Chinesen im Goldrausch! Warum der Preis jetzt steigt und steigt und steigt …
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Der Goldpreis steigt seit Oktober 2022 kontinuierlich und hat am 28. März ein Allzeithoch von 2058,93 Euro je Feinunze (31,11 Gramm) erreicht. Damit war der Goldpreis noch nie so hoch wie heute.
Nicht während der 1980er Jahre, als die Inflation in den USA bei 14 Prozent rangierte, nicht während der Weltfinanzkrise 2007 bis 2008, als viele den Zusammenbruch der Weltbörsen befürchteten, und auch nicht während der Eurokrise 2010 bis 2013, als die EU-Südländer kurz vor dem Bankrott standen, lag der Goldpreis dermaßen hoch.
Was ist da los? Warum steigt das Edelmetall seit 2018 kontinuierlich? Ist das eine Reaktion auf tieferliegende wirtschaftliche Probleme der großen Volkswirtschaften, denn Gold gilt ja als sicherer Hafen in Krisenzeiten? Wird die Rekordjagd von Spekulanten getrieben, eventuell sogar von den automatisierten Handels-Algorithmen großer Fonds oder institutioneller Investoren? Oder liegen die Gründe ganz woanders?
Um klarer zu sehen, rekonstruieren wir zuerst die möglichen Ursachen, die den Goldpreis beeinflussen. Die Federal Reserve Bank of Chicago (Chicago FED), eine der zwölf Regionalbanken der amerikanischen Zentralbank (FED), hat 2021 untersucht, was den Goldpreis zwischen 1971 und 2021 getrieben hat. Die Chicagoer Banker haben drei Faktoren herausdestilliert:
- Gold wird gekauft, weil es einen realen oder vermeintlichen Schutz vor Inflation bietet.
- Gold bietet in Zeiten wirtschaftlicher Katastrophen einen Schutz vor Vermögensverlusten.
- Der Goldpreis steigt immer dann, wenn die realen (nicht die nominalen) Zinsen steigen.
Kommt es schlimm, hilft nur Gold
In Summe sind das nicht drei, sondern nur zwei Argumente für Gold, denn Punkt eins und drei laufen auf dasselbe hinaus: Die Nachfrage nach Gold und damit sein Preis steigt immer dann, wenn Menschen eine Geldentwertung durch Inflation befürchten und gleichzeitig annehmen, dass die Zentralbank trotz steigender Zinsen die Lage nicht mehr im Griff hat. Die Chicago FED hat also statistisch nur das bestätigt, was Vermögende immer schon wissen: Kommt es wirklich ganz schlimm, dann hilft nur Gold. Dann ist - ausgenommen Immobilien - das gelbe Metall der einzige Schutz vor einem ökonomischen Totalverlust.
Aber steckt die Angst vor Inflation und Weltuntergang auch hinter der aktuellen Goldpreis-Hausse? Die Inflation im EU-Raum und in den USA hat sich doch, möchte man meinen, beruhigt. Und von einer möglicherweise bevorstehenden großen ökonomischen Katastrophe wissen die seit Jahresanfang jubilierenden Börsen, die Tag für Tag neue Höchststände markieren, rein gar nichts. Also wo liegt das Problem?
Zuerst einmal in der geopolitischen Großlage, sprich in den Kriegen in der Ukraine und im Gaza-Streifen. Denn auch wenn beide Konflikte im Moment noch lokal begrenzt sind, kann niemand eine überregionale Eskalation ausschließen. Und die würde dann, wenigstens vorübergehend, zu massiven Kurseinbrüchen an den Weltbörsen führen. Wem also mehr an Sicherheit als an Wachstum gelegen ist, für den ist Gold in einer solchen Lage tatsächlich eine Option.
China kauft derzeit wie verrückt
Aber die alte Krisenangst ist es diesmal nicht allein. Im Moment, da sind sich Analysten großer Banken und Fondsmanager einig, spielt die Musik in puncto Gold nicht im marktwirtschaftlichen Westen, sondern im planwirtschaftlichen Fernen Osten. Genauer gesagt: in China. Der größte einzelne Goldankäufer auf der Welt im vergangenen Jahr war die Chinesische Zentralbank in Peking, die Zhōngguó Rénmín Yínháng (Chinesische Volksbank). Die hat 2023 in Summe 225 Tonnen Gold gekauft – mehr als jede andere Zentralbank auf der Welt.

Die chinesische Zentralbank kauft derzeit massiv Gold an.
Die Goldreserven der Chinesischen Volksbank erreichten zum Jahresende 2023 den Wert von 2235 Tonnen. Damit liegt China bei den Goldreserven nach den USA, Deutschland, Italien, Frankreich und Russland inzwischen an sechster Stelle. Die chinesische Zentralbank nennt grundsätzlich keine Gründe für ihre Währungs- und Goldkäufe, aber was hinter dem Anwachsen der chinesischen Goldbestände steckt, ist auch so klar: China hat Angst. Angst vor einem Handelskrieg mit den USA, Angst vor einer zweiten Präsidentschaft Donald Trumps und Angst vor der Schwäche der eigenen Wirtschaft. Kommt es hart auf hart, scheint man sich in Peking zu sagen, dann haben wir immer noch das Gold.
Wir bleiben in China, denn wir kommen jetzt zu einem erstaunlichen Fakt: In China kauft nicht nur die Zentralbank wie wild Gold – sondern auch die Bürger. Unfassbare 367 Tonnen Gold hat China 2023 für nichtmonetäre Zwecke importiert, doppelt so viel wie im Jahr davor. Diese Masse an Gold wird teilweise zu Schmuck verarbeitet, aber der Löwenanteil landet in Schließfächern von Banken, privaten Tresoren und unter der sprichwörtlichen Matratze. Chinesen, die kein physisches Gold kaufen, erwerben ETFs, die in Gold investieren, oder Aktien von Goldminen-Unternehmen wie der Zijin Mining Group oder der Shandong Gold-Mining. Das zeigt, dass nicht nur die Regierung, sondern auch die Bürger Angst haben, weil die nicht mehr wissen, wohin mit ihren Ersparnissen.
Steigt der Kurs weiter?
Noch vor wenigen Jahren kauften vermögende Chinesen, von denen es mittlerweile Millionen gibt, mit ihren Ersparnissen Eigentumswohnungen. Ganz normale Familien besaßen drei, vier, ja fünf Wohnungen in den quer durchs Land im Eiltempo hochgezogenen Wohntürmen. Die zweite oder dritte Wohnung war Altersvorsorge für die Eltern, Mitgift für die heiratsfähige Tochter und Hochzeitsgeschenk für den einzigen Sohn, der nach entbehrungsreichen Studienjahren in Amerika endlich eine Braut gefunden und einen Job als Salesmanager in Kunming gelandet hatte.
Damit ist es aus und vorbei. Die chinesische Immobilienmarkt ist in den letzten Jahren komplett zusammengebrochen, hunderte von Immobilienunternehmen sind untergegangen oder faktisch insolvent, Millionen von Wohnblöcken stehen als Ruinen in der Landschaft und werden nie fertiggebaut werden. Ein Drittel der chinesischen Mittelklasse hat sich mit im Voraus bezahlten, aber nie fertiggestellten Eigentumswohnungen die Finger verbrannt und jedes Vertrauen in Immobilien verloren. Wenn wir jetzt noch berücksichtigen, dass der Shanghaier SSE Composite Index, der wichtigste chinesische Aktienindex, seit 2015 entweder fällt oder seitwärts marschiert, dann ist klar, warum wohlhabende Chinesen mit allen Händen nach Gold greifen.
Nach so viel guten Nachrichten für Goldinvestoren stellt sich natürlich die Frage: Kann das so weitergehen? Wird der Goldpreis weiter so steigen wie in den letzten sechs Monaten? Eine Antwort auf diese Frage lautet: Wenn die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen tatsächlich eskalieren und auf andere Länder wie den Libanon oder Moldawien übergreifen, dann wird das Gold einen neuen Schub verleihen. Allein die Nachfrage aus China jedoch kann den Goldpreis zukünftig wohl stützen, sie wird ihn aber nicht weiter in die Höhe treiben.
Gegenkräfte zum Höhenflug des Goldes könnten jedoch aus den USA kommen. Gelingt den Amerikanern mit ihrer Wirtschaft tatsächlich das oft beschworene „Soft Landing“ und pendelt sich die durchschnittliche Inflationsrate zukünftig bei drei Prozent ein, dann würde das der FED mehrere Zinssenkungen in Folge erlauben. Das wiederum würde zu einem Sinken des Realzinses und in der Konsequenz auch des Goldpreises führen. Zumindest in der Theorie.
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