Hightech wird um Deutschland herum geboren
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Die Wirtschaftsaussichten für Deutschland bleiben schwach. Für dieses Jahr erwarten die Wirtschaftsweisen nur noch ein halbes Prozent Wachstum. Auch für die kommenden Jahre ist fraglich, ob es zu einer echten Erholung kommt. Können Hightech-Gründungen eine Lösung sein?
Deutschland vertraut noch immer auf seine industrielle Substanz: die Autoindustrie, den Maschinenbau, die chemische Industrie und das breite Zulieferernetzwerk. In den vergangenen Jahren wurden diese Bereiche jedoch durch hohe Energiepreise, Regulierung, Planungsunsicherheit und eine ideologisch getriebene Transformationspolitik geschwächt. Dies wird durch Abwanderungen und Insolvenzen tragisch sichtbar.
Diese Industrien wieder fit zu bekommen, ist die Grundvoraussetzung für künftiges Wachstum in Deutschland. Doch darüber hinaus, und nicht etwa alternativ dazu, muss Deutschland den Anschluss an die neuen Hightech-Industrien schaffen.
Wie schlecht die Bundesrepublik im Bereich der Hightech-Gründungen derzeit aufgestellt ist, zeigt eine aktuelle öffentliche Datenauswertung des Cambridge-Forschers Federico Bartalucci. Er hat ausgewählte Hightech-Bereiche untersucht, darunter Pharma, Elektronik sowie Luft- und Raumfahrt, und analysiert, wie häufig in Europa in diesen Bereichen gegründet wurde. Die Daten wurden auf Ebene der Kreise und größeren Städte ausgewertet, also europäischer NUTS-3-Regionen. Gemessen wurde die durchschnittliche jährliche Zahl neuer Firmen je 10.000 Einwohner in den Jahren 2022 bis 2025.
Prag, Bratislava und Neuchâtel liegen vorn
An der Spitze der Hightech-Neugründungen steht Prag. Die tschechische Hauptstadt kommt nach Bartaluccis Auswertung auf 1,23 Neugründungen pro 10.000 Einwohner. Ein Beispiel ist Adalid Sciences, ein junges Biotech-Unternehmen aus Prag, das an Lipid-Nanopartikeln für Gentherapien arbeitet. Prag verbindet Forschung, internationale Anziehungskraft und eine wachsende Standortdynamik.
Auch die Region Bratislava ist stark. Sie erreicht 1,17 Neugründungen pro 10.000 Einwohner. Die Slowakei versucht zugleich, sich mit Batterieprojekten wie Gotion InoBat Batteries industriell neu zu positionieren. Das Beispiel zeigt allerdings auch eine Schwäche europäischer Industriepolitik: Ein Teil der neuen Batteriedynamik entsteht mit chinesischem Kapital und chinesischem Know-how.

In der Schweiz wird ebenfalls stark im Hightech-Bereich gegründet. Neuchâtel kommt auf 1,17 Neugründungen pro 10.000 Einwohner. Hohe Werte erreichen zudem Vilnius in Litauen sowie einzelne Regionen in Dänemark, den Benelux-Staaten und Estland.
Bemerkenswert ist nicht nur, welche Regionen in der Analyse vorn liegen, sondern auch, welche dort nicht vertreten sind. Die neuen industriellen Hightech-Firmen entstehen offenbar nicht automatisch in den alten Industriezentren Europas, sondern oft in kleineren, spezialisierten und flexibleren Regionen. Und insgesamt gilt: Hightech-Gründungen sind in Europa selten. Über alle Regionen hinweg entstehen derzeit gerade einmal 0,032 Unternehmen pro 10.000 Einwohner.
Deutschland ist nur punktuell sichtbar
Für die Bundesrepublik fällt die Bilanz der Neugründungen im Hightech-Bereich besonders schwach aus. Die wenigen sichtbaren Gründungscluster liegen nach den Daten vor allem im Umfeld von Großstädten wie Berlin, München, Bremen oder Frankfurt. Weite Teile Ostdeutschlands und viele Regionen entlang der früheren innerdeutschen Grenze bleiben fast unsichtbar.
Das heißt nicht, dass Deutschland keine Forschung, keine Technologie und keine Industriekompetenz mehr hat. Deutschland verfügt weiterhin über starke Unternehmen, Hochschulen, Institute und industrielle Erfahrung. Die Auswertung der Gründungszahlen im Hightech-Bereich zeigt aber, dass die Bundesrepublik bei der regional sichtbaren Gründungsaktivität nicht zu den dynamischsten Standorten Europas gehört.
Auch bei klassischer Industrie sieht es nicht beruhigend aus
Ein ähnliches Muster wird sichtbar, wenn man den Blick von Hightech auf allgemeine Industriegründungen ohne Baugewerbe erweitert. Für den Zeitraum 2021 bis 2023 zeigt sich, dass hier ebenfalls Zentral- und Osteuropa vorn liegen.
Prag nimmt wieder einen Spitzenplatz mit 26 Neugründungen pro 10.000 Einwohner ein, auch andere tschechische Regionen sind stark. Die Slowakei folgt dicht dahinter. Litauen liegt durchgehend über dem Durchschnitt. Auch Frankreich zeigt eine breite und vergleichsweise starke industrielle Gründungsbasis im Bereich allgemeiner Industriegründungen ohne Baugewerbe.
Deutschland kommt dagegen nur auf einen Median von 1,87 Neugründungen pro 10.000 Einwohner. Das liegt hinter Italien mit 2,6 und etwa auf dem Niveau Spaniens. Innerhalb Deutschlands entstehen neue Industriefirmen vor allem in kleineren Kreisen rund um bestehende industrielle Zentren, besonders in Bayern und Baden-Württemberg. Damit zeigt sich ein altes deutsches Muster. Auch jenseits von Hightech-Gründungen entsteht neue industrielle Aktivität vor allem dort, wo ohnehin schon industrielle Stärke vorhanden ist. Das stabilisiert bestehende Zentren, verbreitert aber nicht die wirtschaftliche Basis des Landes.
Entscheidend ist, wo die nächste Industrie entsteht
Deutschland ist damit nicht wirtschaftlich abgeschrieben. Noch immer hat das Land starke Firmen, exzellente Ingenieure, leistungsfähige Forschung und viel industrielle Erfahrung. Doch gerade deshalb ist es so gefährlich, wenn neue Hightech-Firmen und auch klassische Industriegründungen in Europa auffällig oft außerhalb Deutschlands entstehen. Die fortgesetzte Abwanderung von Unternehmen verstärkt dieses Warnsignal.
Deutschland braucht daher nicht nur die Rücknahme verfehlter Politik. Es braucht auch bessere Rahmenbedingungen für bestehende Industrien und neue Firmen: schnellere Genehmigungen, mehr Risikokapital, weniger Bürokratie, verlässliche Energiepreise und eine Infrastruktur, die Gründung und Wachstum nicht ausbremst.
Dazu gehört aber auch etwas, das in der deutschen Standortdebatte oft unterschätzt wird: Lebensqualität. Junge Gründer, Ingenieure und Fachkräfte gehen nicht nur dorthin, wo Steuern, Förderprogramme oder Laborflächen stimmen. Sie gehen auch dorthin, wo das Leben funktioniert: sichere Städte, normale Schulen, bezahlbarer Wohnraum, verlässliche Verwaltung, gute Infrastruktur und ein Umfeld, in dem Familien nicht nur arbeiten, sondern auch gut leben können.
Viele aufstrebende Regionen in Mittel- und Osteuropa, im Baltikum oder in der Schweiz wirken deshalb attraktiv: Sie verbinden wirtschaftliche Bewegung mit einem Alltag, der vielerorts geordneter, sicherer und familienfreundlicher erscheint. Das zeigt sich beispielsweise dort, wo man sich im Stadtpark erholen kann, mit der Familie ins Stadtbad geht, Schultoiletten sauber sind und Unterricht nicht ausfällt. Wer neue Industrie entwickeln will, braucht deshalb nicht nur Kapital und Technologie. Er braucht auch ein Land, in dem Leistung wieder zählt, Familien nicht als Störfall gelten und junge Menschen das Gefühl haben, dass sich Aufbau lohnt.
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