Top-Ökonom Hans-Werner Sinn: „Deutschland richtet die Industrie zugrunde“
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Auch im Ruhestand hat seine Stimme Gewicht: Hans-Werner Sinn (76) gehört noch immer zu den führenden Ökonomen in Deutschland und Europa. Der Ostwestfale war von 1999 bis 2016 Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Der verwitwete Vater dreier Kinder hält fünf Ehrendoktortitel.
In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung spricht er über das Verbrenner-Verbot, warum E-Autos nicht CO2-frei sind und über die einseitige Ausrichtung von Wind- und Sonnenstrom. Werner Sinn über ...
... den zunehmenden Dirigismus in Deutschland:
„Jüngst lobte sich der scheidende Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow, dass in seiner Legislaturperiode über hundert neue Gesetze und Verordnungen erlassen worden seien. Das zeigt eine verkorkste Denkweise in diesem Land.“

Der scheidende Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow.
... die Ordnungspolitik der Grünen:
„Die neue Ordnungspolitik der Grünen ist nichts als alter Dirigismus. Auch die EU fährt hier mit ihren Taxonomie-Verordnungen in die falsche Richtung. Nicht kundige Investoren, die um ihr Geld bangen, sondern realitätsferne Politiker entscheiden, in welche Branchen Geld fließen soll und in welche nicht.“
... den Umstieg auf Elektroautos:
„Elektroautos sind nicht CO2-frei, wie die EU behauptet. Mit der Batterie trägt jedes Auto einen schweren CO2-Rucksack, und der Auspuff ist zwar nicht am Auto festgemacht, steht aber meistens ein paar Kilometer weiter im Kohlekraftwerk. Das Verbrenner-Verbot hat Deutschland zusammen mit anderen energiepolitischen Sünden in die Deindustrialisierung getrieben.“

Mit der Batterie trägt jedes Auto einen schweren CO2-Rucksack.
... den Kampf gegen Klimawandel:
„Es wäre richtig, wenn sich alle Länder zusammentäten, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Davon kann aber nicht die Rede sein. Nur die Europäer und ein paar andere grün gesinnte Länder machen mit. Und weil das so ist, fließt das Erdöl, das die grünen Länder nicht mehr verbrauchen, über die Märkte zu fallenden Preisen in andere Länder und wird dort verbrannt. In der Erde bleibt es jedenfalls nicht. Der Effekt der Verbote ist nicht nur klein, weil Europa klein ist, sondern er ist null, weil Europa vergeblich versucht, die Scheichs durch seine Nachfragepolitik zu besiegen.“
... deutsche Vorbildpolitik:
„Deutschland richtet seine eigene Industrie zugrunde. Das werden andere Länder begrüßen, aber nicht kopieren. Denn deren eigene Industrie wird über das zufließende Öl sogar gefördert.“
... die deutsche Energiewende:
„Das Verbrenner-Verbot ist sofort zu kippen. Der eigene Kohleabbau sollte stattdessen unilateral zurückgefahren werden. Technisch müssen wir zurück zur Kernkraft, damit wir wieder niedrige Strompreise bekommen. Man könnte einige der stillgelegten Reaktoren mit überschaubaren Kosten wieder in Betrieb nehmen. Man sollte auch die einseitige Ausrichtung auf Wind- und Sonnenstrom hinterfragen, denn dieser Strom ist flatterhaft und nicht regulierbar.“

Das abgeschaltete Kernkraftwerk Biblis.
... Deutschlands Beziehung zur Atomkraft: „Die Einwohner von Biblis haben gegen die Schließung des dortigen Atomkraftwerks protestiert. Da ging es auch um Arbeitsplätze. Weltweit werden zurzeit Hunderte konventionelle Atomkraftwerke neu geplant. Die Atomkraft ist wieder im Kommen. Nur Deutschland ist nicht dabei.“
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