Flucht aus Deutschland: 70 Prozent der energieintensiven Unternehmen wollen ins Ausland
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Brisante Titelgeschichte im Handelsblatt: 70 Prozent der deutschen energieintensiven Industrieunternehmen verlagern Investitionen ins Ausland. Die Wirtschaftszeitung vermeldet die Ergebnisse einer Befragung von 240 hochrangigen Managern in Europa und den USA. Die Aussichten für Deutschlands Wirtschaft sind erschreckend.
Unter den für Deutschland zuständigen Managern gaben 31 Prozent an, ihre Produktionskapazitäten aktiv in Kontinente außerhalb von Europa zu verlagern oder Wachstum dorthin auszuweiten. 42 Prozent der Befragten schieben Investitionen in Deutschland aktuell auf. Für die Studie der Unternehmensberatung Simon Kucher wurden Vertreter von Schlüssel-Branchen wie Chemie, Stahl und Zement zwischen Juli und September 2025 befragt.
„Viele Unternehmen können ihre Anlagen seit Jahren nicht richtig auslasten und sehen jetzt final keine Perspektive mehr. Aktuell verlieren wir jede Woche massiv und unwiederbringlich industrielle Wertschöpfung in Deutschland“, bestätigt Christof Günther, Geschäftsführer des Chemiestandortbetreibers Infraleuna, gegenüber dem Handelsblatt. Die Anwältin Yvonne Hanke berät für die Kanzlei Ritter Gent energieintensive Unternehmen und sagt: „Dass Unternehmen gedanklich Investitionsverlagerungen durchspielen, ist normal. Aber jetzt beobachten wir so konkret wie noch nie, dass sich Firmen tatsächlich für Investitionen in China, Indien oder den USA entscheiden.“
Gemäß der Handelsblatt-Recherchen schmerzen in der Wirtschaft fünf Kernthemen:
1. Steigender CO2-Preis
Sowohl Robert Habeck als auch dessen Vorgänger Peter Altmaier stellten den energieintensiven Unternehmen immer wieder Wasserstoff als praktikable Alternative zu Kohle und Gas in Aussicht. Doch die Entwicklung und Umsetzung lahmt. Wasserstoff bleibt teuer. „Deshalb hat der Stahlhersteller Arcelor-Mittal im Juni entschieden, den Bau klimaneutraler Produktionsanlagen an seinen Standorten Bremen und Eisenhüttenstadt zu stoppen“, schreibt das Handelsblatt. „Die Reduktion mit Wasserstoff ist bisher keine wettbewerbsfähige Option, und die DRI-Produktion auf Erdgasbasis ist als Übergangslösung nicht konkurrenzfähig“, kommentiert ein Sprecher. Sein Unternehmen baue deshalb nun in Frankreich, wo die Energie günstiger ist.
Emissionen werden in Deutschland zusätzlich zum Kostenrisiko: Konzerne müssen für jede emittierte Tonne CO2 teure Zertifikate kaufen. Zuschüsse der EU für diese Besteuerung der Luft laufen jedoch demnächst aus. Die Stimmen dagegen halten sich noch zurück. Lediglich Evonik-Boss Kullmann stellte die Forderung „Die CO2-Gebühr für Europa muss weg“ öffentlich auf.
2. Politische Unsicherheit in Deutschland bleibt
Obwohl die Ampel-Koalition vorzeitig abgetreten ist, sehen die Unternehmen in der Zickzack-Regierung von Kanzler Friedrich Merz keine wirtschaftspolitische Stabilität. Die anfängliche „Euphorie vieler Unternehmen nach dem Regierungswechsel in Deutschland ist vorbei“, schreibt das Handelsblatt. Die Autoren verweisen auf eine Umfrage des Bundesverbands der mittelständischen Wirtschaft unter mehr als 1.000 Unternehmen. 80 Prozent der Befragten glauben nicht mehr an einen Herbst der Reformen.
Die Zeitung zitiert einen Sprecher des Spezialchemiekonzerns Lanxess. Der gibt zu, dass die neue Bundesregierung im Koalitionsvertrag zwar eine Wende in die richtige Richtung skizziert habe. „Allerdings wird es jetzt höchste Zeit, den Plänen Taten folgen zu lassen, denn für den Industriestandort Deutschland ist es bereits fünf nach zwölf.“ Stellenweise sei es sogar jetzt schon zu spät, sagt Christiane Nelles, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Glasindustrie (BV Glas), dem Handelsblatt: „Wir kennen einige Unternehmen, die Investitionsentscheidungen für Standorte außerhalb Deutschlands getroffen haben.“
3. Neue Zollregeln sorgen für andere Warenströme
Mit seiner umfangreichen Zollpolitik mischt US-Präsident Donald Trump die Weltmärkte auf. Hohe Zölle sorgen dafür, dass China noch aggressiver nach Europa exportiert. Zollbeschränkungen aus den USA nach Europa fallen zudem weg, was den Marktdruck in Europa erhöht. Der Stahlhersteller Arcelor-Mittal beispielsweise spricht gegenüber dem Handelsblatt von „einer anhaltenden Flut unfairer Importe von außerhalb der EU“. Der Spezialglashersteller Schott bestätigt der Wirtschaftszeitung, in den vergangenen zwei Jahren Investitionsentscheidungen zugunsten anderer Länder getroffen zu haben.
4. Konjunkturschwäche sorgt für geringe Nachfrage
Die deutsche Wirtschaft kann sich nach Einschätzung der Bundesbank auch im dritten Quartal nicht aus ihrer Krise befreien. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im Sommerquartal preisbereinigt „allenfalls stagniert“ haben, schreibt die Notenbank in ihrem Monatsbericht Oktober. Damit fällt die Sicht der Bundesbank wieder trüber aus: Noch im September hatte sie ein leichtes Wirtschaftswachstum für möglich gehalten.
Gemäß Branchenverband VCI liegt die Auslastung von Chemieunternehmen derzeit bei noch 71 Prozent. Jedoch sei der rentable Betrieb von Anlagen eigentlich erst ab 82 Prozent Auslastung gewährleistet. Auch Arcelor-Mittal spricht von einer schwachen Nachfrage.
5. Die Wirtschaftsflaute in Deutschland bleibt
Die deutsche Industrie steckt in der Rezession: Die „Produktion im produzierenden Gewerbe“ ist im Juni 2025 deutlich eingebrochen. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, sank der Output gegenüber dem Vormonat saison- und kalenderbereinigt um 1,9 Prozent – so niedrig lag der Wert zuletzt im Mai 2020, auf dem Tiefpunkt der Corona-Krise. Schlimmer wirkt jedoch, dass Europa nicht so stark wächst wie etwa Asien. Eine Sprecherin von BASF sagt: „Bis 2030 wird die Region Asien-Pazifik für rund 70 Prozent des globalen Chemiemarktes stehen.“ BASF baut im chinesischen Zhanjiang ein neues Werk – an deutschen Standorten wie Leuna scheinen die Aussichten jedoch düster. BASF hat sich bereits 2022 dorthin zurückgezogen.
„Man kann schlechte Zeiten eine gewisse Weile durchstehen. Aber wenn man dann keine Perspektive bekommt, wird die Entscheidung getroffen, zu schließen“, warnt Infraleuna-Geschäftsführer Günther im Handelsblatt.
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