Anleihen-Crash mit 50 Prozent Wertverlust in Russland: Droht eine russische Staatspleite und Hyperinflation?
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Seit zwei Jahren tobt der schreckliche Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Dieser Krieg wird allerdings nicht nur auf dem Schlachtfeld geführt, sondern auch auf vielen anderen Ebenen.
Die westlichen Länder antworteten auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine unter anderem mit massiven Wirtschafts- und Finanzsanktionen. Russland wurde aus dem Banken-Netzwerk SWIFT ausgeschlossen, viele Embargos auf den Export von Gütern nach Russland und Importverbote von russischen Produkten in die G7-Staaten wurden verhängt und russisches Vermögen (in Staatsanleihen der G7-Staaten) beschlagnahmt.

Wenige Wochen nach der beginnenden Invasion Russlands: Ukrainische Soldaten stehen an einer zerstörten Brücke in der Stadt Irpin außerhalb von Kiew, Ukraine, 12. März 2022.
Sanktionseffekte zunächst verpufft?
Doch der gewünschte Effekt auf die russische Wirtschaft – eine Hyperinflation – blieb bisher aus. Die russische Zentralbank konnte mit Kapitalverkehrskontrollen und drastischen Zinserhöhungen im Jahr 2022 die Situation schnell unter Kontrolle bekommen. Doch heute stellen wir fest, dass die Preise für russische Anleihen auf den niedrigsten Stand der letzten Jahrzehnte gefallen sind, tiefer als direkt nach dem Angriff auf die Ukraine.
Gegenüber dem Zeitpunkt des Beginns der Stationierung von russischen Soldaten rund um die Ukraine – also Mitte 2021 – haben 20 Jahre laufende russische Staatsanleihen über 50 Prozent an Wert verloren. Gegenüber dem Höchststand im Jahr 2020 sogar fast 60 Prozent. Das Zinsniveau ist auf fast 16 Prozent gestiegen. Anleihenpreise korrelieren negativ mit dem Zinsniveau.

Zinsniveau 20-jähriger russischer Staatsanleihen
Russland druckt massiv Geld, um den Krieg zu finanzieren
Nach dem Kriegsbeginn im Februar 2022 stieg die Inflation tatsächlich rasant von 9,2 Prozent auf 17,8 Prozent an, doch die Maßnahmen der Zentralbank reduzierten die Inflation auf bis zu 2,3 Prozent im April 2023. Die Zentralbank erhöhte zwischenzeitlich den Leitzins von 8,5 Prozent auf 20 Prozent und reduzierte die Zentralbankbilanz drastisch um 30 Prozent.
Doch die Kriegsführung ist für den russischen Staat teuer und es stehen weniger (ausländische) Investoren bereit, sodass die Zentralbank diesen mittlerweile wesentlich finanziert. Das führt dazu, dass die vergebenen Kredite der russischen Zentralbank heute deutlich höher sind als noch vor dem Krieg und die im Umlauf befindliche Geldmenge gegenüber dem Vorjahr zuletzt um 17,5 Prozent gestiegen ist.
Dies lässt wiederum andere Geldgeber regelrecht aus russischen Staatsanleihen fliehen, da die starke Erhöhung der Geldmenge die Sorgen von einer noch stärkeren Inflation wiederbelebt. Aktuell liegt die Inflation bei knapp unter 8 Prozent, aber vorauslaufende Indikatoren, wie die Produzentenpreise, weisen seit Oktober letzten Jahres eine Inflation von 18 bis 22 Prozent aus.

Vor allem Menschen mit geringem Einkommen bereiten die gestiegenen Preise Sorgen.
Kommt also nun doch die Hyperinflation auf Russland zu?
Neben der schieren Menge an neuem Geld im Umlauf, dürften Investoren sich insbesondere darum sorgen, wofür es ausgegeben wird. Es gibt wohl kaum ineffizientere Nutzungen von Geld als die Finanzierung von Kriegen. Der Einsatz von Personal und Kapital für unproduktive Zwecke, bei gleichzeitig steigender Geldmenge, mündet in einer höheren Inflation.
Die Geschichte hat deutlich gezeigt, dass Kriege, die von einer Zentralbank finanziert wurden, mit hohen Inflationsfolgen während und nach den Kriegen einhergehen.
Russland gering verschuldet
Doch eine Hyperinflation in Russland ist alles andere als ausgemacht. Ebenso wenig eine Staatspleite.
Der russische Staat hat eine sehr geringe Verschuldung von nur 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (im Vergleich zu 60 Prozent in Deutschland und 123 Prozent in den USA) und ist daher in einer vorteilhafteren Ausgangsposition gegenüber steigenden Zinsen als hoch verschuldete Länder. Auch das Haushaltsdefizit lag 2023 bei unter 2 Prozent. Deutschland kam auf 2,5 Prozent und die USA auf 6,3 Prozent. Der russische Rubel ist seit 11 Monaten recht stabil gegenüber dem US-Dollar und hat gegenüber dem Euro seit Kriegsbeginn nur etwas mehr als 10 Prozent verloren.
Doch je länger der Krieg und seine Folgen wirken, desto schwieriger wird es für den russischen Staat und die russische Zentralbank werden, die Folgen von höheren Zinsen und der gesteigerten Geldmenge zu kontrollieren.
Die aktuellen Maßnahmen der Zentralbank, wie etwa die drastischen Zinserhöhungen (aktueller Leitzins: 16 Prozent) und die strikte Kontrolle des Kapitalverkehrs, haben kurzfristig Stabilität gebracht, aber langfristig können sie die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft nicht lösen.

Die Entwicklungen in der russischen Wirtschaft abseits der Rüstungsindustrie dürften den russischen Präsidenten Wladimir Putin umtreiben: Die Inflation ist weiterhin viel zu hoch.
Ein weiteres Risiko ist die Abhängigkeit von internationalen Märkten und Investoren. Trotz der relativ geringen Staatsverschuldung und des stabilen Rubels könnte ein anhaltender Vertrauensverlust zu Kapitalflucht und weiteren wirtschaftlichen Schwierigkeiten führen. Die Flucht aus russischen Staatsanleihen zeigt bereits, dass die Investoren das Vertrauen in die Fähigkeit Russlands, die wirtschaftlichen Herausforderungen – ohne hohe Inflation – zu bewältigen, verlieren.
Die Gefahr einer Hyperinflation ist zwar nicht unmittelbar gegeben, aber die Kombination aus erhöhter Geldmenge, steigenden Kosten für die Kriegsführung und sinkendem Vertrauen in die Stabilität der russischen Wirtschaft könnte langfristig zu ernsthaften Inflationsproblemen führen.
Ebenso ist eine Staatspleite zwar derzeit unwahrscheinlich, aber langfristig nicht völlig ausgeschlossen, wenn die wirtschaftlichen und finanziellen Belastungen weiter zunehmen.
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