Ist Deutschland bereit für eigene Atomwaffen?
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Chris BeckerDie Atomwaffen-Debatte ist zurück, und mit ihr die altbekannten Muster öffentlicher und fachlicher Redeschlachten um Sinn und Schrecken der Kernwaffe als solcher. Der Zeitpunkt für eine seriöse Auseinandersetzung ist günstig und geradezu geboten. Denn die deutsche Diskussion um nukleare Themen wird seit jeher äußerst aufgeregt geführt; sie braucht Nüchternheit und Ordnung. Die Frage lautet nicht, ob wir in einer atomaren Welt leben, sondern schlicht, wie wir uns in einer solchen verhalten wollen. Somit sind deutsche (oder im weiteren Sinne „europäische“) Nuklearwaffen mitnichten ein bloßes Gedankenspiel, sondern drängen durch die Kräfte der Geopolitik unvermeidbar zurück auf die Tagesordnung.
Zwischen Mythos und Schreckgespenst
Eigentlich standen die Ausgangsbedingungen einmal gut für die deutsche Bombe. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war das Kaiserreich ein weltweit führender Standort bei beinahe allen Faktoren, die die Entwicklung des Nuklearpotentials begünstigten. Deutschland verfügte über das weltweit beste Bildungssystem, das herausragende Physiker und Ingenieure hervorbrachte, sowie über eine produktive Hochtechnologieindustrie. Das dichte Netz an Forschungsinstituten und die Vernetzung mit Wirtschaft und Militär brachten einen leistungsfähigen Rüstungssektor hervor; Deutschland glänzte mit bahnbrechenden Erfindungen in der Elektrotechnik und der aufkeimenden Luftfahrt. Der effiziente Verwaltungsapparat ermöglichte die erfolgreiche Abwicklung großer Projekte, die wachsende Industrie trieb den Ausbau der Energieinfrastruktur voran. Bismarck hinterließ den Deutschen einen politisch stabilen und konsolidierten Staat, der in der Mitte des europäischen Kontinents lag. Noch war die baldige Bedeutung des Atoms nicht im Detail absehbar; auf dieser Flugbahn hatte die zivile und militärische Kernkraft aber eine große Zukunft.

Sorgte immer wieder für Kontroversen wegen Vorstöße für deutsche Atomwaffen: Franz-Josef Strauß (CSU).
Doch die kolonial motivierte Flottenrüstung des 19. Jahrhunderts, ein furchtbarer Fehler in der Militärdoktrin, führte in den Ersten Weltkrieg. Das warf das Land durch Niederlage und einen harten Frieden in allen Bereichen zurück. Deutschland verpasste den Einstieg in Luftfahrt und Kernkraft; die durch Schulden und bestialische Plünderung finanzierte Aufholjagd der Nazis endete für ganz Europa in einer Katastrophe. Der 8. Mai 1945 hatte zur Folge, dass die Deutschen ihre Haltung zum Militär überkorrigierten: Sie verklärten sich zu Pazifisten aus Prinzip. Der Saulus wurde zum Paulus: Beide deutschen Staaten schlüpften unter den nuklearen Schutzschirm ihrer Schutzmächte USA und Sowjetunion. Inzwischen war die Welt so atomar wie nie zuvor, und die beiden Deutschlands waren die Frontstaaten im erwarteten Dritten Weltkrieg zwischen West und Ost. Raketen flogen bis zum Mond, Bomber konnten ganze Kontinente überqueren, Nuklearwaffen gab es in allen Größen und Formen. Zwar versuchten westdeutsche Politiker wie Franz-Josef Strauß, aus der Bundesrepublik eine Atommacht zu machen, anfangs sogar klammheimlich.
Gleich drei heutige Bundesministerien (das Bildungsministerium, das Umweltministerium und das Verteidigungsministerium) verdanken ihre Aufstellung auch dem Versuch des bayerischen Politikers, die zivile und militärische Kernkraftnutzung in Deutschland noch zu erreichen. An der Militär- und Atomskepsis der Deutschen scheiterte letztlich jedoch jeder Versuch, der in diese Richtung zielte. Die Gegnerschaft zur militärischen und zivilen Kernkraftnutzung brachte in Westdeutschland mit den Grünen sogar eine bis heute diskursprägende neue Partei hervor. Historische Ereignisse und Entscheidungen wie der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki, die Kuba-Krise und der drohende nukleare Schlagabtausch, der Reaktorunfall in Tschernobyl, die Stationierung der Pershing-Mittelstreckenraketen, die nukleare Teilhabe der Luftwaffe in der Eifel bis hin zu einem Tsunami in Fukushima wurden zu regelrechten Schicksalsfragen und neuralgischen Punkten der jüngeren Landesgeschichte. Die friedliche Wiedervereinigung in den 1990er Jahren und die Atomwende der CDU unter Angela Merkel schienen die Deutschen in ihren Grundannahmen historisch zu bestätigen, obwohl beide auch deshalb möglich waren, weil andere Länder (die USA durch ihr Kernwaffenarsenal, Frankreich und andere Nachbarn durch günstigen Atomstrom) die Rahmenbedingungen schufen.

Bundeswehrsoldaten, die 1983 trotz Verbots an einer Großkundgebung im Bonner Hofgarten teilnehmen und mit einem Transparent und einer Pershing-II-Attrappe gegen die Nachrüstung demonstrieren.
Heute, angesichts neuer geopolitischer Spannungen wie dem Konflikt in der Ukraine und der wachsenden Rivalität zwischen den USA und China, rückt die Debatte über eine eigenständige europäische Nuklearstrategie erneut ins Rampenlicht. Deutschland, als wirtschaftliche Führungsmacht in der EU, steht vor der Herausforderung, seine Abhängigkeit von den USA zu überdenken, während Russlands aggressive Haltung die Notwendigkeit robuster Abschreckung unterstreicht. Eine eigene Nuklearoption könnte nicht nur die Souveränität stärken, sondern auch die transatlantischen Beziehungen auf Augenhöhe stellen. Dennoch bleibt die gesellschaftliche Skepsis tief verwurzelt, geprägt von einer Kultur des Pazifismus, die in Schulen und Medien gepflegt wird. Eine nüchterne Diskussion müsste daher die Risiken der Proliferation gegen die Vorteile einer balancierten Machtverteilung abwägen, ohne in alte Ängste zurückzufallen.
Zusätzlich birgt die Debatte Chancen für technologische Innovationen in der zivilen Kernenergie, die Deutschland in Zeiten des Klimawandels dringend braucht. Statt einer reinen Ablehnung könnte eine differenzierte Haltung – etwa durch Investitionen in sichere Kernfusion oder kleine modulare Reaktoren – die Energiewende vorantreiben und die Abhängigkeit von fossilen Importen reduzieren. Historisch gesehen hat Deutschland bereits Potenzial in der Forschung gezeigt; eine Rückkehr zu einer ausgewogenen Kernpolitik könnte nicht nur militärische, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bringen. Letztlich geht es darum, aus der Vergangenheit zu lernen, ohne von ihr gefangen zu sein, und eine Position zu finden, die Europas Stabilität in einer multipolaren Welt sichert.

Mit der „Enola Gay“ warfen die USA eine Atombombe auf Hiroshima.
Kaum eine andere Frage ist mit dem bundesrepublikanischen Schicksal so eng verwoben wie die Nuklearfrage. In ihr kulminieren sämtliche Erzählungen um die Lebenswirklichkeit der Bundesbürger und werden zu einem Super-Narrativ verquickt. Das Armageddon des 8. Mai mit seinen zerstörten Städten und Millionen Toten, die permanente Kriegsangst des Kalten Krieges, die Furcht vor der „Verstrahlung“ durch Regenwolken aus Tschernobyl und radioaktive Gemüsesorten aus Osteuropa.
Noch meine Generation musste Gudrun Pausewangs „Die Wolke“ in der Schule lesen, ein Werk, in dem jungen Mädchen die Haare ausfallen. Ohne Schamgefühl wurden in Politik und Medien die japanischen Tsunami-Toten zu Opfern eines Reaktorunglücks umgedeutet, beinahe aus einem Reflex heraus. Wenn schon die zivile Atomkraft das Volk in seinem Überleben bedroht, dann ist deren militärische Nutzung unter den Nachkommen der Wehrmacht ein unbedingtes Sakrileg. Nur so ist die spirituelle Aufladung von Energiewende und Bundeswehr-Abrüstung zu erklären.

Wird in manchen Schulen gelesen: Das Jugendbuch „Die Wolke“ gehört fest zur Trickkiste der Atomgegner.
Raus aus der Trance, rein in die Realität
Höchste Eisenbahn also, nach so vielen Jahrzehnten einmal eine kalte Dusche zu nehmen und mit wachen Augen in die Welt um uns herum zu schauen. Wie in beinahe allen relevanten Bereichen der Geopolitik hat sich ein gewaltiger Teil der Bevölkerung im Ideal gemütlich gemacht, sodass sich bereits die Erwähnung der Realität wie ein dreister Verrat anfühlt. Doch nie zuvor wurden so viele Atomkraftwerke gebaut wie derzeit. Selbst innerhalb Europas, dem Nichtschwimmerbecken der Realpolitik, gilt die Kernenergie als CO2-neutrale Alternative. Technische Revolutionen, wie die Reduktion des sogenannten Atommülls auf ein faustgroßes Minimum, erreichen von Finnland ausgehend zwar Nordamerika, nicht aber das Berliner Regierungsviertel oder die braven deutschen Fernsehzimmer.
Eine energieintensive Volkswirtschaft wie Deutschland wirft sich so freiwillig und ohne globalen Nutzen hinter andere, auch konkurrierende Staaten zurück, wird zum energiepolitischen Geisterfahrer. In der Sicherheitspolitik ist der langfristige Schaden noch größer. Zwar vergeht kaum ein Tag, an dem nicht vor dem möglichen Einsatz russischer Atomwaffen gewarnt und gleichermaßen der drohende Abzug des amerikanischen Nuklearschirmes angekündigt wird. Und doch fällt den Verantwortlichen nichts ein als der fantasielose Verweis auf das mickrige französische Arsenal, das an die Stelle des amerikanischen treten könnte. Das ist nicht nur militärstrategischer Unfug, es mündet auch in der offensichtlichen Abtretung unserer Souveränität nach Frankreich im Gegenzug für eine Schuldenunion. Regiert in Paris einmal eine Partei, die Deutschland nicht einbinden oder verteidigen möchte, steht das republikanische Bürgertum allerdings wieder vor dem gleichen Dilemma.

Bei den traditionellen Maiumzügen (hier in Dortmund 1971) wurde immer wieder gegen Atomwaffen demonstriert.
Dabei gibt es unterschiedliche Arten von Atomwaffen.
Viele deutsche Fehlannahmen über Nuklearwaffen gründen bereits darin, dass die meisten hierzulande so gut wie nichts über sie wissen. Das trägt zu einer unhandlichen Legendenbildung bei. Hiroshima und Tschernobyl bilden dabei die Ankerpunkte einer Diskussion von vorgestern. Zwar sind Atomwaffen selbstverständlich zerstörerisch und gefährlich, sonst würden sie gegen einen möglichen Feind auch nicht eine derartige Abschreckungswirkung entfalten. Doch sind sie mitnichten alle „Massenvernichtungswaffen“. Ihr Spektrum reicht von Sprengköpfen mit großem Wirkungsgrad bis hin zu Artilleriegranaten, die vor allem auf dem Schlachtfeld eingesetzt werden. Sie dienen der Zerstörung und Verlangsamung gegnerischer Kräfte und nennen sich „taktische“ Nuklearwaffen. Außerdem gibt es kleinere Sprengköpfe, die beispielsweise von einem Flugzeug über dem Gefechtsfeld abgeworfen werden. Aus rüstungspolitischer Sicht bedeutet das, dass eine Nation sich auch mit Nuklearwaffen ausstatten könnte, die keineswegs zum unterschiedslosen Einsatz gegen zivile Innenstädte bestimmt sind.

Arm aber „armed“: Selbst Nordkorea verfügt über Atomwaffen.
Die viel größere Fehlannahme findet sich jedoch in der Wirkweise moderner Kernwaffen. Die durch Film und Fernsehen geprägte Vorstellung geht davon aus, dass durch eine atomare Explosion eine gnadenlose, schmutzige Radioaktivität entsteht, deren Folge jahrzehntelange Horrorbilder sind. Doch diese Perspektive ist bereits seit Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht technisch überholt: Moderne Nuklearwaffen sind nicht nur präziser und in ihrer Wirkung besser skalierbar, sondern erzeugen so viel Hitze, dass das strahlende Material – vereinfacht gesagt – fast vollständig verbrennt.
Die entstehende Kontamination ist eklatant geringer und führt nicht zu einer Zombie-Apokalypse im Hollywood-Stil. Letztlich ist anzumerken, dass diese modernen Kernwaffen, die nicht mehr auf Kernspaltung und langfristige Verseuchung zielen, selbstverständlich auch nicht mehr aus einem Flugzeug geworfen werden, sondern mithilfe von komplexen Trägersystemen wie beispielsweise Mittelstreckenraketen in ein Ziel getragen werden.
All das macht den Einsatz von Atomwaffen nicht zu einer Lappalie, aber es sorgt doch für einen klareren Blick auf dieses Waffensystem. Entscheidend ist nach diesem kurzen Ausflug in die Technik abschließend der Hinweis, dass Deutschland mit einem Verzicht auf eigene Atomwaffen allein sowieso kein anderes Land daran hindern kann, ebendiese zu konstruieren – und sie nach Gutdünken einzusetzen. Im Gegenteil ist die Fähigkeit, adäquat zurückzuschlagen, die beste Lebensversicherung für die eigene Bevölkerung.

Eine russischer Raketentest.
Rechtliche Schwierigkeiten: Darf die Bundesrepublik Atomwaffen haben?
Zu den historischen Argumenten rund um das bundesrepublikanische Narrativ und das angsterfüllte Unverständnis um die eigentliche Funktionsweise von Atomwaffen gesellen sich noch weitere Hindernisse auf dem Weg zu einem atomar bewaffneten Deutschland. Nehmen wir an, dass die Mehrheit der Bevölkerung, der Medien- wie Kulturschaffenden wie auch der Politik morgen früh mit der Erkenntnis aufwachen, dass eine zivile und militärische Kernkraftnutzung die eigene und kontinentaleuropäische Souveränität am besten erhält.
Dies ermöglichte mittelfristig nicht nur die Produktion CO2-neutralen Stroms, den wir für bestehende und zukünftige Industrie dringend benötigen, sondern auch eine Unabhängigkeit von den USA. Gleichzeitig wäre Deutschland nach dem Brexit als Hegemon über den europäischen Kontinent, mindestens aber in Partnerschaft und auf Augenhöhe mit Frankreich etabliert.
Gegenüber Russland und China könnte die Bundesrepublik sich mit einer atomaren Lebensversicherung im Hintergrund sowohl diplomatisch wie auch militärisch selbstbewusster verhalten und aus einer Perspektive der Stärke in einem günstigen Moment auch wieder auf globale Abrüstung pochen. Neben der doktrinären Anpassung stellte sich dann die Frage, ob Deutschland überhaupt über Atomwaffen verfügen darf, da es sich in mehreren internationalen Abkommen auf den Verzicht derselben festgelegt hat.
Drei dominante rechtliche Hürden für deutsche Nuklearwaffen wären demnach zu beachten. Die geringste Hürde wäre der Atomwaffensperrvertrag (NVV), dem Deutschland beigetreten ist. Dieses Abkommen ermöglicht einem Land einen Austritt durch rechtzeitige Bekanntgabe, wenn außergewöhnliche Ereignisse im Zusammenhang mit dem Vertragsgegenstand seine höchsten nationalen Interessen gefährden. Die Konsequenzen eines Austritts wären politischer Natur, jedoch völkerrechtlich machbar.
Die zweite Hürde ist der sogenannte Zwei-Plus-Vier-Vertrag, das Abkommen über die Wiedervereinigung Deutschlands. In dieser Vereinbarung erklärte Deutschland, gewissermaßen als eine der vielen Gegenleistungen für die Wiedervereinigung, unter anderem den Verzicht auf eigene Atomwaffen. Die Regierungen der beiden deutschen Staaten stimmten der rechtlichen Regelung im Jahre 1990 jedoch unter Bestand einer Geschäftsgrundlage zu, wie wir sie auch im Zivilrecht kennen.Völkerrechtlich durfte das wiedervereinigte Deutschland davon ausgehen, dass es als Teil der NATO weiterhin unter dem amerikanischen Nuklearschirm existiert und Russland sich an seine Zusagen in Osteuropa halten würde. Wenn sowohl Washington als auch Moskau die Geschäftsgrundlage der 1990er („Rebus sic stantibus“) unverkennbar in Frage stellen, dann darf dieser grundsätzliche Verzicht zumindest einer Überprüfung durch deutsche Institutionen unterzogen werden.

Die Außenminister Frankreich der UdSSR sowie der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow, US-Außenminister James Baker sowie der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher und DDR-Außenminister Lothar de Maiziere nach der Unterzeichnung des „Zwei plus Vier“-Vertrages im Moskauer Hotel „Oktober“.
Das Grundgesetz als Bollwerk gegen Atom?
Die dritte und im eigentlichen Sinne wirklich gravierende rechtliche Hürde wäre das Grundgesetz selbst. Hier kommt es fast vollständig auf eine Rechtsprechung durch das Bundesverfassungsgericht an: Handelt es sich bei hypothetischen Nuklearwaffen nicht um unterschiedslose Massenvernichtungswaffen, dient sie nicht der Vorbereitung eines Angriffskrieges (als defensive Lebensversicherung und Abschreckungsmittel wäre das gegeben) und ist ihr Einsatz an enge Vorgaben und parlamentarische Kontrolle gebunden, dann ist die begrenzte atomare Bewaffnung im Lichte der weltpolitischen Lage mitnichten völlig ausgeschlossen.
Eine weitere Dimension der Debatte umfasst die ethischen Implikationen einer deutschen Nuklearbewaffnung.
Während Kritiker oft auf die moralische Verantwortung hinweisen, die aus der historischen Last des Zweiten Weltkriegs resultiert, argumentieren Befürworter, dass wahre Moral in der Verteidigung demokratischer Werte und der Prävention von Aggression liegt. Eine eigenständige Abschreckung könnte paradoxerweise zu mehr Frieden beitragen, indem sie potenzielle Konflikte von vornherein unwahrscheinlicher macht. Dennoch erfordert dies eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung, die über Parlamente hinaus in Schulen, Medien und Zivilgesellschaft geführt werden muss, um Konsens zu schaffen.
Zusätzlich könnte die Integration moderner Technologien wie Künstlicher Intelligenz in Nuklearstrategien die Debatte weiter komplizieren. Automatisierte Systeme zur Früherkennung und Reaktion könnten die Risiken minimieren, birgen aber auch neue Gefahren wie Fehlalarme. Deutschland, mit seiner starken IT- und Forschungsszene, wäre gut positioniert, um hier führend zu sein, vorausgesetzt, es überwindet seine traditionelle Skepsis. Letztlich hängt der Erfolg einer solchen Strategie von internationaler Kooperation ab, etwa innerhalb der EU, um eine fragmentierte Proliferation zu vermeiden und stattdessen eine kollektive Sicherheit zu stärken.
Schließlich bleibt festzuhalten, dass die rechtlichen Hürden, obwohl anspruchsvoll, durch politischen Willen und juristische Innovationen bewältigbar sein könnten. Eine fundierte Debatte, die Fakten über Emotionen stellt, wäre der Schlüssel, um Deutschland in einer unsicheren Welt zu positionieren. Nur so kann das Land seine Rolle als stabilisierender Faktor in Europa und darüber hinaus wahrnehmen, ohne in alte Abhängigkeiten zu verfallen.

Am Ende kommt es bei der deutschen atomaren Bewaffnung auf das Bundesverfassungsgericht an.
In einer Zeit zunehmender globaler Unsicherheit, wie dem anhaltenden Konflikt in Osteuropa und den Spannungen im Indopazifik, könnte eine eigenständige deutsche oder europäische Nuklearstrategie nicht nur als Abschreckung dienen, sondern auch als Katalysator für engere EU-Integration wirken. Deutschland, mit seiner starken Wirtschaft und technologischen Expertise, wäre in der Lage, eine führende Rolle einzunehmen, ohne die Allianz mit den USA aufzugeben. Stattdessen könnte eine hybride Lösung, etwa eine erweiterte nukleare Teilhabe, die transatlantischen Bindungen stärken und gleichzeitig europäische Autonomie fördern. Die Debatte sollte daher nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien geführt werden, sondern die Nuancen berücksichtigen, die eine moderne Nuklearpolitik bietet.
Darüber hinaus birgt die Auseinandersetzung mit der Kernkraft eine Chance, alte Narrative zu überwinden und eine evidenzbasierte Politik zu etablieren. Bildung und öffentliche Aufklärung könnten helfen, Mythen zu entkräften und das Verständnis für taktische versus strategische Waffen zu vertiefen. Letztlich geht es um die Frage der Souveränität: In einer multipolaren Welt, in der autoritäre Mächte an Einfluss gewinnen, muss Deutschland entscheiden, ob es weiterhin auf fremde Schirme angewiesen sein will oder ob es bereit ist, Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu übernehmen. Eine solche Haltung könnte nicht nur die nationale Resilienz steigern, sondern auch zu einer stabileren internationalen Ordnung beitragen.

Im Schneegestöber: Bundeswehr-Soldaten an der NATO-Ostflanke in Litauen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die rechtlichen Hürden zwar hoch sind, aber nicht unüberwindbar. Mit politischem Willen und einer fundierten juristischen Prüfung könnte Deutschland einen Weg finden, der mit seinen Verpflichtungen vereinbar ist und gleichzeitig die geostrategischen Realitäten anerkennt. Die Diskussion über Atomwaffen ist somit nicht nur eine Frage der Vergangenheit, sondern eine Investition in die Zukunft Europas.
Ist eine deutsche Nuklearbewaffnung überhaupt technisch umsetzbar?
Machbar ist eine atomare Bewaffnung Deutschlands allemal. In Bayern und Nordrhein-Westfalen finden sich die technischen Kapazitäten, um Uran innerhalb weniger Jahre waffenfähig anzureichern. Im Lagerbestand finden sich zwar keine perfekt geeigneten Trägersysteme, doch sollte es bei ernsthafter Absicht möglich sein, innerhalb kürzerer Zeit eine entsprechende Plattform zu produzieren. Trotz des drohenden Abstiegs ist Deutschland noch immer eine der größten Volkswirtschaften der Welt mit einer leistungsfähigen Rüstungsindustrie. Typisch deutsch wäre es indes, wenn die Konstruktion und Fertigung von Atomraketen oder auch, in einem ersten Schritt, nuklearen Artilleriegranaten weniger Zeit in Anspruch nähme als die politische Frage, wo diese stationiert würden.
Will man die Frage nach einem nuklear selbstständigen Europa nicht endgültig klären oder über das Knie brechen, böte sich eine vorübergehende Verständigung mit Frankreich an. Frankreich könnte sein Arsenal an Atomwaffen, das überwiegend taktische Atomwaffen beinhaltet, vorerst in eigener Regie betreiben und auf eigene Kosten modernisieren. Deutschland würde beim Bau strategischer Nuklearwaffen gleichziehen, bis Europa auf Schutz von außen verzichten kann. Dies entspräche der offensiven beziehungsweise defensiven Doktrin der beiden größten Länder und würde die nukleare Kapazität Europas insgesamt stärken. Die französische Atomwaffe bliebe ein glaubhaftes offensives Abschreckungsmittel, während die deutschen Sprengköpfe lediglich das defensive Rückgrat Europas bildeten. Mit dieser Herangehensweise nähme man weiteren politischen Prozessen nicht zwangsläufig etwas vorweg, würde aber die Sicherheit der Bevölkerung durch eine seriöse Abschreckungspolitik erhöhen. Entscheidungen über die Europäisierung des Militärs muss man somit nicht sofort treffen, gewinnt aber Zeit und gute Karten für den Moment der Wahrheit. Einzig und allein der Zweifel bleibt, ob die Bevölkerung ihre atomaren Schauermärchen hinter sich lassen kann.
Die Frage lautet also nicht, ob Deutschland bereit für die Bombe ist. Die Frage lautet: Sind Sie es?
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Chris Becker
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