Das linke Lauern
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Ganz Deutschland spricht wieder über Sylt, und diesmal liegt es weder an sternburgsippenden Punkern noch an Christian-Kracht-Romanen. Anlass ist ein 16 Sekunden langer Videoschnipsel, der seit Donnerstagabend auf so ziemlich jedem sozialen Medium Deutschlands kursiert – und Grund für helle Aufregung ist. Darauf zu sehen: eine Gruppe junger Menschen, die zur Melodie von Gigi d’Agostinos „L'Amour Toujours“ die Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ grölt. Ein etwas kräftigerer Mann mit weißem Hemd und Pullover über den Schultern imitiert ein Hitlerbärtchen und reckt den Arm in die Luft, was womöglich ein Hitlergruß sein könnte, vermutlich aber die Passage „Ausländer raus“ mittels Geste unterstreichen soll. Die Stimmung ist ausgelassen, die Gesänge fremdenfeindlich. Der Schnipsel stammt vom Pfingstwochenende und wurde im Lokal „Pony“ in Kampen auf Sylt aufgenommen.
Man könnte die Feierorgie als geschmacklose Petitesse abtun, als dämliche Party-Entgleisung, die darin mündete, dass die angeschwipste Segeltreterjugend am Wochenende die Sau rausließ. Könnte. Denn das würde unterschätzen, welche Massenpsychose dieses Land inzwischen erfasst hat – und dass „Sau rauslassen“ dazu geführt hat, dass nun Säue durchs Dorf getrieben wird.
Hinrichtung an der digitalen Guillotine
Denn seit gestern hallt offenbar Dö-Dö-Döp, Dö-Dö-Döp durch die Regierungszimmer dieses Landes. Die Feier von Sylt ist zum Politikum geworden, das sowohl Nancy Faeser als auch Olaf Scholz auf den Plan rief. Der Kanzler nannte solche Parolen „ekelig“ und „nicht akzeptabel“, die Bundesinnenministerin ging noch einen Schritt weiter: „Wer solche Nazi-Parolen grölt, ist eine Schande für Deutschland.“ Die SPD dachte kurzerhand, es sei eine gute Idee, „Deutschland *den* Deutschen“ auf eine Social-Media-Kachel zu klatschen, als Distinktionsmerkmal versteht sich.

Für die Tagesschau waren die Vorfälle der nordfriesischen Insel sogar einen eigenen zwei Minuten und 12 Sekunden langen Beitrag wert, mitsamt fachkundigen Einschätzungen der Amadeu-Antonio-Stiftung („Wir haben schon öfter Dorffeste und Karnevalsfeste gesehen, wo rassistische Parolen geschrien wurde“) und des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU), der es „absolut richtig“ fand, dass „mit ganzer Härte“ dagegen vorgegangen wird. Die gleiche Tagesschau verzichtet gleichzeitig wohlgemerkt auf die Berichterstattung über jedes Tötungsdelikt durch Asylbewerber, denen man dann, wie im Fall von Maria Ladenburger aus Freiburg, „überregionale Relevanz“ abspricht. Doch das nur am Rande.
Denn nicht nur die Tagesschau ist in Aufruhr, sondern auch zahlreiche Social-Media-User und mutige Journalist*innen, die nun die Demokratie verteidigen und sich in einer Mischung aus Hinrichtungsmechanismen und Selbstjustiz im Internetpranger versuchen. Der WDR-Journalist Martin Kaul schrieb auf Twitter: „Ich möchte gerne wissen, wer diese Menschen sind, was sie dazu sagen, wie es weitergeht. Wenn ihr es wisst, oder falls ihr dabei wart, meldet euch gerne bei mir.“ Es dauerte nicht lange. Der WDR selbst recherchierte, wer die Personen im Video sind. Keinen halben Tag später waren alle Namen der Übeltäter bekannt. Sie heißen Juri, Maximilian, Elisa, Christian und Moritz, kommen aus Bayern, engagierten sich mitunter in der lokalen CSU – und wurden nicht nur namentlich geoutet, sondern auch bei ihren Arbeitgebern angeschwärzt. Eine PR-Firma trennte sich von ihrem Mitarbeiter, die taz machte das stolz publik. Das ganze Prozedere gleicht der Denunziation der Guten, wobei Denunziation womöglich untertrieben ist. In Wirklichkeit ging und geht es hier darum, Existenzen junger Menschen zu zerstören. Und das linke Milieu – von Politikern über Parteien bis Journalisten – ist zu einer professionellen Lauermaschine geworden, die das nächste Hitler-Video nur herbeisehnt.
Ohnehin: Ist es jemandem mal aufgefallen, wie trunkene Schampusjungspunde ausermittelt, geoutet und verfolgt werden? Während ihre Identitäten bekannt werden und die Konsequenzen nicht auf sich warten lassen, weiß bis heute niemand (oder nur die wenigsten), wie die Initiatoren der Kalifatsdemos in Hamburg heißen. Und überhaupt: Wie kann man dem Vorfall aus Sylt bundesdeutsche Relevanz beimessen, während in deutschen Städten täglich schwerste Gewaltdelikte stattfinden, die niemanden zu interessieren scheinen?
Warum hat die Tagesschau gestern nicht über den 18-jährigen Türken aus Heidelberg berichtet, der festgenommen wurde, weil eine Synagoge angreifen wollte? Den Fall aus dem sächsischen Gelenau, wo ein Senegalese betrunken Frauen auflauerte und Passanten mit Messern angriff? Den Tötungsversuch in Wangen, wo ein Syrer ein Kleinkind attackierte?
Man könnte ewig so weitermachen – und die Wahrheit ist, dass es tagtäglich mehr Fälle gibt, die wirkliche Relevanz haben und die Alltagssorgen der Menschen abbilden. Diese Fälle werden aber nicht nur in den Nachrichtensendungen ignoriert, sondern die Täter auch noch in der Lokalpresse zumeist gepixelt; und darauf verwiesen, dass man nicht generalisieren sollte und Resozialisierungsmaßnahmen sie auf den richtigen Pfad bringen. Stattdessen: Sylt ist Staatsskandal.

Kalifatsdemo in Hamburg: Wie viele der Namen sind bekannt?
Auch das jetzt oft wiederholte Argument, wonach man „jeden Extremismus“ gleichermaßen verurteilen solle, überzeugt nicht. Dies ist eine Binse – und stimmt freilich im luftleeren Raum. Aber wir leben nun mal nicht im Vakuum, sondern in einer Lebensrealität, wo feiernde junge Menschen, die dumme und unappetitliche Parolen grölen, zum Staatsskandal aufgeblasen werden. Diese Fixierung auf Gesinnungstaten ist auch deshalb so befremdlich, weil nicht die politische Motivlage über die Schwere der Konsequenzen entscheidet. Wenn junge Menschen in einer Disko Parolen anstimmen, sind das „extremistische Taten“, für die Ressourcen des Staatsschutzes gebunden werden und Medien berichten; wenn ein Somalier Menschen ersticht und ihnen Handgelenke abhakt, tut er das ohne politische Überzeugung und wird zur Randnotiz. Welcher Fall schwerer wiegt, kann jeder selbst entscheiden.
Die Wirkmacht eines Memes
Doch dieser Skandal offenbart noch etwas Anderes: Die gesamte linksliberale Öffentlichkeit versteht nicht ansatzweise, was ein Meme ist – und welche Gruppendynamiken dahinterstecken. Sie hat es bei Pepe in den USA nicht verstanden, bei dem ein Frosch zum Symbol der Alt-Right-Bewegung wurde. Sie hat es beim White-Power-Symbol nicht verstanden, der aus eine Präzisionsgeste ein angebliches Überlegenheitssymbol der weißen Rasse werden ließ. Und er begreift auch nun auch im Falle von Gigi d'Agostino nicht. All diese Fälle haben gemeinsam, dass die geradezu lächerliche Fixierung darauf die kulturellen Codes – und bestimmte Lesarten – erst bekannt machten. Memes als kulturelle Sprache verbreiten sich dabei wie ein Lauffeuer. Auf die Dorfdisko folgt Sylt, und auf Sylt folgt ein Schützenfest in Niedersachsen – worüber wiederum die tagesschau berichtete, weil dort, ähm ja, erneut rassistische Parolen gesungen werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Internetuser die „Ausländer raus“-Gesänge unter den deutschen Torjubel für die anstehende Fußball-EM oder neue Lena Meyer-Landruth-Songs montieren werden.
Das soll nicht die „Ausländer raus!“-Message sakrosankt sprechen, sondern deutlich machen: Es gibt Codes, die sich im Internetzeitalter verselbstständigen und die Boomerlogik verlassen, die all das verurteilen will. Es ist anzunehmen, dass keiner der jungen Menschen aus Sylt rechtsextreme Ansichten vertritt, sondern angetrunken war, eine Melodie gehört hat und seinen Instinkten gefolgt ist, die sich zuvor als Teil der digitalen Sphäre in sein Hirn eingebrannt hat. Glaubt hier ernsthaft jemand, dass von den Feiernden irgendeine Gefahr ausgeht, ernsthaft?

Pepe der Frosch, ein Internetmeme.
Jedem, der diesen Internetmoment kennt, dem schießen die Worte „Ausländer raus“ in den Kopf, wenn er die Melodie von Gigi d’Agostino hört. Jedem. Daran ist nichts verwerflich. Sollte man es deshalb in der Öffentlichkeit singen? Natürlich nicht, und das ist auch das, was man den Sylt-Feiernden vorwerfen sollte. Sie haben sich daneben benommen, nunja. Aber es ist regelrecht lustig, wie Vorkämpfer aus diesem Video ernsthaft eine Linie zu rechten Morden ziehen, obzwar anzunehmen ist, dass die Lebensrealität dieser Menschen näher an Merinowolle und Panamera denn an Ian Stuart und Eugeniktheorie ist.
Am Ende entblößt der Skandal um Sylt den gesamten Kollektivwahn der Bundesrepublik. Ein Land, in dem die Bonzenjugend auf Sylt, die „Ausländer raus“ grölt, mehr Menschen empört als Kalifatsdemos mit 2000 Teilnehmern in Hamburg und in dem Remigrationskonferenzen in Landhäusern Massendemos und Bundeskanzlervideos auslösen, aber Vergewaltigungs- und Tötungsfälle von Asylbewerbern ignoriert werden, das ist ein Land, das komplett Kompass und Koordinaten verloren hat.
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Jan A. Karon
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