„Wenn Sie mögen, sagen Sie uns Bescheid“: Die verräterische ARD-Mail an alle „Die 100“-Teilnehmer
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Die ARD-Show „Die 100“ hat seit der Ausstrahlung am Montagabend für Wirbel gesorgt. Die 100 Teilnehmer der Sendung sollten über die Frage abstimmen: „Ist die AfD eigentlich ein Problem?“ Nun liegt NIUS exklusiv eine Mail der ARD vor, die weitere Zweifel an den Methoden des Senders aufkommen lässt.
Im Zentrum der Kritik stand nicht nur das manipulative Framing, das die AfD mit unlauteren Mitteln in ein schlechtes Licht rückte, sondern auch die Auswahl der Teilnehmer. So stellte sich heraus, dass mindestens vier der Teilnehmer als professionelle Schauspieler oder Laiendarsteller tätig sind. Zwei von ihnen sind über dieselbe Jobbörse, Stagepool, buchbar. Eine dritte trug in der Show die gleiche Kleidung wie auf ihrer Sedcard. Einer der Laiendarsteller, Michael Schleiermacher, vollzog innerhalb der Sendung zudem eine Wandlung vom AfD-Unterstützer zum Mahner, der die Partei zum Ende der Show als „Wolf im Schafspelz“ bezeichnete. Eine Botschaft, die der ARD und dem für die Show verantwortlichen NDR gefallen haben dürfte, zumal Brandenburg am Sonntag seinen Landtag wählt und die AfD dort in Umfragen vorne liegt.

Eigentlich wollte die ARD in der Show gewöhnliche Bürger zeigen.
„Wenn Sie mögen, sagen Sie uns Bescheid“
Weniger gut gefallen hat dem Sender offenbar die Kritik an seiner Show. So liegt NIUS eine Mail vor, die der Sender an alle Teilnehmer schickte, nachdem in den Medien Zweifel an der Show aufgekommen waren. Darin heißt es:
„Noch mal vielen Dank, dass Sie in der Sendung teilgenommen haben. Wir fanden das Ergebnis toll. Sie haben genau so frei, persönlich und ehrlich in der Sendung gesprochen, wie ich mir das ja auch in der Voransprache an Sie vor der Sendung gewünscht habe.
Derzeit werden unwahre Behauptungen aufgestellt, wir hätten Komparsen eingesetzt. Das stimmt nicht, wie jeder einzelne für sich von Ihnen bestätigen kann. Es ist nicht auszuschließen, dass Sie von Personen kontaktiert werden, die Sie fragen, ob Ihre Meinung gekauft wurde etc. Sie brauchen darauf nicht zu antworten, können Sie aber. Es steht Ihnen frei. Wenn Sie mögen, sagen Sie uns Bescheid.“

Ein Screenshot der Mail, die die Teilnehmer von der Redaktionsleitung erhielten.
Unterzeichnet hat die Mail Dominique Ziesemer, Redaktionsleiter von „Die 100“ und Redakteur beim NDR. Die Absicht dahinter lässt sich leicht erkennen: Offenbar wollte der Sender die Kontrolle darüber behalten, wie die Teilnehmer sich öffentlich über die Show äußern. Andernfalls wäre die Mail überflüssig gewesen. Dies lässt sich an der Widersprüchlichkeit in nahezu jedem Satz der Mail erkennen.
So schreibt der NDR über den Komparsen-Vorwurf: „Das stimmt nicht, wie jeder einzelne für sich von Ihnen bestätigen kann.“ Wenn der NDR tatsächlich darauf vertrauen würde, dass jeder Einzelne dies bestätigen könnte, müsste er keine solche Mail schreiben. Ziel scheint zu sein, den Teilnehmern durch den Verweis auf sich selbst („... jeder einzelne für sich ...“) auch die Zweifel an den anderen Teilnehmern auszutreiben: Wenn Du selbst kein Komparse warst, so die Botschaft, dann beweist das, dass alle anderen auch keine Komparsen waren – eine Logik, die nicht schlüssig ist, aber psychologisch wirkmächtig.
Auch der Hinweis auf die Kontaktaufnahme Dritter („... von Personen kontaktiert werden, die Sie fragen, ob Ihre Meinung gekauft wurde ...“) ist eigentlich überflüssig: Denn es liegt auf der Hand, dass Teilnehmer auf Anfragen dritter Journalisten antworten können, aber nicht müssen. Der Satz „Es steht Ihnen frei“ stellt einen merkwürdigen Widerspruch dar: Wenn der NDR tatsächlich an einer freien Entscheidung der Teilnehmer interessiert wäre, ob diese auf externe Fragen zur Sendung eingehen möchten oder nicht, dann hätte er diese Entscheidung den Teilnehmern einfach selbst überlassen können.
Stattdessen aber versucht der Sender, möglichst genaue Informationen darüber zu erlangen, wie sich die Teilnehmer im Nachhinein öffentlich positionieren. Davon zeugt der Satz: „Wenn Sie mögen, sagen Sie uns Bescheid.“ Obwohl es den Sender überhaupt nichts angeht, wie Teilnehmer sich äußern, bringt er die Möglichkeit ins Spiel, dass man ihn kontaktieren kann – unter dem, aus juristischen Gründen, notwendigen Deckmantel der Freiwilligkeit.
„Offener Austausch wird torpediert“
Auch der weitere Wortlaut der Mail ist bemerkenswert:
„Wir als Redaktion finden es sehr schade, dass eine Sendung, die genau das nicht machen wollte, sich auf eine Seite schlagen etc., nun so im Kreuzfeuer steht. Offenbar wird der offene Austausch unter allen Meinungen, das Zuhören, vielleicht auch das Verstehen der anderen Seite offen torpediert von Kräften, die ihre Interessen haben. Es sollte das Selbstverständlichste der Welt sein in einem Land wie Deutschland, dass jeder Mensch seine Meinung ganz offen auch im Fernsehen sagen kann, ohne danach befürchten zu müssen, dafür angefeindet zu werden.“

Die zweite Hälfte der Mail.
Der Sender lässt hier den Eindruck aufkommen, als werde die Sendung für ihren Meinungspluralismus kritisiert. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Die Kritik entzündete sich daran, dass eine offene Debatte in der Show lediglich simuliert worden war, ein wirklicher Austausch von Argumenten aber nicht stattfand und stattdessen mit Manipulation und Irreführung die Teilnehmer gegen die AfD aufgebracht werden sollten.
Der NDR bestätigt die Mail auf Anfrage von NIUS: „Ja, die Redaktion sah sich dazu veranlasst, weil sie Rückmeldungen bekommen hatte, dass Teilnehmer und Teilnehmerinnen bedroht und/oder mehrfach mit anonymen Telefonnummern angerufen worden waren.“
Von Hilfe bei Bedrohungen ist in der Mail allerdings nichts zu lesen. Vielmehr liest sich die Mail so, als sollten nicht die Teilnehmer vor Bedrohungen, sondern NDR und ARD vor Kritik geschützt werden ...
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