Prof. Wolffsohn über Mitläufertum an Universitäten: „Zu viel Bekenntnis, zu wenig Erkenntnis“
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Ralf SchulerSo spannend kann Aufarbeitung sein! Der Historiker Prof. Michael Wolffsohn – Kind einer Familie von Holocaust-Überlebenden – beschäftigt sich in seinem neuen Buch „Genie und Gewissen“ mit dem Leben und der politischen Rolle des Star-Dirigenten Herbert von Karajan und kommt zu dem Ergebnis: Das NSDAP-Mitglied Karajan sei kein „Gesinnungsnazi“ gewesen.
Bei „Schuler! Fragen, was ist“ spricht Wolffsohn ausführlich darüber, warum er den Star-Dirigenten als „Formalnazi“ einstuft und damit deutlich entlastet. Doch im Gespräch geht es nicht um Karajan und seine Biografie, sondern auch um die Rolle von Mitläufern in der Weltgeschichte schlechthin. Sind sie es nicht, die als stumme Statisten den Diktatoren und Unterdrückern als Schwungmasse dienen?
Die aktuelle Folge „Schuler! Fragen, was ist“ sehen Sie hier:
Vorwürfe, vor allem aus dem universitäten Bereich, er entlaste den Karrieristen von Karajan unzulässig, kontert Wolffsohn mit einer grundsätzlichen Kritik am akademischen Milieu, zu dem auch die Geschichtswissenschaften zählen.
Mit Blick auf Karajan sagt Wolffsohn: „Die eigentliche Frage war: Hat er durch seine Musik, die ja auch im Dienste des Verbrecherregimes stand, dieses Verbrecherregime stabilisiert oder nicht? Wenn man sauber analysiert, muss man eigene Befindlichkeiten und zum Beispiel die Geschichte meiner Familie möglichst außen vor lassen. Das ist nicht immer hundertprozentig möglich. Das gebe ich auch gar nicht vor. Auch in dem Buch nicht. Aber ich versuche, die verschiedenen Interpretationen desselben Faktums, derselben Tatsache anzubieten, ohne meine eigene Position zu verheimlichen. Aber es gehört aus meiner Sicht zum Prozess des Denkens, alles Denkbare auch zu erkennen, zu benennen und sich dann zu dem, was man als wissenschaftliches Ergebnis erreicht hat, zu bekennen.“

Prof. Michael Wolffsohn spricht mit Ralf Schuler über sein neues Buch.
Wenn aus Nachfahren der Mitläufer wieder Mitläufer werden
Wolffsohn kritisiert auch in der Historiker-Zunft einen Überschuss an Meinung und einen mitunter deutlichen Mangel an Fakten. „Also klare Abfolge: erkennen, benennen, bekennen. Und ich kritisiere an weiten Teilen der Geisteswissenschaften, dass zu viel Bekennen ist und zu wenig Erkennen. Das führt dazu, dass man die Gegenthese zum eigenen Forschungsstand erkennt, dann aber eben nicht benennt. Und besonders absurd wird es dann – und jetzt kommt meine Herkunft ins Spiel –, wenn mich die Nachfahren der Täter oder der Mitläufer, die sich nun heute als Mainstream-Mitläufer betätigen und mich belehren wollen, wie ich die Räuber und Mörder meiner Vorfahren einzuordnen habe. Und da sage ich, liebe Leute, genug, kleine Denkpause einlegen.“
Das ganze Interview mit dem Historiker Prof. Michael Wolffsohn können Sie hier anschauen.
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