Die unbequeme Wahrheit über die TV-Quoten unserer Fußball-Mädels
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Deutschland im WM-Fieber, Millionen Menschen vor dem Fernseher zitterten, jubelten, bangten, hofften mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Alle Medien berichten von einem wahren „Boom“ beim Frauenfußball.
Aber die Frage ist: Stimmt das überhaupt? Eine NIUS-Analyse:

Kurz vor Beginn der Frauen-WM berichtete die „Sportschau“ über den Boom beim Frauenfußball.
Auffällig ist, dass von den üblichen Phänomen, die mit einer solchen massenhaften Fußballbegeisterung sonst einhergehen, im ganzen Land so gut wie nichts zu sehen ist. Trotz Urlaubszeit sieht man keine Menschenmassen beim Public Viewing, man sieht auch kaum kleinere Menschengruppen, die sich in Kneipen zum Fußball gucken treffen. Aus den deutschen Ferienhochburgen wie Mallorca laufen so gut wie keine Pressefotos, die Fans mit Schwarz-Rot-Gold-Schminke zeigen.
Es gibt keine Fahnen an den Autos. Und selbst auf Social Media, wo jede Sendung mit Millionenpublikum in Echtzeit kommentiert wird, zum Beispiel auf Twitter, findet man nur wenige Tweets unter den einschlägigen Hashtags. Tweets unter dem Hashtag #GERKOR bringen es gerade mal auf einstellige Retweets. Sitzen also wirklich Millionen Menschen gebannt vor dem Fernseher, wie alle Medien berichten und behaupten?

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg tröstet Torfrau Merle Frohms.
▶︎ Fakt ist: Die Einschaltquoten und Marktanteile für die Deutschland-Spiele gegen Kolumbien und Korea waren hoch. 10,6 Millionen Menschen sahen angeblich die Niederlage gegen die Kolumbianerinnen am Sonntagvormittag, immer noch 8,06 Millionen Menschen fieberten angeblich beim Unentschieden gegen Südkorea mit der deutschen Mannschaft.
Auffällig bei diesen spektakulären Quoten ist allerdings, dass die Millionen TV-Fans nicht über das sprechen, was sie da gesehen haben. Es fällt schwer, im Bekanntenkreis irgendwen zu finden, der eines der Spiele gesehen hat. Ungewöhnlich, wenn doch jeder achte Deutsche – vom Säugling bis zum Greis – gegen Kolumbien vor dem Fernseher gesessen haben soll.
Die Erklärung für dieses Phänomen liegt in der Quotenmessung, die zwar als ultimative Währung für TV- und Werbebranche gilt, aber irgendwas zwischen ungenau und undurchschaubar ist. Gemessen wird die Quote mit speziellen Messgeräten in 5400 Haushalten mit insgesamt 11.000 Menschen. Jeder Mensch, der in einem Mess-Haushalt eine Sendung verfolgt, muss sich dafür einloggen, damit das Gerät misst. Jeder der 11.000 Menschen steht damit für rund 5600 Zuschauer in Deutschland.
Wie die 11.000 Personen ausgewählt sind, wie repräsentativ sie sind, wie ihre Interessen und ihre politischen Ansichten sind – niemand weiß es genau. Die GfK, die diese Quoten erhebt, hält die Haushalte streng geheim.
Außenministerin Annalena Baerbock, wie sie vor dem TV posiert
Das Ergebnis: Niemand kann überprüfen, wie repräsentativ die Quote für die jeweilige Sendung ist. Manchmal decken sich Quoten und persönliche Wahrnehmung, wenn zum Beispiel nach dem Ausscheiden der Männer bei der WM in Katar das halbe Land über die Nationalmannschaft spricht und es in Büros und Kneipen kaum ein anderes Thema gibt. Manchmal aber haben Quote und Stimmung im Land rein gar nichts miteinander zu tun, wie zum Beispiel bei der Frauen-WM.
Wirklich sicher weiß man nur, wieviele Menschen in GfK-Haushalten ihre Boxen eingeschaltet hatten: Bei Deutschland gegen Kolumbien waren das rund 1892 Zuschauer. Bei Deutschland gegen Korea waren es rund 1440 Zuschauer. Das sind die wahren und belastbaren Zahlen.
Ob sich daraus Sensationsquoten ableiten lassen, ist mindestens fragwürdig. Es ist möglich, deckt sich aber in keiner Weise mit anderen gesellschaftlichen Indikatoren. Ein klarer Hinweis dafür, dass die Quoten bei der Frauen-WM nicht besonders glaubhaft sind, ist der direkte Vergleich mit der Männer-WM. Das spektakuläre Finale in Katar zwischen Argentinien und Frankreich, eines der besten Fußballspiele aller Zeiten, verfolgten laut GfK 13,9 Millionen Menschen. Den Grusel-Kick bei den Frauen Deutschland-Kolumbien sahen laut GfK mit 10,6 Millionen gerade mal drei Millionen Menschen weniger.
Über das eine Finale der Männer sprachen alle Fans im Land tagelang, über das Gruppenspiel der Frauen so gut wie niemand. Kann das wirklich sein? Ergeben diese Zahlen wirklich Sinn? Fieberte wirklich jeder achte Deutsche mit unserer Mannschaft in Australien? Sicher ist nur: Was die Zahlen behaupten, war im Land nirgends erkennbar…
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