Deutschlands Deindustrialisierung: Die gefährliche Abwanderung der BASF nach China
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Bei der BASF in Ludwigshafen am Rhein häufen sich seit einiger Zeit die schlechten Nachrichten. Angefangen hat es im Januar dieses Jahres mit den Zahlen für 2023. Die waren katastrophal.
Der Umsatz fiel im letzten Jahr um nie dagewesene 21 Prozent und das Vorsteuerergebnis um unfassbare 76 Prozent auf magere 1,34 Milliarden Euro. Die Kapitalrendite (ROCE) liegt bei 4,5 Prozent, ein Wert, den sonst Getränke- und Gemüsehändler erreichen und risikolose Indexfonds locker schlagen. Keine vier Wochen später kam die nächste Hiobsbotschaft vom größten Chemiekonzern der Welt: Um Kosten zu senken, will BASF neun Anlagen in Ludwigshafen schließen und 700 Stellen abbauen, was zu Einsparungen von 250 Millionen Euro führen soll.

Die BASF in Ludwigshafen am Rhein.
Der letzte Donnerschlag ereignete sich jetzt im Mai. Da verkündete die Presseabteilung des Chemieriesen, dass die Großanlagen zur Produktion von Ammoniak, Methanol und Melamin verkauft und weitere acht Anlagen an Standorte mit niedrigeren Energiepreisen und weniger Behördenauflagen umgesetzt werden sollen.
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Man muss es Menschen, die die Bedeutung dieser Ankündigungen nicht spontan einschätzen können, nachsehen: Berichte aus der Industrie haben keine Konjunktur in diesem Land, viele Menschen interessieren sich nicht für Wirtschaft, und die meisten Medien berichten darüber weder kompetent noch analytisch.
Ludwigshafen am Rand des Abgrunds
Deshalb möchte ich hier einmal etwas klar auf den Punkt bringen: Das, was die BASF da vorhat, ist ein Erdbeben, ein Game-Changer, eine Umwälzung in der deutschen Chemieindustrie, wie es sie seit dem Untergang von Hoechst nicht mehr gegeben hat.
Wer auch nur die mindeste Ahnung von Chemie, Wirtschaft und dem Rhein-Neckar-Dreieck hat, der weiß: Die Pläne der BASF werden das hoch verschuldete Ludwigshafen an den Rand des Abgrunds bringen und Wirtschaft, Gesellschaft, Arbeitsmarkt und Zukunftsaussichten in der dortigen Metropolregion nachhaltig verändern. Die Ausstrahlungen werden von Worms bis Karlsruhe, von Heidelberg bis Kaiserslautern zu spüren sein.
Denn das, was die BASF da in Ludwigshafen betreibt, ist ein Chemie-Verbundstandort, aber nicht irgendeiner, sondern der größte und effizienteste auf der Welt. Verbundstandort bedeutet: In Ludwigshafen stehen, direkt am Rhein, hundert und mehr große und kleine Chemiefabriken, die durch 2850 Kilometer Rohrleitungen miteinander vernetzt und aufeinander abgestimmt sind. Fabriken, in denen bei exothermen Reaktionen Energie frei wird, geben diese in Form von Dampf an andere Fabriken daneben ab, die Energie brauchen, weil dort endotherme Reaktionen ablaufen. Dieser engmaschige Verbund sorgt durch energetische Synergien und ausgeklügelte Logistik für niedrige Fixkosten und eine Produktionsvielfalt, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt – 45.000 Produkte werden im Werk Ludwigshafen hergestellt.

Martin Brudermüller, der Vorsitzende des BASF-Vorstands.
Und dieses industrielle Wunderwerk, das in 150 Jahren immer größer und besser wurde, in dem 1913 durch Carl Bosch die Ammoniaksynthese erstmals großtechnisch im Hochdruck umgesetzt wurde, das Generationen von Menschen Arbeit und Einkommen gegeben, Städten und Kommunen Steuern und Abgaben verschafft hat – dieses Werk steht jetzt vor seinem langsamen Ende.
Denn das ist die schlechte Nachricht, die von der Presseabteilung der BASF, die gelernt hat, Rückschläge, Kalamitäten und Katastrophen als Siege zu verkaufen, nie auch nur ansatzweise diskutiert wird: Der Standort Ludwigshafen befindet sich auf dem absteigenden Ast. Wo Anlagen verschwinden und Investitionen austrocknen, verschwinden auch Arbeitsplätze, während neue, riesengroße Probleme entstehen. Wer das für Schwarzseherei hält, der muss nur ins Ruhrgebiet schauen, wo noch vor 40 Jahren Bergwerke, Gruben, Stahlhütten, Hochöfen und Walzwerke arbeiteten, die längst verschwunden sind und der Region jene desolate Binnenkonjunktur beschert haben, an der sie heute noch leidet.
Ausgerechnet China!
Der geplante Niedergang des Standortes Ludwigshafen wirft die Frage auf: Wo investiert die BASF denn in Zukunft? Wo baut der Konzern neue Anlagen, errichtet Werke, investiert, forscht, patentiert und testet neue Verfahren? Die Antwort lautet: in China.
Ausgerechnet in China, das längst dabei ist, sich vom Freund des Westens zum Feind zu wandeln. China, in dem das Covid-Virus und die folgende Weltkatastrophe ihren nie geklärten Ausgang nahmen. China, das seit Jahren an einer gigantischen Immobilienkrise laboriert, die Banken, Wirtschaft und Finanzsektor hinunterzieht und noch lange nicht vorbei ist. Ausgerechnet China, das Taiwan offen mit Krieg droht, seit Jahrzehnten Nordkoreas Diktatur künstlich am Leben erhält und den Philippinnen, Vietnam und Indonesien die Hoheitsgewässer im Südchinesischen Meer mit Kanonenbooten streitig macht.

Die BASF und China: ziemlich beste Freunde?
Dieses zunehmend aggressivere China also, das im Inneren vor riesigen Problemen steht, deren Lösung keiner kennt, ist offenbar die Zukunft für die BASF, die beste Hoffnung für Management, Aktionäre und Mitarbeiter, deren Boni, Weihnachtsgelder und Betriebsrenten anscheinend bald dort verdient werden.
Natürlich haben Vorstände, Strategen und Planer der BASF sich lange überlegt, warum sie die Zukunft in China sehen. Und ihre Argumente, die der Vorstand unermüdlich wiederholt, sind – ginge es nur um die Zahlen – durchaus richtig, wenn auch weder neu noch originell: Asien macht 63 Prozent des globalen Chemiemarktes aus und Europa 17 Prozent, die BASF aber erwirtschaftet 40 Prozent ihres Umsatzes nach wie vor in Europa und nur 25 Prozent in Asien. Deshalb muss der Ludwigshafener Konzern nach Asien und da wiederum nach China, denn das ist der größte Chemiemarkt der Welt mit einem enormen Wachstum. Auch das ist richtig: China produzierte 1995 kaum fünf Prozent des Chemie-Outputs der Welt, heute sind es 30 Prozent; zählt man die Produktion ausländischer Chemieunternehmen in China hinzu, dann wird heute die Hälfte aller Chemieprodukte auf der Welt in China hergestellt, in wenigen Jahren sollen es drei Viertel sein.
Zhanjiang ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte der BASF
Und in diesem Markt will die BASF nun kräftig mitmischen. Deshalb baut das Unternehmen im südchinesischen Zhanjiang auf einer Insel vor der Küste für zehn Milliarden Euro einen Verbundstandort von der Größe einer Kleinstadt. Hier sollen ab 2025 Grundchemikalien wie Ethylen, Ethylenglycol (dient als Kühlflüssigkeit für Motoren und Ausgangsprodukt für Polyesterfasern) und Methylglykol (wird als Bremsflüssigkeit für Autos eingesetzt) für den chinesischen Markt produziert werden. Zhanjiang ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte der BASF und wird nach Ludwigshafen und Antwerpen der größte und modernste Standort des Unternehmens sein.

In der chinesischen Stadt Zhanjiang will die BASF wirtschaften.
Beim ersten Hören klingt das alles supergut: Der behäbige alte Pfälzer Chemiegigant, der in den letzten Jahrzehnten jetzt nicht mehr so innovativ war und zuhause unter himmelhohen Gas- und Strompreisen und industriefeindlichen Behörden leidet, rollt den größten Chemiemarkt der Welt auf und verdient dort massenhaft Geld, das er a) für die grüne Transformation seiner Anlagen in der EU verwendet und b) in Form üppiger Dividenden an seine Aktionäre ausschüttet. Also eine Win-win-Situation für alle, oder?
Nein, vermutlich nicht. Die Chinesen haben selbstverständlich ein Rieseninteresse daran, dass ein Weltkonzern wie die BASF State-of-the-art-Anlagen in ihrem Land baut. Anlagen, die der chinesischen Autoindustrie helfen, den Rest der Welt mit billigen Elektroautos zu überschwemmen; Anlagen, deren Geheimnisse via Mitarbeiter, Behörden, Drohnen, Glasfaserleitungen etc. ihren mysteriösen Weg zur chinesischen Konkurrenz finden; Anlagen, deren profitabler Betrieb vom guten Willen chinesischer Bürgermeister, Amtsleiter, Provinzgouverneure und Minister, ausnahmslos Parteimitglieder, abhängig ist.
Und wenn sich der Wind dreht?
Das mag ein paar Jahre lang gutgehen. Dreht sich aber irgendwann der Wind, versiegt der gute Wille der Bürokraten, haben die BASF-Anlagen die Geheimnisse ihrer Katalysatoren Verfahren und Rezepturen preisgegeben, ist die chinesische Konkurrenz inzwischen selbst in der Lage, die Weltklasseprodukte der Ludwigshafener nachzustellen, dann werden sich nach und nach die Schwierigkeiten am Standort Zhanjiang mehren: Alte Steuern werden erhöht, neue geschaffen, Umweltauflagen werden drakonisch verschärft, bestehende Genehmigungen widerrufen, neue nicht mehr erteilt. Bis irgendwann in Zhanjiang kein Geld mehr zu verdienen ist und die Anlagen zu Ramschpreisen von der chinesischen Konkurrenz mit Krediten aus Peking übernommen werden.
Das ist das eine Szenario, das der BASF in Zhanjiang droht. Ich halte es für das wahrscheinlichere. Aber es gibt noch ein anderes: China bricht einen Krieg gegen Taiwan vom Zaun, in den die USA mithineingezogen werden. Das würde analog zum Ukraine-Krieg zur Ächtung Chinas durch die internationale Staatengemeinschaft und zu Wirtschaftssanktionen führen, auf die China, genau wie Russland, mit einer Verstaatlichung ausländischer Unternehmen reagieren würde.
Aber ganz egal, wie es mit der BASF in China im Einzelnen weitergeht: Das Unternehmen ist mit Zhanjiang ein enormes, im Endeffekt nicht vertretbares Risiko eingegangen, das bis zum Totalausfall führen kann. Ein solcher würde die BASF massiv schwächen und die Zukunft von Ludwigshafen mehr denn je infrage stellen.
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Markus Brandstetter
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