Strategiepapier: Bundeswehr soll zur „stärksten konventionelle Armee Europas“ werden
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Deutschland gibt sich erstmals eine eigene Militärstrategie und formuliert damit einen weitreichenden Führungsanspruch für die Bundeswehr. Generalinspekteur Carsten Breuer hat das Grundsatzpapier im April 2026 unterzeichnet. Die Stoßrichtung ist eindeutig: Die Bundeswehr soll nach dem Willen der Führung „die stärkste konventionelle Armee Europas“ werden.
Nach Darstellung des Verteidigungsministeriums beschreibt das Dokument, „wie die Bundeswehr im Bündnis auf Bedrohungen reagiert – also auch, wie sie kämpfen wird, wenn sie kämpfen muss“. Darauf aufbauend sei aus dem bisherigen Fähigkeitsprofil nun ein „Plan für die Streitkräfte“ geworden. Beide Papiere zusammen bildeten eine „Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung“.

Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr
Schwerpunkt: Russland
Die Bundesregierung begründet den Schritt mit einer verschärften sicherheitspolitischen Lage. In einer Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums ist von „zunehmender Multipolarität und strategischer Rivalität“ die Rede. Regionale Konflikte könnten demnach rasch globale Bedeutung annehmen. Deutschland und seine Verbündeten müssten deshalb damit rechnen, dass mehrere Krisen zugleich ausgelöst werden, „um Aufmerksamkeit und Ressourcen zu binden“. Für Deutschland liege der Schwerpunkt dabei klar auf Russland. Denn der „Kernauftrag der Bundeswehr ist die Landes- und Bündnisverteidigung“.
Besonders deutlich formuliert es Carsten Breuer: „Die Militärstrategie folgt dem Gedanken, dass Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas in einer komplexer und schärfer werdenden Bedrohungslage eine Führungsrolle in der NATO übernehmen muss und wird – auch militärisch. Sie ist Zeichen eines Paradigmenwechsels und untermauert unseren Gestaltungsanspruch.“
Als wichtigste Bedrohung wird Russland benannt. Seitens des Verteidigungsministeriums heißt es, bereits in der Nationalen Sicherheitsstrategie und im Strategischen Konzept der NATO werde Russland „unmissverständlich als die bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung für Frieden und Sicherheit im euroatlantischen Raum identifiziert“. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine habe „die europäische Friedensordnung zerstört“ und zwinge das Bündnis zu einer massiven Stärkung seiner Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit.
Die neue Militärstrategie macht deshalb die Abschreckung zur obersten Priorität. Wörtlich heißt es, die „Abschreckung eines Gegners von einem Angriff“ habe „oberste militärstrategische Priorität“. Russland sei dabei nicht nur militärisch, sondern umfassend als Gegner zu verstehen: „Gesamtstaatlich, weil Russland bereits heute unterhalb der Schwelle des Krieges vorgeht und alle Elemente des Staates gefordert sind. Militärstrategisch, weil Russland Konflikte an seiner Peripherie nutzt und zudem mit weitreichenden Wirkmitteln Europa aus allen Richtungen bedroht.“

Boris Pistorius (SPD), Bundesminister der Verteidigung
„Die gesamte Gesellschaft“ muss reagieren
Das Strategiepapier zeichnet zudem ein Bild eines entgrenzten Krieges, der nicht mehr klar zwischen Front und Heimat unterscheidet. So heißt schreibt das Verteidigungsministerium: „Der Gegner wird die Trennung von Heimat und Gefechtsfeld, zivil und militärisch, innerer und äußerer Sicherheit, Krieg und Frieden sowie Kombattant und Nicht-Kombattant gezielt unterlaufen.“ Daraus leitet die Bundeswehr ab, dass nicht nur die Streitkräfte, sondern „auch die gesamte Gesellschaft“ auf die neue Bedrohungslage reagieren müsse. Staat, Wirtschaft und Bevölkerung seien ebenfalls potenzielle Ziele.
Für die Bundeswehr selbst bedeutet das einen langfristigen Umbau. Laut Ministerium soll sie in drei Phasen bis 2039 zur stärksten konventionellen Armee Europas ausgebaut werden: zunächst mit einer schnellen Stärkung von Verteidigungs- und Durchhaltefähigkeit, dann mit einem deutlichen Fähigkeitszuwachs in allen Dimensionen und schließlich mit technologisch überlegenen, innovativen Streitkräften.
Zur Begründung verweist das Ministerium auf Deutschlands Stellung in Europa. Als „größte Volkswirtschaft Europas“ und „größter Alliierter ohne eigene Nuklearkräfte“ trage die Bundesrepublik besondere Verantwortung. Es gehe um die „Rückversicherung der Verbündeten“, um „eine glaubwürdige Abschreckung gegenüber Russland“ und um die Verteidigung der NATO. Als sichtbares Zeichen dieses Kurses nennt das Ministerium die dauerhafte Stationierung einer Kampfbrigade in Litauen.
Zugleich bleibt ein erheblicher Teil der neuen Konzeption geheim. Begründet wird das mit militärischer Vorsicht: Potenzielle Gegner sollten „natürlich vorher nicht wissen, wie die Bundeswehr auf konkrete Bedrohungssituationen oder Angriffe reagiert und wie sie dafür aufgestellt wird“. Trotzdem sei eine teilweise Veröffentlichung nötig, weil „der Ernst der Lage“ eine informierte öffentliche Debatte verlange.
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