Nagelsmann & der Traum vom neuen Sommermärchen: Endlich macht die Nationalmannschaft wieder Spaß!
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Die FIFA-Weltrangliste wird zwar bei manchen Platzierungen und wegen ihrer Bewertungskriterien nicht von allen Fußball-Sachverständigen ernst genommen, aber sie ist nun einmal die einzige offizielle Tabelle der weltweiten Nationalmannschaften. Aktuell angeführt von Weltmeister Argentinien, am Tabellenende Anguilla, einer kleinen Insel in den Antillen mit rund 15.000 Einwohnern, den amerikanischen Jungferninseln und als Schlusslicht auf Platz 210 San Marino. Frankreich belegt Platz zwei, die Niederlande belegen den sechsten Platz.
So gesehen hat die deutsche Nationalmannschaft, die man auf Platz 16 findet, mit ihren beiden letzten Testgegnern zwei Teams aus den Top Ten geschlagen. RESPEKT!
Die beiden Testspiele galten für die Mannschaft, vor allem aber für Trainer Julian Nagelsmann, als Antwort auf die Frage: Wo steht Deutschland knapp drei Monate vor Beginn der Europameisterschaft im eigenen Land. Die beiden Siege gegen die beiden europäischen Spitzenteams haben von heute auf morgen sowohl bei den Spielern als auch beim Fußballpublikum erstmals so etwas wie Vorfreude, ja mancherorts Spurenelemente von Euphorie entstehen lassen. Vollkommen zurecht! Mit einem mutigen, ja fast übermütigen Entschluss krempelte der Trainer Personal und Taktik um. Das Risiko für Nagelsmann war gewaltig. Scheitert er mit seiner Kulturrevolution, dann Gute Nacht EM – sportlich wie stimmungstechnisch.

Bundestrainer Nagelsmann mit Nationalspieler Toni Kroos beim Länderspiel gegen die Niederlande am Dienstag
Das Nagelsmann-Risiko ist aufgegangen
Beim DFB ließen sie ihn machen. Was anderes blieb ihnen auch nicht übrig. Zumal mit Rudi Völler einer der letzten verbliebenen Säulenheiligen des Landes den Kurs des jungen Trainers unterstützte. Auch Völler blieb nichts anderes übrig: Nagelsmann war seine Erfindung.
Das Experiment ging also auf. Nagelsmann holte Toni Kroos in die Mannschaft zurück. Damit eine unbezahlbare Erfahrung mit dem Ergebnis, dass die Mannschaft endlich einen Chef hatte. Kroos bestimmt den Rhythmus, gibt die Kommandos, macht den Unterschied und gibt im Hintergrund dem Trainer auch Ratschläge zur Aufstellung. So mächtig wie der Mann von Real Madrid war seit Philipp Lahm keiner mehr im Trikot mit dem Adler drauf.
Nagelsmann beschloss noch einen weiteren notwendigen wie erfolgreichen Schnitt: Er pfiff auf frühere Verdienste und Erbhöfe und holte junge, hungrige Spieler aus den Vereinen, die gerade in der Bundesliga den Ton angeben. In Stuttgart und Leverkusen stellten sie auf einmal das Gros der Nationalmannschaft ab. Dank Sebastian Hoeneß und Xabi Alonso schafften es Spieler wie Maxi Mittelstädt, Chris Führich oder Deniz Undav ins Team. Und wer hätte noch vor einem halben Jahr einen Cent auf Robert Andrich als Nationalspieler gesetzt?

Nagelsmann holte ihn ins Nationalteam: Robert Andrich von Bayer Leverkusen
Dazu dürfen endlich auch die zaubern, die mit dem Ball eine Art Symbiose verbindet. Bei denen der Ball sich freut, wenn er von ihnen getreten und gestreichelt wird. Alleine für Florian Wirtz und Jamal Musiala schalte ich den Fernseher an, dazu entfaltet auch Kai Havertz wieder seine Fähigkeiten, die er zweifellos hat. Allerdings nicht als sogenannter linker Schienenspieler. Er spielt das, was ihn seit Wochen bei Arsenal London so stark macht.
Es gibt auch Verlierer
Genau das gehört eben auch zu den wichtigen Erkenntnissen von Nagelsmann: Stelle die Jungs da hin, wo sie auch im Verein ihre Position haben und ihre Stärken sind. Dieser Plan bedeutet allerdings für einige Akteure das zumindest vorläufige Aus. Prominentestes Opfer: Leon Goretzka vom FC Bayern. Er passt nicht mehr ins Konzept und fiel wohl auch den Rollengesprächen des Trainers zum Opfer. In diesen Gesprächen lotete Nagelsmann aus, ob die betreffenden Kandidaten sich auch als teamfähig erweisen. Bei einer handvoll Spieler von Borussia Dortmund wird der Schnitt sogar überdeutlich. Nur Niclas Füllkrug darf noch zur Nationalmannschaft fahren. Und treffen.

Deutschlands Nationaltorhüter André ter Stegen und Manuel Neuer (hinten) vor wenigen Tagen beim gemeinsamen Training in Frankfurt. Bei der EM wird Neuer im Kasten stehen.
Ein Härtefall ist auch Torhüter Marc-André ter Stegen. Er würde wohl in jeder anderen Mannschaft bei der EM im Kasten stehen, in der deutschen muss er Manuel Neuer Platz machen. Das Leben als Fußball-Profi kann auch bitter sein. Der Schmerz wird allerdings durch einen Blick aufs Girokonto auch wieder gemildert.
Kurzum, wir dürfen wieder davon träumen, in diesem Sommer ein neues Fußballmärchen miterleben zu dürfen – wir erinnern uns alle an 2006 … Mehr als elf Millionen Menschen haben sich das Länderspiel gegen Holland im TV angeschaut. Fast die Hälfte aller Deutschen, die am Dienstagabend vorm Ferseher saßen, haben den Holland-Sieg gesehen. Sport und Stimmung – das macht Hoffnung!
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Waldi Hartmann
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