Eon-Chef Leonhard Birnbaum zerlegt die Energiewende
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Er gehört zu Deutschlands Top-Managern, und er zerlegt die deutsche Energiewende so gründlich, wie bisher kaum ein Insider: Eon-Chef Leonhard Birnbaum spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) brutalen Klartext zur Energiewende!
Ob die hohen Werte für AfD und BSW im Osten die Energiewende gefährden, lautet die erste eher skurrile Frage. Birnbaum bescheidet sie mit erfrischend nüchterner und geradliniger Logik: „Wenn man mit dem Wählerverhalten unzufrieden ist, sollte man sich überlegen, was man selbst anders machen muss. Extreme Parteien sind stark, wenn die Parteien der Mitte schwach sind. Bei den erwarteten Wahlergebnissen ist Ausgrenzung keine Lösung.“ Die Energiewende betreffe das eher nicht.
Dann langt er zu: „Viele freuen sich im Moment darüber, dass wir diesen enormen Zubau an PV-Anlagen (Photovoltaik, Anm. d. Red.) haben. Aber der gesamtwirtschaftliche Wert der zusätzlichen Solarmodule ist oft nicht nur gleich null, er ist sogar negativ. Denn diese Anlagen drücken mittags, wenn viel Sonne da ist, ungesteuert Strom ins Netz und erhöhen damit das Überangebot zu dieser Tageszeit. Auch Batteriespeicher im Keller ändern daran oft nicht viel, weil die an sonnenreichen Tagen schnell voll sind und dann auch planlos den Strom ins Netz abgeben. Das ist kein netzdienlicher Zubau.“

Die Dachkonstruktion eines sich im Bau befindlichen Photovoltaik-Carports nahe des Freizeitparks „Allgäu Skyline Park“.
Auch an der Abnahmegarantie für den Solarstrom zu garantierten Preisen lässt der Eon-Chef kein gutes Haar: „Der Geringverdiener in der Mietwohnung zahlt für die Solaranlage auf dem Einfamilienhaus des Besserverdieners“, so Birnbaum.
„Solche Knappheiten wie heute hatten wir noch nie“
Durch den Zubau an Solar- und Windkraftanlagen und Abschaltung von Kraftwerken sei das deutsche Stromnetz so desolat wie noch nie: „Solche Knappheiten wie heute hatten wir noch nie. Jedenfalls nicht in den 25 Jahren, in denen ich jetzt in der Energiebranche arbeite. Wir hatten in Deutschland mal ein Stromnetz, das deutliche Reserven hatte. Aber die haben wir in den vergangenen 15 Jahren so gut wie aufgebraucht.“
Die Folge: „Wenn Sie heute ein neues Rechenzentrum anschließen wollen und brauchen dafür 50, 100 oder 200 Megawatt Leistung, dann werden Sie nur noch ganz wenige Orte finden, wo das schnell geht. Meistens reden wir über jahrelange Wartezeiten. Im Großraum Frankfurt zum Beispiel ist der Anschluss neuer Rechenzentren in den nächsten Jahren praktisch unmöglich.“ Schönen Gruß an die Digitalisierung Deutschlands!
Auch bei den Gründen nimmt Birnbaum kein Blatt vor den Mund: „Dafür gibt es vier Gründe. Erstens haben wir Millionen von Erneuerbare-Energien-Anlagen angeschlossen. Zweitens wurden in süddeutschen Regionen mit hohem Verbrauch gesicherte Stromerzeugungskapazitäten abgeschaltet ...“ Nachfrage: „Sie sprechen von Atomkraftwerken?“ Antwort: „Ja. Und ersetzt wurden sie durch Windkraftanlagen in Norddeutschland. Erzeugung und Verbrauch fallen also heute räumlich stärker auseinander als früher, was den Transportbedarf im Stromnetz erhöht. Drittens brauchen erneuerbare Energien generell mehr Stromnetzkapazität als konventionelle Kraftwerke. Relevant ist nämlich die Spitzenleistung. Je größer die Spitzenleistung, umso dicker muss das Kabel sein. Der entscheidende Punkt ist: Um dieselbe Menge an Strom zu produzieren, brauchen Sie bei Windkraft doppelt so viel Leistung wie bei Gaskraftwerken. Denn die Stromerzeugung von Windrädern ist volatiler, weshalb auch die Leistungsspitzen höher sind.“
Einfach und unaufgeregt erklärt, und in den Folgen für eine der größten Volkswirtschaften der Welt dramatisch! Denn mit den Fehlern der Energiewende ist Birnbaum noch lange nicht durch: „Wir elektrifizieren gerade unsere gesamte Gesellschaft, etwa durch den Umstieg auf Elektroautos statt Benziner und Diesel und auf elektrische Wärmepumpen statt Ölheizungen. Dadurch werden auch die Stromnetze stärker belastet.“
„Wir müssen uns davon verabschieden, jederzeit quasi unlimitierte Stromnetzkapazitäten zur Verfügung haben zu wollen“
Es klingt nicht wie Alarm und ist aber einer, wenn Birnbaum die energiepolitische Zukunft Deutschlands beschreibt: „Wir werden weiter eine sehr gute Stromversorgung haben, aber wir müssen uns davon verabschieden, jederzeit quasi unlimitierte Stromnetzkapazitäten zur Verfügung haben zu wollen – und zum Beispiel jederzeit unser E-Auto mit voller Leistung laden zu wollen. Sonst brauchen wir so hohe Leistungen, dass der Ausbau des Stromnetzes nahezu unbezahlbar wird.“ Und in schönster Unaufgeregtheit weiter: „Kurzzeitige Stromausfälle und auch Schwankungen der Stromfrequenz, die zu Störungen bei Maschinen führen können, werden zunehmend zu einer Herausforderung. Das ist ein ernst zu nehmendes Problem, an dem wir arbeiten müssen.“

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck
Der Trost: „In privaten Haushalten gibt es meist nur wenige relevante Geräte mit hoher Leistung, zum Beispiel die Wärmepumpe oder die Wallbox für das E-Auto. Aber wenn Ihre Wärmepumpe mal ein paar Minuten vorübergehend automatisch abschaltet, dann merken Sie das gar nicht, aber es sorgt in der Masse für wichtige Flexibilität im Stromnetz. Dasselbe gilt für Ihr E-Auto: Wenn abends kurz das Laden pausiert wird, haben Sie morgens trotzdem eine volle Batterie.“
Die eigentliche Beerdigung der grünen Energiepolitik von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck kommt kurz vor Schluss:
„Wir müssen uns gut überlegen, wo wir zum Beispiel neue Windkraft- und Solarparks bauen. In der Uckermark sollen 190 Gigawatt angeschlossen werden. Selbst wenn ich unterstelle, dass da viele Doppelzählungen dabei sind: Will ich die wirklich alle bauen? Wir haben jetzt schon in vielen Regionen im Vergleich zur Spitzenlast des örtlichen Verbrauchs das Fünf- bis Sechsfache an installierter Stromerzeugung. Es gibt Gegenden, da kommen uns die Elektronen zu den Ohren raus, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Ein weiterer Zubau dort ist gesamtwirtschaftlich wertlos. Das ist eine Verschwendung von Ressourcen.“
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