Stahl-Chefin Anne-Marie Großmann: „Wir gehen jeden Tag näher am Abgrund“
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Sie ist längst aus den Fußstapfen ihres Vaters Jürgen Großmann herausgetreten: Anne-Marie Großmann, promovierte Volkswirtin, Geschäftsführerin und Mitgesellschafterin des niedersächsischen Stahlherstellers Georgsmarienhütte (5500 Mitarbeiter) bei Osnabrück. Sie ist Chefin einer Branche, die in Deutschland ums Überleben kämpft. In der Welt sagt sie: „Ohne Umdenken in der Politik wird es künftig keinen Stahl mehr aus Deutschland geben.“

Die Friedrich Wilhelms-Hütte in Mülheim an der Ruhr gehört zur Real Estate GMH-Gruppe, zu der wiederum die Georgsmarienhütte gehört.
Problem mit dem Energiemarkt
Großmann beklagt zunehmend schlechte Standortbedingungen hierzulande und damit Wettbewerbsnachteile gegenüber Stahlherstellern aus anderen Ländern. Entscheidend dabei ist das Thema Energiekosten. „Wir haben ein Problem mit dem Energiemarkt in Deutschland“, sagt die Unternehmerin. Insbesondere der Strompreis sei eine Gefahr für die deutsche Wirtschaft – und speziell für Georgsmarienhütte. „Wenn wir keine Reduzierung bekommen, ist die Produktion einfach nicht rentabel.“ Großmann spricht dabei offen von Abwanderung.

Panorama des Thyssenkrupp Steel Stahlwerk in Duisburg-Bruckhausen.
Georgsmarienhütte gehört hinter Thyssenkrupp, Salzgitter und Arcelor Mittal zu den größten Stahlherstellern in Deutschland und erwirtschaftet einen Umsatz von 2,3 Milliarden Euro. Produziert wird Stahl für die Autoindustrie, für Maschinenbauer und für Kraftwerkstechnik und die Rüstungsbranche – aber nicht über die klassische Hochofenroute mit Koks und Kohle, sondern im sogenannten Elektrolichtbogenofen. Entsprechend hoch ist der Stromverbrauch, Großmann spricht von rund einer Terawattstunde pro Jahr. Das entspricht dem Verbrauch der 170.000-Einwohner-Stadt Osnabrück.
„Wir haben mehr als eine Verdoppelung der Energiekosten von 2019 bis heute bei ungefähr gleicher Produktion“, rechnet Großmann vor. 2019 habe ihr Unternehmen rund 37 Millionen Euro für Strom, Gas und Netzentgelte bezahlt, heute seien es 84 Millionen Euro – inklusive aller Entlastungen und Kompensationen. Das aber verhindere Investitionen. „Wir schauen uns derzeit jeden Euro an, den wir investieren, ob wir ihn überhaupt noch investieren können“, sagt Großmann. „Aber das ist natürlich keine Perspektive für ein Unternehmen, das in Generationen denkt.“
Wie lange kann Georgsmarienhütte überleben?
Und so wirft Großmann die Frage auf, wie lange Georgsmarienhütte überhaupt noch überleben kann am Standort Deutschland. „Wenn das so weitergeht und es keine Signale gibt, sind es nur noch ein paar Monate“, kündigt die Unternehmerin an. „Wir gehen jeden Tag näher an den Abgrund.“ Mit „Signale“ mein sie nach eigener Aussage Hilfen aus der Politik, etwa durch vergünstigten Industriestrompreis oder eine spürbare Entlastung bei den Netzentgelten. „Wenn sich die Perspektive nicht ändert, ist die einzige Schlussfolgerung, hier irgendwie mit einem Schrecken rauszukommen und dann zu versuchen, eine Perspektive im Ausland zu finden.“
Warme Worte aus der Politik
Denn wenn sich die Produktion nicht mehr rechne in Deutschland, werde man auch nicht mehr investieren. „Dann läuft es aus, dann produzieren wir den Stahl eben nicht mehr.“

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck.
Wie Großmann mahnen auch andere Stahlhersteller sowie Unternehmen aus weiteren energieintensiven Industriebranchen seit Monaten Entlastungen bei den Energiekosten an. Aus der Politik komme dabei auch stetig Zuspruch, auch von Bundeswirtschaftsminister Habeck (Grüne), berichtet Großmann. „Leider hat das aber zu nicht mehr geführt als zu warmen Worten. Ich habe schon viel und oft wir wollen und wir werden gehört. Aber am Ende zählt nur das, was wirklich kommt. Wir brauchen Taten. Das müsse eine neue Bundesregierung angehen.“
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