen, statt sie zu weiten, und klingt dabei nicht selten wie eine Sprecherin der Regierung. Ende 2021, mitten in der Pandemie, philosophierte sie beispielsweise über Freiheit und holte in einem Rundumschlag gegen Querdenker, die liberalen Journalisten der WELT sowie gegen die Philosophen Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler aus: Diese streuten „mit raffinierter Beiläufigkeit über berechtigte Kritik hinaus aber zugleich grundsätzliche Zweifel an staatlichen Institutionen und beschädigen den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Von einer Freiheit, die sich am Kollektiv orientiert und auf Solidarität abzielt, ist man hier weit entfernt“.
Ein Journalismus, der darüber urteilen will, welche Regierungskritik berechtigt ist, und alles andere in Verfassungsschutz-Manier als staatsdelegitimierend brandmarkt – solch ein Journalismus steigt wohl nicht mehr in die Niederungen des Politikalltags, in dem ein Präsident etwas anderes ist als ein Ministerpräsident.
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