Ein Film wie eine Wurzelbehandlung: Hape Kerkeling war zu lange der Oberlehrer, um jetzt noch lustig zu sein
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Er fuhr als holländische Königin Beatrix mit der Limo vor Schloss Bellevue vor, holte sich Hausverbot in der Bundespressekonferenz und schockte als dreister Grazer Fußballtrainer: Wer mit Hape Kerkeling aufgewachsen ist, hat ein paar echte Sternstunden des Fernsehens erlebt. So rasend komisch waren seine Verkleidungs- und Schauspielkünste. Kerkeling war Lach ’n’ Roll. Nun kehrt er zurück, mit dem Film „Horst Schlämmer sucht das Glück“.

Hape Kerkeling sorgte für unsterbliche TV-Momente.
Kinder lieben ihn als Synchronstimme von Schneemann Olaf in „Die Eiskönigin“, Bücherfreunde haben seine Bestseller „Ich bin dann mal weg“ und „Der Junge muss an die frische Luft“ verschlungen. Und ja, auch Horst Schlämmer war mal lustig. Der feiste stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts, der immer grunzt und feixt und Frauen anschmachtet, ist jetzt zum zweiten Mal im Kino. Was sich nach der Premiere fast keiner zu sagen traute: Der Film fühlt sich an wie eine 90-minütige Wurzelbehandlung.

2009 lief Horst Schlämmer zum ersten Mal im Kino.
Der Film startet im Lockdown – keine gute Idee
Die Handlung: Grevenbroich hat Corona, die Stimmung ist „downtown“. Die Menschen lächeln nicht mehr, beklagt Schlämmer zwischen Chipstüten und Fernsehsessel, wo er seine Lieblingsserien mit der blonden „Gaby Wampel“ (gespielt von der queeren Tahnee Schaffarczyk) verschlingt. Kurz fühlt man sich schmerzhaft an die Jahre zwischen 2020 und 2022 erinnert, als die Welt stillstand und sich dann in zwei Lager teilte: die, die gehorchten, und die, die aufmuckten. Und irgendwie bekommt man den Eindruck: Hape Kerkeling, der sich damals bei „Maischberger“ ausdrücklich für die Regierungsmaßnahmen und die Impfung aussprach, versteht seitdem sein Land nicht mehr. Im Film muss seine Lieblingskneipe schließen, im echten Leben waren es allein im vergangenen Jahr mehr als 12.000 deutsche Gastrobetriebe.
„Ganz Deutschland hat Rücken. Im Gesicht.“ Das soll sich ändern. Nach der Pandemie zieht Horst raus in die Welt, weil er angesichts der deutschen Dauermuffligkeit das Glück suchen will. Es ist ein Plot, der so unterkomplex wie eine Folge Peppa Wutz ist. Horst Schlämmer lässt sich bei seiner Expedition von einer jungen Frau filmen, von der man den ganzen Film über nur geschmückte Handgelenke, lackierte Nägel und klobige Stiefel sieht. Im Kopf vervollständigt man dieses Puzzle mit blauen Haaren, aber das mag ein Klischee sein. Kein Klischee ist leider, dass das Mädel mit der Smartphone-Kamera den alten Mann permanent zurechtweist: dass man Frauen keine schlüpfrigen Komplimente mehr macht, dass man dies und jenes nicht mehr sagt. Schlämmer war mal der Star. Jetzt hat „Generation Beleidigt“ übernommen.
Vom begnadeten Comedian zum steuerfinanzierten Mahner
Passenderweise ist Hape Kerkeling in den letzten Jahren selbst in die Rolle des Oberlehrers geschlüpft: Er doziert über das queerfeindliche Berlin und über die Schwulendiskriminierung unter Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Und er produziert mit „Extrawurst“ eine Pseudokomödie, die vor lauter ideologischem Fett fast aus der Pelle platzt.
Weil in den üppigen, von Steuergeld mitfinanzierten Fördertöpfen von NDR, der Film- und Medienstiftung NRW, der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und dem Deutschen Filmförderfonds des Kulturbeauftragten Wolfram Weimer offenbar nicht genügend Mittel für ein gutes Drehbuch vorhanden waren, wird der Plot von hanebüchenen Handlungs-Haken unterbrochen. Der absurdeste: Horst Schlämmer sucht das Glück in München und fährt zum Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, wo über Mittelfranken und das Alter geplaudert wird. Es sind Minuten, in denen man das Wort Fremdscham neu definieren könnte. Einer von beiden spielt brillant. Der andere ist Hape Kerkeling.
Schlämmer findet das Glück erwartungsgemäß nicht beim Södermaggus und fährt in eine Kurklinik, wo er Lachyoga, Wassergymnastik und Hot-Stone-Massage ausprobiert. Vielleicht war der 61-jährige Multimillionär Kerkeling lange in keiner deutschen Kur, sonst wüsste er, dass dort mitunter tristere Zustände herrschen. Schlämmer kifft, verliert seinen Führerschein, muss zum Idiotentest, den gefühlt keiner im Kinosaal überstehen würde, so sehr lachen alle über die Sitzgymnastik-Pointen. In der (natürlich verspäteten) Bahn lernt er Mandy, eine dralle Schaffnerin kennen, die sich später als Domina entpuppt.
Der freundliche Clan von nebenan
In Berlin streift der Film kurz die Realität, als Kerkeling im Park einen Dealer und einen Unterwelt-Clan trifft. Doch statt den Opa zu foltern, singen die freundlichen Mucki-Männer aus dem Nahen Osten mit Schlämmer Volkslieder. Na, sehen Sie? Die Jungs sind doch harmlos. Am Brandenburger Tor fragt Schlämmer seine filmende Gen-Z-Göre, warum alle Menschen unentwegt ins Handy starren. Die Antwort: Warum nicht? Jedes Instagram-Reel ist launiger als das hier.
In Dresden will Schlämmer dann die unglücklichsten Menschen treffen. Fast wartet man darauf, dass er Skinheads interviewt. Aber nein: Sein Bahnflirt namens Mandy vermöbelt ihn im BDSM-Studio, und man fragt sich: Muss man masochistisch veranlagt sein, um diesen Film zu mögen?
Weil er aufgrund seiner Blutwerte glaubt, bald abtreten zu müssen, will Horst Schlämmer mit seinem Idol Gaby Wampel auftreten – nachdem er beim Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki eine Art Beichte ablegt. Das ist so befremdlich, dass man sich fast die Doppel-D-Domina zurückwünscht. Als Schlämmer seinem Star dann endlich begegnet, ist er geschockt: Aus der schönen Serienheldin wurde eine geliftete Alt-Diva mit St.-Moritz-Visage.
„Ich bin dann mal weg?“ Ja, bitte!
Am Ende singen alle zusammen: Schlämmer, der Verbrecherclan und Gaby Wampel. Und weil DAS hier endlich das Glück ist, öffnet (die Logik ist irgendwo zwischen Bayern und Köln abgebogen) auch Horsts Stammkneipe wieder. Endlich geht das Licht an. Eine Pointe kommt nicht mehr – vielleicht nie wieder.

Leider nicht mehr lustig: Horst Schlämmer 2
Das passiert, wenn man in Kinofilmen nichts mehr sagen kann, was jemanden triggern könnte. Kerkeling, der erst kürzlich „Wut, Hass“ und Verrohung der Gesellschaft angeprangert hat, hat sich hier nach genialer Comedy und wunderschönen Büchern kein Denkmal gesetzt. Denn hinter den ältlichen Witzen und der rührseligen Glückssuche kommt ganz schön viel Verbitterung durch. Wer seine Beliebtheit nutzt, um für ein AfD-Verbot zu werben, wer gegen alles wettert, was nicht ins bunte Leben eines Medienstars passt, der darf sich nicht wundern, wenn nur einem Teil der Bevölkerung dieser Film-Seniorenteller schmeckt.
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