Wirtschaftsministerin Reiche: „Eine Energiewende, die Systemkosten ignoriert, wird das Land ruinieren, das sie zu retten vorgibt”
Ein Beitrag von
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche warnt angesichts der jüngsten Verwerfungen auf den Energiemärkten vor einer illusionsgetriebenen Debatte über die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland. In einem Gastbeitrag für die FAZ beschreibt sie die Folgen des Irankriegs und der Sperrung der Straße von Hormus als schweren Belastungstest für Wirtschaft und Verbraucher. Die Preise für Öl, Flüssiggas und Diesel seien in kurzer Zeit massiv gestiegen – mit unmittelbaren Folgen für Wachstum, Unternehmen und private Haushalte.
Reiche wendet sich dabei gegen die Vorstellung, die Krise lasse sich allein durch einen schnelleren Ausbau von Windkraft und Solarenergie lösen. „Viele fordern deshalb den sofortigen Ausstieg aus Öl und Gas. Man müsse nur Wind- und Solarenergie schneller ausbauen – und die Sache wäre gelöst“, schreibt sie. Ihre Antwort darauf fällt deutlich aus: „Nun, so einfach ist das nicht.“
„Unsere Industrie blutet aus, die Deindustrialisierung beschleunigt sich“
Zur Begründung verweist die Ministerin auf den gesamten Energiebedarf Deutschlands, der weit über den Stromsektor hinausreiche. „Deutschland hat einen Gesamtenergiebedarf von 2.900 Terawattstunden für Strom, Wärme, Mobilität und Industrieprozesse“, schreibt Reiche. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil davon entfalle überhaupt auf Strom. „Ein knappes Sechstel entfällt auf Strom, mehr als die Hälfte davon kommt aus erneuerbaren Energien.“ Bezogen auf den gesamten Energieverbrauch falle die Bilanz jedoch deutlich nüchterner aus: „Der Anteil Erneuerbarer am Gesamtenergieverbrauch lag 2025 aber gerade einmal bei knapp einem Fünftel.“
Reiche kritisiert, dass politische Zielmarken über Jahre hinweg die tatsächlichen Probleme des Systems überdeckt hätten. „Jahrelang haben wir uns mit ehrgeizigen Zielen beruhigt. 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren bis zum Jahr 2030, Klimaneutralität bis 2045 – schöne Zahlen, die unser schlechtes Gewissen besänftigen.“ Währenddessen hätten sich die wirtschaftlichen Belastungen immer weiter verschärft. „Aber während wir uns an diese Ziele klammerten, explodierten die Strompreise. Deutsche Haushalte zahlen bis zu 37 Cent pro Kilowattstunde – gut neun Cent über dem EU-Durchschnitt. Unsere Industrie blutet aus. Die Deindustrialisierung beschleunigt sich.“
„Systemkosten von über 36 Milliarden Euro pro Jahr“
Im Zentrum ihres Beitrags steht die Kritik an den Folgekosten des gegenwärtigen Ausbausystems. Reiche betont, dass nicht die Erzeugung selbst, sondern das Gesamtsystem immense Summen verschlinge. „Ja, Wind und Sonne schicken keine Rechnung. Das Gesamtsystem aber sehr wohl“, schreibt sie. Aufgezählt werden von ihr unter anderem „EEG-Kosten, Kapazitätsreserve, Netzreserve, Redispatch-Kosten, Netzsubventionen, Subventionen für die Senkung der Energiepreise“. All das summiere sich „auf Systemkosten von über 36 Milliarden Euro pro Jahr“. Reiche rechnet das auch auf den Einzelnen herunter: „Das sind 430 Euro für jeden Deutschen.“
Besonders scharf fällt ihre Kritik an den Entschädigungsmechanismen für erneuerbare Anlagen aus. „Fast drei Milliarden Euro zahlen wir allein dafür, dass Windräder und Solaranlagen abgeregelt werden, weil die Netze den Strom nicht aufnehmen können“, schreibt die Ministerin. Eine derart privilegierte Behandlung gebe es in keiner anderen Branche. „Es gibt keine andere Industrie, die eine über 20 Jahre garantierte Finanzierung erhält und sogar dann Entschädigung kassiert, wenn ihr Produkt nicht gebraucht wird.“
Für Reiche ist damit eine Grenze erreicht. „Das kann so nicht weitergehen“, heißt es in ihrem Beitrag. Die Branche der erneuerbaren Energien müsse sich neuen Realitäten stellen. „Die Branche der Erneuerbaren ist erwachsen geworden und muss jetzt Verantwortung übernehmen – systemisch und finanziell.“ Der Ausblick, den sie zeichnet, ist drastisch: „Bis 2035 steigen die Systemkosten auf 90 Milliarden Euro pro Jahr.“
Die Ministerin sieht die Ursachen dafür nicht in einem Einzelproblem, sondern in einer grundsätzlichen Fehlkonstruktion der deutschen Energiepolitik. „Das Problem ist strukturell“, schreibt sie. Deutschland habe „20 Gigawatt gesicherte, CO2-arme Kernkraft abgeschaltet“. Hinzu kämen „massive, politisch getriebene Netzinvestitionen und ein Marktdesign, das die Realität ignoriert“.
Daraus leitet Reiche ihre wohl schärfste Warnung ab. „Eine Tatsache wurde zu lange verschwiegen: Eine Energiewende, die Systemkosten ignoriert, wird das Land ruinieren, das sie zu retten vorgibt.“
„Die neue industrielle Revolution braucht große Mengen preiswerten Stroms“
Gleichzeitig stellt sie klar, dass am grundsätzlichen Ausbauziel für erneuerbare Energien festgehalten werden soll. Der Kurs müsse aber stärker an den tatsächlichen Voraussetzungen des Standorts Deutschland ausgerichtet werden. Reiche verweist auf natürliche und strukturelle Grenzen: „Deutschlands natürliche Gegebenheiten setzen Grenzen: begrenzte Gasvorkommen, die nicht einmal in der Krise genutzt werden sollen, begrenzte Wasserkraft, viel weniger Sonne als Südeuropa, große Entfernungen zwischen Erzeugung und Verbrauch.“
Mit Blick auf künftige industrielle Entwicklungen verschärft sie ihre Mahnung noch einmal. „Die neue industrielle Revolution – KI, Rechenzentren, elektrifizierte Industrie – braucht aber große Mengen preiswerten Stroms“, schreibt die Ministerin. Für den Wirtschaftsstandort stehe dabei weit mehr auf dem Spiel als nur die Energiefrage. „Wenn wir den nicht liefern, verlieren wir Investitionen, Innovation und Souveränität.“
Haben Sie einen Hinweis zu diesem Thema? Hier können Sie uns schreiben.
Haben Sie Fehler entdeckt? Dann weisen Sie uns gern darauf hin.
Mehr NIUS:
Klingbeils Schuldenorgie frisst Deutschlands Zukunft
Auto-Industrie: Porsche streicht weitere 4.000 Stellen
Größte Finanzkrise deutscher Kommunen seit Bestehen der Bundesrepublik: Die Kommunen stehen vor dem Bankrott
Wirtschaftsrat-Boss warnt vor Renten-Populismus: „Den Fallschirm nicht zu öffnen, ist keine Strategie“
Allianz-Chef Oliver Bäte: „Die Party ist zu Ende“
Arbeitslosigkeit sinkt nur leicht: Nahles sieht „kaum Veränderung“ am Arbeitsmarkt
Deutscher Händler für „seltene Erden“: „Die Amerikaner und Japaner kaufen gerade den Markt leer“
Studie: Deutsche Atomkraftwerke könnten schnell wieder ans Netz gehen
Mehr NIUS:
Wirtschaftsrat-Boss warnt vor Renten-Populismus: „Den Fallschirm nicht zu öffnen, ist keine Strategie“
Allianz-Chef Oliver Bäte: „Die Party ist zu Ende“
Arbeitslosigkeit sinkt nur leicht: Nahles sieht „kaum Veränderung“ am Arbeitsmarkt
Deutscher Händler für „seltene Erden“: „Die Amerikaner und Japaner kaufen gerade den Markt leer“
Studie: Deutsche Atomkraftwerke könnten schnell wieder ans Netz gehen
Wirtschaftsrat-Boss enttäuscht von Renten-Debatte: Deutschland glaubt an ökonomische Märchen
Italienisches Lebensgefühl auf zwei Rädern: Vespa wird 80
Rote Zahlen: Bosch-Chef Stefan Hartung geht vorzeitig
Redaktion
Artikel teilen
Kommentare