„Ostdeutsche haben Angst vor der Digitalisierung“: Wie ein „Experte“ im ZDF an der Realität vorbeiredet
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Im heute-journal zeigt ein Historiker wieder einmal, wie weit sich die veröffentlichte Meinung von der Realität im Land entfernt hat. Die Sorgen der Menschen werden mit absurden Thesen einfach wegerklärt.
Wenn es gilt, dem Leser, Zuhörer oder Zuschauer die eigene Meinung unterzujubeln, zitiert der Haltungsjournalist gern anonyme Gewährsleute: „Beobachter sagen ...“. Zuweilen müssen jedoch echte Menschen aus Fleisch und Blut und vor allem mit derselben Haltung ran. Wenn es darum geht, Israel und Amerika die Schuld am Nahostkonflikt zuzuschieben, fragen deutsche Medien gern den Lobbyisten und Antiwestler Michael Lüders, soll die drastisch angestiegene Kriminalität schöngeredet werden, kommt unweigerlich der Kriminologe Christian Pfeiffer ins Spiel. Der ist zwar schon 80, und gewiss ließen sich hunderte andere Vertreter seiner Berufssparte finden, aber bei Pfeiffer weiß man, was man bekommt: den Hinweis auf die schwere Kindheit oder den Unterprivilegierten-Status der Täter.
Derzeit treibt den Haltungsjournalismus vor allem die Furcht um, Donald Trump könnte die US-Wahlen im November gewinnen. Noch aktueller scheint das absehbare Desaster der Ampel-Parteien bei den drei Landtagswahlen im September. Die Ossis wollen nicht auf uns hören und wählen, wen sie wollen! Wie kann das sein?
Da man lieber über die Ossis spricht als mit ihnen, redet Marietta Slomka im heute-journal mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Der ist zwar auch in der DDR aufgewachsen, bringt aber garantiert die richtige Gesinnung mit.
Wer falsch wählt, sehnt die „starke Hand“ herbei
Qualifiziert hat sich Kowalczuk mutmaßlich durch ein Interview, das er kürzlich der taz gab („Wer Nazis wählt, ist ein Nazi“). Weil zwei Drittel der Ostdeutschen meinen, Migranten kämen nach Deutschland, um Sozialleistungen abzugreifen, sieht der Historiker „Rassismus“. Das sei ein „vollkommen verqueres Weltbild, das nichts mit der Realität zu tun hat“, aber eine Erklärung dafür, warum sonst es hauptsächlich junge Habenichtse ausgerechnet in das angeblich von Nazis wimmelnde Deutschland ziehen sollte und nicht in andere Länder, hat er nicht.

Erklärbär in Sachen Ossi-Wahlverhalten: der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk.
Vielmehr sucht er die Erklärung für das Wahlverhalten frustrierter Bürger in Sachsen, Thüringen und Brandenburg darin, dass diese sich nach einem System der „starken Hand“ sehnten. Moment ... Wer hat neulich noch von einem „starken Staat“ gesprochen, mit dem es renitente Bürger zu tun bekommen müssten? Richtig: Innenministerin Nancy Faeser. Der Gedanke liegt nahe, dass Wähler der AfD (von Kowalczuk „Faschisten“ genannt) eher keine Bekanntschaft mit der „starken Hand“ Faesers machen wollen.
Für die Freiheit: „Impfpflicht gegen Corona“
Der Historiker behauptet trotzdem, dass die AfD die Freiheit angreifen wolle. Wir brauchen, wie er sagt, „einen öffentlichen Freiheitsdiskurs – das Bekenntnis zur Freiheit als Ausgangspunkt.“ Was er selbst unter Freiheit versteht, teilte er im November 2021 bei Twitter mit: „Freiheit bedeutet auch Verantwortungsübernahme … Eine irre Minderheit bedroht die Mehrheit. Daher jetzt: Impfpflicht gegen Corona.“

Nicht die Politik soll versagt haben, sondern der Wähler
Marietta Slomka kann sich also sicher sein, dass Kowalczuk als Erklärbär mit den Ossis abrechnen wird. Gerade er als gebürtiger Ostdeutscher muss aufpassen, was die Landsleute heute so denken, 35 Jahre nachdem die DDR kollabierte: „Das, was wir beobachten bei den Ostdeutschen …“ Schon im Einspieler vor dem Interview kam der Historiker zu Wort. Kohl habe den Menschen versprochen, es werde ihnen so gut gehen wie denen im Westen des Landes, das sei eine „paternalistische Staatsvorstellung“. Und: „Demokratie und Freiheit wurden an Wohlstandsversprechen gekoppelt. Fatal. Beides fatal.“ Dass freie Marktwirtschaft und Demokratie einander bedingen und dass Diktaturen immer auch auf Kosten des Wohlstands gehen – egal.
Im Interview selbst wird es dann richtig schräg. Das, was die Wähler wirklich umtreibt, nämlich die mutwillig herbeigeführte Verschlechterung ihrer Lebensumstände, Inflation, Wohnungsnot, steigende Migrantenkriminalität oder als Staatsfeind diffamiert zu werden, sobald man Kritik an der Regierung äußert – für Ilko-Sascha Kowalczuk alles kein Thema. Die Politik hat offenbar alles richtig gemacht, das Problem steht in der Wahlkabine.
Die Mehrheit der Ossis will nur „Persil und Mercedes“
Die Affinität vieler AfD- und BSW-Wähler zu Putins Russland erklärt er mit „staatsautoritären Vorstellungen“, die in Ostdeutschland weit verbreitet seien. Der Ruf nach einem starken Staat sei seit 1990 nie wirklich abgerissen. Nicht jeder, der die DDR erlebte, habe sie als Diktatur wahrgenommen, nur eine Minderheit habe die Freiheitsrevolution gemacht, die Mehrheit dürstete nur „nach Persil und Mercedes“.

Eine Wandmalerei erinnert an die friedliche Revolution 1989: Laut Kowalczuk gierten die Leute nur nach Wohlstand.
Alles in allem macht Kowalczuk zwei Gründe dafür aus, dass Ostdeutsche „Faschisten und Kommunisten“ wählen: Es gebe eine „Transformationsmüdigkeit, hervorgerufen aus den 1990er und Nullerjahren, die jetzt überlagert wird von einer neuen Transformation“ – nämlich der „digitalen Revolution“, von der niemand wisse, worauf sie hinauslaufe. Und aus lauter Angst vor dem Neuen sehnten sich die Leute nach der Vergangenheit. Dieses Gefühl würden AfD, das Bündnis Sahra Wagenknecht, aber auch Trump und Le Pen bedienen.
Nur dass es eben nicht die Digitalisierung, sondern die zunehmende Unsicherheit im öffentlichen Raum ist, vor der sich die Menschen ängstigen. Und sich kaum jemand nach der DDR zurücksehen dürfte – außer Frau Wagenknecht, die noch im Frühsommer 1989 in die SED eintrat, und vielleicht Saskia Esken und Genossen.
Vielmehr haben die Menschen kein Bedürfnis nach Massenmigration in die Sozialsysteme, das tägliche Aushandeln des Zusammenlebens, sinkenden Lebensstandard, Deindustrialisierung, staatliche Bevormundung und allgemein jeglicher vernunftwidrigen, ideologiegesteuerten Politik. Aber das sind alles Themen, die Marietta Slomka mit Ilko-Sascha Kowalczuk nicht besprochen hat, weil das heute-journal-Studio in einem ganz anderen Kosmos beheimatet ist.
Er hat das gesagt, was man dort hören will – vielen Dank für das Gespräch!
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