Trotz schrumpfender Wirtschaft und Inflation: Warum die Deutschen (noch) ruhig sind
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- Viele Wirtschaftsindikatoren für Deutschland sagen: Der Abstieg droht.
- Parallel dazu steigen die Preise und die Löhne kommen nicht hinterher.
- Trotzdem gibt es kaum Aufbegehren in der Bevölkerung: Warum (noch nicht)?
Die Meldungen aus der deutschen Wirtschaft überschlagen sich. Fast täglich liest oder hört man von weiteren negativen Entwicklungen: Deutsche Industrie wandert ab, Neuaufträge für die Wirtschaft brechen ein, das Wachstumspotential schwindet – trotz alldem gibt es keine großen Demonstrationen gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung. Die Menschen gehen ganz normal arbeiten.
Aber warum ist das so? Eine Analyse.
Einen Hinweis gibt der Blick in die Arbeitsmarktdaten. Die offizielle Arbeitslosenquote ist in Deutschland auf einem der niedrigsten Stände der letzten Jahrzehnte. Die im Oktober 2022 begonnene deutsche Rezession hat noch nicht dazu geführt, dass die Arbeitslosigkeit sprunghaft angestiegen ist. Rezessionen der letzten Jahrzehnte sind hingegen mit steigender Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit etc. verbunden gewesen. Also alles diesmal halb so wild?
Wegen Inflation: Wir spüren das Schrumpfen nicht
Der Unterschied zu vergangenen Rezessionen liegt darin, dass die Schrumpfung der deutschen Wirtschaft mit der höchsten Inflation der letzten 60 Jahre in Deutschland einherging und einhergeht. In Zeiten hoher Inflation steigen gewöhnlich die Margen der Unternehmen. Die Unternehmen können ihre Produkte und Dienstleistungen für einen höheren Preis verkaufen. Relativ dazu sinken die Kosten für Arbeitskräfte. Das hat dazu geführt, dass die Reallöhne von abhängig Beschäftigten in Deutschland im letzten Jahr so negativ wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sich entwickelt haben.

Die Entwicklung der Reallöhne geht nach unten.
Die abhängigen Beschäftigen werden also ärmer. Andererseits steigt bei sinkenden Reallöhnen die Nachfrage nach Arbeitskräften. Diese Rezession ist deshalb - bisher - anders, weil sie mit einem nominalen Wachstum, bei realer Schrumpfung der Wirtschaftsleistung - durch die Inflation - verbunden ist. Die Menschen spüren schon, dass sie real weniger Geld in der Tasche haben, es droht ihnen aber nicht die Entlassung.
Spezifisch deutsches Problem
Eine hohe Inflation hat man nicht nur in Deutschland gesehen, sondern auch in vielen anderen Teilen der Welt. Der Unterschied besteht hingegen darin, dass die deutsche Wirtschaft schrumpft, während andere Volkswirtschaften noch wachsen. Der Grund für die aktuelle Schwäche ist also nicht im klassischen Konjunkturzyklus zu suchen, sondern ist spezifisch deutsch.
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Blicken wir beispielsweise auf das verarbeitende Gewerbe - das deutsche Rückgrat - dann stellen wir fest, dass die vorlaufenden Indikatoren in weiten Teilen der Welt auf eine Schrumpfung in diesem Bereich hindeuten, jedoch nirgendwo so krass wie in Deutschland.

Der Einkaufsmanagerindex deutet in Deutschland auf Abstieg hin.
Die Grafik zeigt den Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe in Deutschland. Werte unter 50 deuten auf eine Schrumpfung hin. Werte unter 45 deuten eindeutig auf eine Rezession hin. Der aktuelle Wert von 38,8 lässt keinen anderen Schluss zu: Die deutsche Industrie befindet sich in einer gewaltigen Krise.
Die völlig planlos wirkende deutsche Energiepolitik vertreibt Unternehmen und Investitionen regelrecht aus Deutschland. Aber nicht nur das verarbeitende Gewerbe meldet alarmierende Zahlen. Blicken wir auch auf die Entwicklung der Einzelhandelsumsätze: Diese sind real um 5,1 Prozent niedriger als im Vorjahr. Noch viel krasser ist, dass diese sogar um 4,7 Prozent niedriger als vor zwei Jahren sind. Es kann aber niemanden verwundern, dass real ärmere Menschen weniger einkaufen gehen.

Die Auslandsaktivitäten deutscher Firmen stehen unter Druck aufgrund der trüben Wirtschaftslage, internationaler politischer Konflikte und der starken Inflation.
Schwächelnde Wirtschaft + hohe Inflation = böses Erwachen
Der Blick voraus verheißt leider ebenso wenig Gutes: Zu der spezifisch deutschen Schwäche kommt in den nächsten Quartalen die Kehrtwende der EZB und das deutlich höhere Zinsniveau hinzu. Sinkende Immobilienpreise und die eingebrochene Bautätigkeiten sind die ersten Vorboten dieses höheren Zinsniveaus. Dieses dürfte insgesamt auf die europäischen Volkswirtschaften negativ wirken.
Positiv dürfte es die Steigerungsrate der Preise – die Inflation – reduzieren, das verändert allerdings die anfangs beschriebenen Rahmenbedingungen für Unternehmen. Wenn nun die Margen der Unternehmen zurück gehen, die Finanzierungskosten steigen und der Faktor Arbeit real wieder teurer wird, könnte es ein weiteres böses Erwachen geben.
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Ein Sinken von Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig sinkender Inflation ist die schwierigste Phase für eine Volkswirtschaft - die klassische Rezession. Ein Faktor könnte dämpfend auf einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit wirken: Der demographische Wandel. Bereits jetzt und vor allem in den kommenden Jahren gehen viele Ältere in den Ruhestand. Die natürliche Schrumpfung der Anzahl der Arbeitskräfte führt dazu, dass trotz möglichen Reduzierung der Nachfrage nach Arbeitskräfte, es nicht - wie in der Vergangenheit - zu Entlassungen kommen muss.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) führt im Thyssen-Krupp-Stellwerk vor einem Hochofen ein Gespräch mit Unternehmensvertretern.
Trotzdem ist mit einem solchen Szenario ein deutlicher Abstieg des Wohlstandsniveaus in Deutschland verbunden und der einsetzende demographische Wandel wird über die nächsten Jahrzehnte insgesamt ein großes Problem sein. Und ob die Menschen dann immer noch - trotz gegebenenfalls höherer Arbeitslosigkeit und niedrigerem Wohlstandsniveau - diese Entwicklungen hinnehmen werden, bleibt abzuwarten.
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