Neue Spitznamen und ein fragwürdiges Alter: Die zwei Leben des südsudanesischen U-Bahn-Mörders Ariop A.
Vor einem blauen Fenster steht ein hagerer schwarzer Mann in einem weißen Fußballtrikot von Manchester United, ein ausgebleichter Schriftzug des Sponsors AON prangt auf der Brust. Der Afrikaner, dürr und groß gewachsen, wird sich in Deutschland Ariop A. nennen – und hierzulande zum Mörder werden. Am vergangenen Donnerstag stieß A. die 18-jährige Iranerin Fatemeh D. vor eine einfahrende U-Bahn an der Station Wandsbek-Markt in Hamburg. Und noch immer ist unklar, wer der Mann war, der nach Deutschland eingeflogen wurde. Recherchen von NIUS zeigen nun, dass der Mann zwei Leben geführt haben muss – und niemand in seiner ostafrikanischen Heimat versteht, wie er das Leben einer Unschuldigen auslöschen konnte.
NIUS veröffentlicht nun erstmals Fotos des Mannes, die erst durch eine aufwendige Social-Media-Recherche aufzufinden waren. Die Suche begann mit dem Namen, unter dem er in Deutschland bekannt wurde: Ariop A. Doch nach Informationen von NIUS umfasst diese Vor- und Nachnamenskombination nur zwei der vier Namen, unter denen die Behörden den Südsudanesen in ihren Akten hierzulande führen. So soll die Ausländerbehörde den Mann etwa unter dem Namen Ariop Moses A. verzeichnet haben, so nennt ihn auch die Bild. Erst durch einen Abgleich verschiedener Kombinationen der vier Namen stieß NIUS auf Profile des Mannes auf TikTok und Facebook. Dort nennt sich der Südsudanese, der 2024 nach Deutschland kam, nicht so, wie er hier in Akten geführt oder in Medien genannt wird. Sondern verwendet Identitäten wie: Matatu Awan Liok und Awan Matatu.
Diese Namen aus Social-Media-Profilen, die auf eine Herkunft aus dem Volksstamm der Dinka hindeuten, geben erstmals Einblick in das Leben des Mannes in Afrika, genauer gesagt: im kenianischen Flüchtlingslager Kakuma. „Matatu“ bezeichnet auf Swahili private Minibusse; der Begriff leitet sich vom Wort für „drei“ (tatu) ab und bezieht sich auf den anfänglichen Fahrpreis von drei Münzen (etwa 30 Cent) in Kenia. Nach Informationen von NIUS gibt dieser Alias einen Rückschluss auf eine Tätigkeit Ariop A.s als Fahrer.

Im Manchester United Trikot für die „Tigers“ kickend: Ariop A. im Flüchtlingslager in Kenia.

Der spätere Täter von Hamburg beim Friseurtermin.

In Gummistiefeln in Afrika: Ariop A. mit Freunden in Kenia.
„Guten Start im neuen Leben, meine Jungs“
NIUS konnte zudem mit Personen aus Kenia sprechen, die den Südsudanesen kannten, darunter Bekannte von der „Kakuma Refugee Secondary School“, einer Schule im Flüchtlingslager, das bis zu 250.000 Menschen beherbergt. Dort sei der Südsudanese unter einem weiteren Spitznamen, „Awan“, bekannt gewesen, so berichtet es ein Mann namens Ali, der sieben Jahre lang (von 2017 bis 2024) der beste Freund von Ariop A. in Kenia gewesen sein will. A. sei 2017 in Kakuma angekommen, nachdem er vor dem Krieg im Südsudan geflohen war, einem Konflikt, der ihn tief gezeichnet hatte, wie der Freund es formuliert: „The war scared him“, sagt er in schwer verständlichem Englisch. Er hatte Freunde und galt als „good guy“. Awan soll in Kenia Fußball mit anderen gespielt, in einer Mannschaft namens „Tigers“ aktiv gewesen sein. Zudem soll er Christ gewesen sein, betete regelmäßig und trank in Kakuma nie Alkohol, so erzählt es der beste Freund. Die Schilderungen klingen, als hätte A. zwei Leben gehabt: eines in Kenia, das nichts gemein mit dem in Deutschland hatte.
Eine Facebook-Suche nach „Matatu Awan Liok“ zeigt zudem Posts von Afrikanern, die aus dem Juni 2024 stammen und wenige Tage vor seiner Ausreise verfasst worden sind. Darunter finden sich Glückwünsche zu einem „sicheren Flug“ nach Deutschland, mit Flaggen und Emojis versehen. „Guten Start im neuen Leben, meine Jungs“, heißt es anderswo.

Nicht nur Fan von Manchester United, sondern auch FC Chelsea-Anhänger: Der Südsudanese galt als großer Fußballfan.

Facebook-Beiträge wünschen guten Flug.
Diese Glückwünsche zeichnen ebenso wie die Schilderungen seiner Bekannten ein Bild, das mit den Berichten aus Hamburg kollidiert: Der Mann, der in Kenia als sanfter Fußballfan galt, wurde in der Fremde zu einem isolierten Außenseiter. In Deutschland lebte Ariop A. nach Recherchen von NIUS in einer Containerunterkunft in Wandsbek. Bewohner beschreiben ihn als isoliert, aggressiv, alkoholabhängig. „Er war nicht normal“, sagt ein Mitbewohner, von „Kopfproblemen“ ist die Rede. A. soll täglich Bier konsumiert, mit „arabischen Menschen“ gestritten, eine Katze attackiert und sexuelle Dienste in Frauenkleidern angeboten haben. Polizeilich trat A. mehrfach in Erscheinung, unter anderem wegen Widerstands gegen Beamte und Sachbeschädigung. Die Verfahren wurden eingestellt. Sechs Stunden vor der Tat soll der Südsudanese nach Informationen von NIUS bereits Alkohol getrunken haben.
Wie es dazu kam, dass der Südsudanese in der Bundesrepublik in einen Abwärtsstrudel geriet, ist unklar. Bekannte schildern, wie er mit der Ausreise Hoffnungen auf einen Neubeginn verband und eigentlich ankommen wollte. Aus Deutschland habe sich der Südsudanese immer wieder aus Sprachkursen gemeldet und berichtet, Schwierigkeiten zu haben, Deutsch zu lernen; auf TikTok folgte der spätere Täter vom U-Bahnhof einem Account namens „Deutsch für Anfänger“.
Ein hagerer Riese zwischen Wellblech
Weitere Bilder aus seiner Zeit in Afrika, die NIUS exklusiv vorliegen, zeigen einen Mann, der mitunter älter wirkt als seine angeblichen 25 Jahre – hager, mit hohlen Wangen und einem Blick, der oft in die Ferne schweift. A. ist überdurchschnittlich groß, vermutlich über 1,90 Meter, was zu Schilderungen seiner späteren Mitbewohner in der Hamburger Unterkunft passt, die von einem „großen schwarzen Mann“ sprachen. Ein anderes Foto fängt ihn in einem blauen Chelsea-Trikot ein, sitzend auf einem Plastikstuhl in einem Raum mit gefliestem Boden in Denkerpose. Seine Beine sind knochig, seine Arme lang. Insgesamt wirkt der Mann in der Zeit in Afrika nicht reich, aber keineswegs bettelarm oder unglücklich.
Aus der Zeit in Deutschland sind NIUS mehrere Bilder überliefert. Ein Bekannter veröffentlichte ein Bild des Südsudanesen, das ihn im Schnee zeigt, in einer schwarzen Jacke, mit einer Wollmütze auf dem Kopf. Darunter der Text: „Rip matatu is too early to lost you Awan“. Im Hintergrund sind Logos der Deutschen Post und ein Speditionswagen von Möbel Höffner zu sehen. So gut wie alle Personen, mit denen NIUS sprechen konnte, verweisen aber darauf, dass Matatu und Awan die Namen sind, unter denen A. in Kenia firmierte. Auf einem weiteren Facebook-Profil, das NIUS vorliegt, nennt sich der Südsudanese Moses A. Das Nutzerkonto weist 408 Freunde auf – fast allesamt Afrikaner – und dokumentiert seine Zeit in Hamburg.

Ankunft in Deutschland: Ariop A. in seiner Unterkunft in Hamburg.

Der Südsudanese im deutschen Winter. Wohl nicht der einzige Kulturschock.

Vom UNHCR ausgewählt, in Deutschland aufgenommen: Ariop A. in seiner neuen Heimat.

Der hagere Mann war in seiner Heimat beliebt.
Die Lebensrealitäten des Südsudanesen in Kenia sind auch deshalb von Bedeutung, weil noch immer nicht klar ist, wie es dazu kommen konnte, dass die Bundesrepublik einen späteren Mörder einflog. A. war im Juni 2024 über das Resettlement-Programm nach Deutschland eingereist, ausgewählt vom UNHCR im Rahmen einer humanitären Aufnahmezusage. Als Vollwaise, der er mit elf Jahren durch die Tötung seiner Eltern durch islamistische Kämpfer geworden sein soll, galt er als „besonders vulnerabel“. Wie die Bild berichtet, blieb beim Südsudanesen ein Sicherheitscheck aus. Trotzdem wurde dem Mann die Einreise vom Auswärtigen Amt (unter Annalena Baerbock, Grüne) und vom Innenministerium (unter Nancy Faeser, SPD) bewilligt. Am 13. Juni 2024 flog A. schließlich per Charterflug nach Deutschland. Auf eine Anfrage von NIUS, wie man zu den Spitznamen und Fragen rund um das Geburtsdatum stehe, teilten Innenministerium und BAMF mit, dass man sich zu Einzelfällen grundsätzlich nicht äußere.
Dabei stellen sich sehr wohl Fragen hinsichtlich Ariop A.s Geburtsdatums. Behörden führen ihn als am 1. Januar 2001 geboren. In Flüchtlingsakten ist dieses Datum oft ein Platzhalter, wenn keine Geburtsurkunde vorliegt. Warum dies der Fall ist bei einem Bürgerkriegsflüchtling, leuchtet womöglich ein. Ermittler sollen sich aber nach Informationen von NIUS sehr wohl die Frage stellen, ob der Mann wirklich 25 Jahre alt war. Die Gesprächspartner, mit denen NIUS sprechen konnte, können trotz regem Kontakt weder ein Geburtsjahr noch ein Geburtsdatum benennen. Zumindest bemerkenswert erscheint, dass der beste Freund von Ariop A. aus seiner Zeit in Kenia sich auch nicht entsinnen konnte, dass A. jemals den Tod seiner Eltern erwähnte.
Die schöne Seele soll in „ewigem Frieden“ ruhen
In einem Beitrag auf Facebook, verfasst im Gedenken an A., heißt es: „Seit 2017 bis zu dem Tag, an dem du uns verlassen hast, fühlt es sich immer noch unwirklich an, dass du gegangen bist, Kuat.“ A. sei mehr als ein Freund, sondern Bruder, wahrer Begleiter und eine Quelle der Stärke für viele. „Deine Güte, Loyalität und dein Mut werden niemals vergessen werden. Wir danken Gott für die Zeit, die wir mit dir geteilt haben, auch wenn sie zu kurz war. Möge deine Seele in ewigem Frieden ruhen, Matatu Raandie. Du wirst für immer in unseren Herzen und Gebeten leben.“ Dem Post ist auch ein WhatsApp-Screenshot angefügt, der zeigt, dass der Freund bis vor zwei Wochen mit dem Südsudanesen A. telefoniert hatte. Auch in dem Handy wird Ariop A. unter dem Namen „Matatu Awan Liok“ ausgewiesen, den er auf Social Media nutzte.

Bewegende Worte für den Mann, der einst Freund war – und in Deutschland zum Mörder wurde.
Die Reaktionen unter dem Beitrag spiegeln Trauer wider. „Traurige Nachrichten, nimm es dir zu Herzen und sei stark, Bruder, wir haben ihn sehr geliebt, aber Gott liebt ihn am meisten“, heißt es dort. Ein anderer User schreibt: „So traurig, und möge seine Seele in Frieden ruhen.“ Andere Nutzer schreiben von einer „schönen Seele in ewigem Frieden“ – oder nennen den Verstorbenen eine lebensfrohe Person, die zu früh gegangen sei.
Es scheint den einstigen Wegbegleitern und Freunden nicht ansatzweise klar zu sein, dass Ariop A. nicht nur für Probleme in Deutschland sorgte, sondern Suizid beging und dabei ein 18-jähriges unschuldiges Mädchen mit in den Tod riss.
Auch bei NIUS: U-Bahn-Killer Ariop A. kam über „Resettlement-Programm” der UNO aus dem Südsudan nach Deutschland
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Eric Steinberg
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